Manchmal sind es die leisesten Filme auf einem Festival, die den lautesten Nachhall erzeugen. Genau so ein Werk ist WHAT WE DREAMED OF THEN von Taylor Olson. Ein Film, der unter die Haut geht und mit großer Empathie dorthin blickt, wo die Gesellschaft lieber wegsieht.
Bereits im dritten Jahr zeigt das Filmfest Emden-Norderney in einer besonderen Kooperation Filme aus dem östlichen Teil Kanadas – und jedes Jahr bin ich aufs Neue fasziniert, welch wunderschöne Filme aus diesem Teil der Welt kommen.
Auf den ersten Blick ist Gideon (Taylor Olson) ein ganz normaler, funktionierender Teil der Gesellschaft: Er arbeitet leidenschaftlich als Schwimmtrainer und ist ein liebevoller Vater. Doch nach dem Zusammenbruch seiner Ehe und einer Kaskade finanzieller Rückschläge bricht sein Fundament weg. Während seine Ex-Partnerin Kya (Christie Burke) mit der gemeinsamen Tochter Faith (River Price-Maenpaa) bei den Eltern unterkommt, verliert Gideon seine Wohnung und landet in der Isolation. Er lebt fortan heimlich in seinem Van. Gefangen im Strudel aus Stolz, Scham und der beginnenden Pandemie von 2020 versucht er verzweifelt, die Fassade aufrechterzuhalten.
WHAT WE DREAMED OF THEN beschäftigt sich mit einem Phänomen, das keineswegs auf Kanada beschränkt ist: unsichtbare Wohnungslosigkeit. Gideon duscht in der Schwimmhalle, wäscht regelmäßig seine Kleidung und lässt sich selbst bei Treffen mit seiner Tochter nichts anmerken.
Taylor Olson kennt Teile von Gideons Lebenswirklichkeit aus eigener Erfahrung: Mit 19 Jahren lebte er vier Monate in einem Van, während er als Schwimmtrainer arbeitete. Später erlebte er das Auseinanderbrechen seiner eigenen jungen Familie, konnte sich allerdings auf ein unterstützendes Umfeld verlassen. Gideon entsteht aus diesen Erfahrungen, bleibt aber mehr als ein bloßes Selbstporträt: Olson verbindet biografische Berührungspunkte mit der Frage, was geschieht, wenn dieses rettende Netz fehlt.
Dass Gideon arbeitet und sich dennoch kein eigenes Zuhause leisten kann, ist für Olson der entscheidende Widerspruch seiner Geschichte. In unserem Interview beschreibt er die Wohnungsnot in Halifax als Ausgangspunkt des Films und verweist auf die aus seiner Sicht bestehende Kluft zwischen Mindestlohn und existenzsicherndem Einkommen. Seine Kritik richtet sich dabei gegen Hilfsangebote, die seiner Einschätzung nach häufig erst nach dem Wohnungsverlust greifen. WHAT WE DREAMED OF THEN stellt damit das Versprechen infrage, dass Erwerbsarbeit allein vor dem sozialen Absturz schützt.
Einen weiteren Ausgangspunkt fand Olson in der Begegnung mit einem wohnungslosen jungen Mann, dessen Zustand sich während der Pandemie drastisch verschlechterte. Geschlossene Einrichtungen bedeuteten für Menschen wie ihn nicht bloß Einschränkungen, sondern den Verlust von Toiletten und sauberem Wasser. Vor diesem Hintergrund bekommt die Pandemie eine besondere Härte: Wo andere sich in ihre Wohnungen zurückziehen konnten, verschwanden für Menschen ohne eigenen Wohnraum elementare Voraussetzungen eines menschenwürdigen Alltags.
Olson erzählt seine Geschichte in zwei gegenläufigen Zeitebenen, die sich immer mehr annähern. Das war für Olson von Anfang an Bestandteil der Geschichte. Eine im Schnitt erprobte chronologische Fassung verwarf er, weil sie dem Film jene schrittweise Freilegung genommen hätte, auf die seine Erzählung zielt. Die Vergangenheit liefert damit nicht einfach Erklärungen für die Gegenwart: Beide Lebenswirklichkeiten treten in einen zunehmend schmerzhaften Gegensatz, der die Entfernung zwischen Gideons früherem Leben und seiner jetzigen Situation erfahrbar macht. Am Ende mündet WHAT WE DREAMED OF THEN in zwei Bilder, die genau diesen Gegensatz auf eindrucksvolle Art und Weise auf den Punkt bringen.
Auch der Titel verweist auf diese wachsende Entfernung. Olson verbindet ihn mit dem Versprechen, ein besseres Leben müsse vor allem ein Leben mit mehr Wohlstand und größerer Sicherheit sein. Gideons Tragik liegt für ihn auch darin, erst rückblickend zu erkennen, welchen Wert das bereits Vorhandene hatte. Dabei beschreibt der Regisseur seine Figur weder als ausschließliches Opfer der Verhältnisse noch als alleinigen Urheber ihres Unglücks: Persönliche Fehlentscheidungen treffen auf eine Gesellschaft, deren Sicherungsnetz im entscheidenden Moment nicht trägt.
Taylor Olson verantwortet nicht nur Drehbuch und Regie, sondern übernimmt auch die Hauptrolle – eine Konstellation, die Kontrolle und Loslassen gleichermaßen verlangt. Wie er im Gespräch erläutert, trennte er deshalb in der Vorbereitung konsequent zwischen Schauspiel und Regie, um sich während des Drehs stärker auf seinen Instinkt verlassen zu können. Entscheidend war dabei das Vertrauen in sein Team, insbesondere in seinen Kameramann Kevin A. Fraser, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet: Nach einer Aufnahme genügte mitunter ein Blick, um sich darüber zu verständigen, ob eine Szene bereits das Gesuchte erreicht hatte. Die kreative Mehrfachbelastung bewältigte Olson damit nicht durch den Anspruch, alles allein zu kontrollieren, sondern durch eine Zusammenarbeit, die ihm vor der Kamera den nötigen Freiraum gab.
Die Bildgestaltung folgt einer bewusst einfachen Unterscheidung: Weite, statische Einstellungen betrachten Gideons Umgebung aus der Distanz, während nahe Handkameraaufnahmen seine subjektive Erfahrung vermitteln sollen. Olson und sein Kameramann Kevin A. Fraser entschieden sich zudem gegen das zunächst erwogene enge Bildformat und für ein ungewöhnlich breites Verhältnis von 2,5:1. Gerade im Van sollte die Breite nicht Freiheit vermitteln, sondern die Umgebung beinahe um Gideon herum schließen – als Raum, der ihn ständig umgibt und kaum Rückzug zulässt.
Olson versteht Gideon im Kern als warmherzigen, empfindsamen Menschen, dessen Gefühle schnell ins Extreme ausschlagen können. Seine Hoffnung ist deshalb nicht einfach Ausdruck von Unbekümmertheit, sondern eng an den Wunsch gebunden, die Beziehung zu seiner Tochter aufrechtzuerhalten. Olson, der kurz vor dem Dreh erneut Vater geworden war, bezeichnet den Film in unserem Gespräch sinngemäß als Liebesbrief an seine beiden Kinder.
WHAT WE DREAMED OF THEN erzählt von der schmerzhaften Entfernung zwischen dem Leben, das man sich erhofft hat, und dem, das einem geblieben ist. Doch Gideon bleibt mehr als die Summe seiner Fehlentscheidungen und seiner Not: ein Vater, der um die Nähe seiner Tochter kämpft und sich seine Hoffnung trotz allem nicht ganz nehmen lässt. Darin liegt die besondere Kraft dieser Geschichte – sie fordert nicht dazu auf, über einen Menschen zu urteilen, sondern genauer hinzusehen.
Beim Filmfest Emden-Norderney hatte ich im Juni 2026 die Gelegenheit, mich mit dem Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller Taylor Olson ausführlich über seinen Film WHAT WE DREAMED OF THEN zu unterhalten.
What We Dreamed Of Then (Kanada 2025)
104 Minuten
Drama
Taylor Olson
Taylor Olson
Kevin A. Fraser
Taylor Olson, Christie Burke, River Price-Maenpaa, Parveen Kaur, Hugh Thompson