Es braucht nur „Eine Handvoll Mut und eine Prise Liebe“, damit wird die Erfolgsstory der legendären „Köchin und Hausfrau der Nation“ Betty Bossi gelingsicher. In dem Schweizer Spielfilm HALLO BETTY von Pierre Monnard („Platzspitzbaby“) überzeugt Sarah Spale in toller 1950er-Jahre-Retro-Ästhetik als Werbetexterin Emmi Creola, die das Phänomen zu verantworten hat. Feministisch, aber auch feinfühlig. Und ein Publikumshit in der Schweiz!
Emmi Creola (Sarah Spale) arbeitet bei der renommierten Werbeagentur Jäggi & Partner als Texterin. Eher bescheiden im Hintergrund. Doch sie entwickelt heimlich ein Konzept, wie das Speiseöl Astra vermarktet werden kann: Durch eine Kundenzeitung, die von einer fiktiven Kunstfigur präsentiert wird. Der Chef der Werbeagentur (Ueli Jäggi) nimmt sie zunächst nicht ernst. Doch ihr Kollege Jean-Claude Aeby (Cyril Metzger), frisch aus den Vereinigten Staaten zurück, erwähnt, dass diese Art von Werbung in Amerika bereits gang und gäbe ist. Und klaut ihr die Idee! Doch Emmi bleibt hartnäckig –, und kann die Männer von ihrer Version der Kundenzeitung überzeugen, mit Betty Bossi als Galionsfigur der Marke Astra und als Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht.
Die Kunstfigur Betty Bossi wurde 1956 tatsächlich von der schweizerischen Werbetexterin Emmi Creola-Maag erfunden. Der Blick zurück in die 1950er-Jahren zeigt in HALLO BETTY eine Gesellschaft im Aufbruch: Der Zweite Weltkrieg ist wirtschaftlich nun beinahe abgeschlossen, das Wirtschaftswunder nimmt rasant Fahrt auf und auch die Emanzipation der Frauen nimmt langsam, aber sicher Form an. Auch das Fernsehen hält Einzug in den Alltag. Fernsehstars werden geboren. In Deutschland erscheint mit Clemens Wilmenrod der erste Fernsehkoch am Bildschirm, der hier sogar einen TV-Cameo-Auftritt hat. Seine berühmteste Kreation: Der Toast Hawaii, der bis heute, besonders bei den Kindern, große Popularität genießt. Nach der Rationierungs-Erfahrung während des Weltkrieges will man nun nicht mehr nur satt werden, man will auch genießen dürfen!
Emmi fängt also an, die Kundenzeitung zu gestalten – zunächst im Alleingang. Nun braucht sie Rezepte. Am besten: gelingsicher. Einfach zu kochen, aber trotzdem raffiniert. Nachdem „gebratene Bananen“ nicht der Hit sind, bekommt sie durch die resolute Maxi Bossert (Rabea Egg), die sie zunächst als Putzkraft in der Werbeagentur kennenlernt, Zugang zur italienischen Küche. Maxi arbeitet nämlich auch in einem italienischen Ristorante. Die beiden versuchen, die geheimen Familienrezepte für „Betty Bossi“ zu bekommen. Als dies schließlich gelingt, wird die Kundenzeitung auch verstärkt wahrgenommen – und das Team dahinter expandiert. Im Keller von Jäggi & Partner werden fortan Castings für gelingsichere Rezepte mit Pfiff abgehalten. Und natürlich probegekocht.
Emmi ist aber auch Mutter von zwei Kindern. Und sie hat einen Mann, Ernst (Martin Vischer), der aktuell mehr zu Hause ist, als ihm lieb ist. Denn in seiner Baufirma, die er von seinem Vater übernommen hat, läuft es gerade nicht so gut. Bei Emmi dafür umso besser. Sie muss nun auch öffentlich als Betty Bossi auftreten: In Supermärkten und schließlich auch im Fernsehen. Seine Familie ist nicht begeistert, dass die Mutter und Ehefrau ständig beruflich unterwegs ist. Sie unternehmen einiges, um sie zurück an den Herd zu holen. Doch Emmi wird als Betty Bossi zur Stimme der Frauen in der Schweiz.
Und die Männer? Die können durchaus kochen lernen mit Betty Bossi. Den Frauen gefällt das.
Wie viele meiner männlichen Freunde habe ich in jungen Jahren das Kochen mit den Büchern von Betty Bossi gelernt. Dank der übersichtlich geschriebenen Rezepte habe ich quasi meine Unabhängigkeit am Herd erlangt und Freude am Kochen gewonnen. Auch heute koche ich noch immer sehr gern und teile mir die Hausarbeit und die Erziehung unserer Kinder mit meiner Frau, die ebenfalls vollzeitbeschäftigt ist. Meine Ehe verdankt Betty Bossi also vermutlich mehr, als ich zugeben würde.
Regisseur Pierre Monnard über den Lerneffekt für die Männer
Filmemacher Pierre Monnard überzeugt in HALLO BETTY mit einer tollen Retro-Optik (DoP: Tobias Dengler) und beleuchtet die gesellschaftlichen Mechanismen der damaligen Zeit feinfühlig, aber dennoch humorvoll. Trotz all der Frauenpower und Emanzipation darf Ehemann Ernst eine Entwicklung durchmachen: Zunächst schleppt er andauernd technische Gerätschaften (einen Fernseher, einen Toaster usw.) an, doch dann muss er sich auch um die Kinder und den Haushalt kümmern. Schließlich wird er zum größten Unterstützer seiner Frau, auch wenn der Weg dahin lang ist. Emmi wird als Betty Bossi schließlich zur „Köchin und Hausfrau der Nation“ und in der Rahmenhandlung auch von einer jungen Journalistin interviewt. Eine weibliche Erfolgsstory aus der Schweiz!
Nach „Platzspitzbaby“ liefert Monnard mit HALLO BETTY bereits seinen zweiten großen Publikumserfolg in der Schweiz ab: mehr als 150.000 Besucher sahen den Film im Kino. Hauptdarstellerin Sarah Spale war bereits im Vorgängerfilm mit von der Partie und kann auch in diesem identitätsstiftenden Emanzipations-Drama als kreative Pionierin vollends überzeugen. Die „Betty Bossi Post“ war übrigens die Bibel unter den Kochbüchern. Als beispielsweise Bossis Rezept für Tiramisu veröffentlicht wurde, war Mascarpone auf einen Schlag in der gesamten Schweiz ausverkauft.
Die Geschichte über die wohl erste Food-Influencerin wurde beim Geneva International Film Festival 2025 der Öffentlichkeit vorgestellt. Und auf dem Internationalen Filmfest Emden-Norderney lief HALLO BETTY in der Internationalen Reihe im Schwerpunkt „Film & Food“. Weitere Filme des Schwerpunkts waren „The Golden Spurtle“, eine Doku über die Weltmeisterschaften im Haferbrei-Kochen in der Ortschaft Carrbridge in den schottischen Highlands, sowie die US-amerikanische Dokumentation „Shelf Life“, die sich mit den Parallelen zwischen dem Reifeprozess von Käse und der menschlichen Erfahrung des Älterwerdens beschäftigt.1
Hallo Betty (Schweiz 2026)
112 Minuten
Tragikomödie
Pierre Monnard
André Küttel
Tobias Dengler
Sarah Spale, Martin Vischer, Rabea Egg, Viviana Zappa, Cyril Metzger, Ueli Jäggi, Morgane Ferru, Magdalena Neuhaus, Esther Gemsch, Thomas Douglas, Leonardo Nigro, Pablo Caprez, Dominique Müller
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