Nun haben wir wieder einen Fernsehfilm, der einen Event-Kinostart in Deutschland bekommt. Ab Herbst dann auch in der ARD-Mediathek. SOMMER AUF ASPHALT erfüllt als deutsche Tragikomödie dann auch alle Vorgaben für gediegene TV-Kost: um die 90 Minuten lang, unterhaltsam, etwas Tragik (aber nicht zu tiefgehend) und bekannte Stars in den Hauptrollen.
Tagsüber rast Valeska a.k.a. Les (Mala Emde) als Fahrradkurierin von Lieferung zu Lieferung, nach Feierabend stürzt sie irgendwo mit ihren Freunden vom Kurierdienst ab. Anhalten, innehalten oder sich Gedanken über die eigene Zukunft machen: nicht mit Les. Doch auf einmal steht ihr entfremdeter Vater Norbert (Christoph Maria Herbst) vor der Tür. Les wohnt zwar bereits acht Jahre in ihrer Wohnung in Hamburg, aber komplett eingerichtet hat sie sich noch immer nicht. Vater Bert bemängelt auch gleich das fehlende Licht über dem Waschbecken im Bad. Außerdem ist sie plötzlich schwanger. Von Tyler (Aaron Hilmer), ihrem eher grenzdebil wirkenden Kollegen bei den „Pedal Piloten“. Der nervt hart mit Jugendsprache, die nicht authentisch rüberkommt. Aber Vater, da hat er Bock drauf!
Als ob das noch nicht genug ist, hat Les auch noch eine lesbische Beziehung mit Roya (Gina Haller), die als Immobilienmaklerin arbeitet. Genervt von der Situation steigt Les zum Abreagieren aufs Rad und fliegt dabei über den Lenker. Das Schlüsselbein ist gebrochen, sonst aber alles unversehrt. Fahrrad fahren kann sie erst einmal nicht. Sie kommt aber ins Nachdenken – könnte sie vielleicht doch eine gute Mutter sein, obwohl sie selbst nie eine hatte? Ihr Vater springt für sie bei den „Pedal Piloten“ ein, da Les nicht einmal krankenversichert ist. Auf seine eigenen (gesundheitlichen) Probleme muss er so nicht zu sprechen kommen.
Ruckizucki geht es also in SOMMER AUF ASPHALT mit dem Fahrrad durch Hamburg. Eine Bank in Blankenese, dann schwuppdiwupp Planten un Blomen, das Knust, der Lattenplatz, die Poststraße, der Blumenpavillon vor den Grindelhochhäusern. Und natürlich die HafenCity. Immer wieder. Die Fahrradstadt Hamburg wird ganz hübsch in Szene gesetzt. Doch die Dialoge der „Pedal Piloten“, die für Les zu einer Ersatzfamilie geworden sind, verharren zu sehr in Hamburger Schnack und Jugendsprech. Bert fühlt sich natürlich auch gleich als Teil der Familie. Doch ein Spruch, den er Les gegenüber auf dem Balkon droppt, bringt es auf den Punkt: „Da trägt so‘n Typ sein Leben lang einen Helm und kriegt einen Tumor im Kopf.“
Fernseh- und Werbefilm-Regisseur Simon Ostermann drehte vor SOMMER AUF ASPHALT mit Mala Emde bereits die Serie „Oh Hell“. Und spätestens seit „Köln 75“ ist die junge Schauspielerin auch ein Aushängeschild des deutschen Films. Christoph Maria Herbst („Extrawurst“, „Ganzer halber Bruder“) spielt Vater (Norbert auf seine unnachahmliche Art und Weise, die mittlerweile aber auch ziemlich abgespult daherkommt. Und Aaron Hilmer („Das schönste Mädchen der Welt“), einer der deutschen Newcomer schlechthin, soll als Tyler wohl anarchischen Charme versprühen, gerät mit seiner aufgesetzt klingenden Jugendsprache aber vor allem zur Nervenprobe. Wurde der Dialog von einer KI generiert? Das Drehbuch stammt übrigens von Brix Koethe, frei nach dem Roman „Pedalpilot Doppel Zwo“ von Wolf Schmid.
Les sitzt nun mit Armschlinge auf der Couch und ist wenig begeistert davon, dass ihr Vater so sehr in ihr Leben eingreift. Und dass er es dabei auch noch zu einiger Beliebtheit bei ihren Freunden bringt. Um Bert davon abzuhalten, noch mehr von ihrem Leben zu klauen, geht Les schließlich auf dessen Angebot ein, ihre Mutter zu treffen. Gemeinsam mit Tyler und Bert besucht sie die Lesung der Bestsellerautorin Ruby Lawrence alias Les’ Mutter Sonja (Jenny Schily). Sie hat Bert mit der damals fünfjährigen Les im Stich gelassen, um Karriere zu machen. Als es nach der Lesung zum Streit kommt, gesteht Les ihren Eltern die Schwangerschaft – und kündigt an, das Kind gemeinsam mit Tyler bekommen zu wollen.
Die Filmmusik von Linda-Philomène Tsoungi und der deutschsprachige Song von Trille, der gleich mehrfach in SOMMER AUF ASPHALT eingesetzt wird, bringen die Geschichte ganz gut auf den Punkt. Und Gaststars wie Heinz Strunk als Vater eines krebskranken Kindes und Jan Ullrich als Fahrradkurier sorgen zwar für Aha-Momente, können aber die Eindimensionalität der Erzählung nicht durchbrechen. Dem Publikum wird es vielleicht dennoch gefallen, denn Regisseur Simon Ostermann darf seine Tragikomödie als Eröffnungsfilm auf dem Internationalen Filmfest Emden-Norderney zeigen und ist dort auch für den Bernhard-Wicki-Preis nominiert.
Also: LESGO! So steht es zumindest auf dem neuen Rennrad, das Bert seiner Tochter schenkt. Nachdem sein Gehirntumor entfernt wurde, darf er noch etwas Zeit mit seinem Enkelkind verbringen. SOMMER AUF ASPHALT ist übrigens der deutschen Schauspielerin Wanda Perdelwitz gewidmet. 2025 starb sie bei einem Fahrradunfall in Hamburg. Große Bekanntheit erlangte sie ab 2012 durch ihre langjährige Hauptrolle in der Fernsehserie „Großstadtrevier“. Ihr Bruder Daniel Perdelwitz ist einer der Produzenten bei Wüste Medien.
Sommer auf Asphalt (Deutschland 2026)
92 Minuten
Tragikomödie
Simon Ostermann
Brix Vinzent Koethe
Johannes Greisle
Mala Emde, Christoph Maria Herbst, Aaron Hilmer, Gina Haller, Jenny Schily, Moritz Führmann
Filmwelt Verleihagentur GmbH