16 Jahre nach „The Social Network“ kehrt Aaron Sorkin in das Facebook-Universum zurück, das er einst als Drehbuchautor mitprägte. Für THE SOCIAL RECKONING übernimmt er erstmals auch die Regie – und erzählt keine klassische Fortsetzung, sondern die Geschichte eines Whistleblowers, der den Konzern von innen heraus erschüttert…
Im Zentrum von THE SOCIAL RECKONING steht die junge Produktmanagerin Frances Haugen (Mikey Madison, „Anora“), die während ihrer Arbeit beim Facebook-Konzern auf brisante Informationen stößt. Diese belegen, dass das Unternehmen bewusst die Sicherheit seiner Nutzer opfert, um Interaktionen – und damit den Profit – hochzuhalten. Das führt nachweislich von psychischen Schäden bei Jugendlichen bis hin zur gezielten Bevorzugung polarisierender Hassrede.
Frances Haugen will nicht länger schweigen. Sie wendet sich an den Investigativjournalisten Jeff Horwitz (Jeremy Allen White, „Shameless“, „The Bear“), mit dem sie Tausende interne Dokumente auswertet. Aus ihrer Zusammenarbeit entstehen die bahnbrechenden „Facebook Files“, die im Wall Street Journal offenlegen, wie Facebook die Sicherheit seiner Nutzer dem eigenen Profit unterordnet. Was folgt, ist ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel gegen das Heer von Rechtsanwälten und PR-Managern des Social-Media-Konzerns, das in den dramatischen Kongressanhörungen 2021 mündet.
Wer den Drehbuchautor Aaron Sorkin kennt, der weiß in der Regel, was ihn erwartet: Geschliffene Dialoge, oftmals auch lange, emotionale Reden und meist ein Blick hinter den Kulissen mächtiger oder hochkompetitiver Institutionen. Sorkin begreift zudem Sprache als Musik. Seine Dialoge leben von präzisen Rhythmen, bewussten Unterbrechungen und dem kunstvollen Überlagern mehrerer Stimmen. Auch in THE SOCIAL RECKONING entsteht daraus jene für ihn typische Dynamik: Figuren reden nicht einfach miteinander, sondern kämpfen mit jedem Satz um die Deutungshoheit.
Getragen wird das Drama von Mikey Madison und Jeremy Allen White, deren eindrucksvolle Chemie zeitweise sogar an klassische Screwball-Komödien erinnert. Dabei gelingt es Madison, die innere Zerrissenheit ihrer Figur glaubwürdig und spürbar darzustellen. Mit der Figur des Jeff Horwitz, mehr als überzeugend gespielt von Jeremy Allen White („Springsteen – Deliver Me From Nowhere“), gelingt Aaron Sorkin aber ein ganz besonderer Kniff: Indem er diesen als totalen Technologie-Legastheniker darstellt, kann er die komplexen Hintergründe der Recherchearbeit auch für Außenstehende verständlich erklären, ohne dabei ins Belehrende abzudriften.
Auf der inszenatorischen Seite spielt Sorkin hingegen auf Sicherheit. Er verzichtet auf Überraschungen und setzt auf eine klare Kameraarbeit von Jeff Cronenweth. Das mag vielleicht nicht jedermanns Sache sein, für mich hat sich das aber alles zu einem überzeugenden Ganzen zusammengefügt. Somit reiht sich THE SOCIAL RECKONING nahtlos in die Reihe typischer, im positiven Sinne altmodischer Journalistenfilme ein.
Da Jesse Eisenberg nicht in seine Rolle des Mark Zuckerberg zurückkehren wollte, übernimmt Jeremy Strong diesen Part. Er spielt Zuckerberg bewusst als kontrollierten und beinahe leblosen Machtmenschen. Diese Darstellung wirkt zunächst auffallend hölzern und lässt den Film an manchen Stellen aus dem Rhythmus geraten. Zugleich besitzt sie eine irritierende Nähe zu Zuckerbergs öffentlichen Auftritten – und erweist sich damit möglicherweise eher als bewusste Entscheidung denn als schauspielerischer Fehlgriff.
THE SOCIAL RECKONING ist ein Muss für alle, die soziale Medien nutzen – und für diejenigen, die deren Einfluss auf unsere Gesellschaft noch immer unterschätzen. Der Film liefert keine einfachen Antworten, macht aber eindringlich deutlich, wie wichtig investigativer Journalismus ist, wenn mächtige Technologiekonzerne ihre Verantwortung aus den Augen verlieren.
The Social Reckoning (USA 2026)
113 Minuten
Drama
Aaron Sorkin
Aaron Sorkin
Jeff Cronenweth
Mikey Madison, Jeremy Allen White, Wunmi Mosaku, Betty Gilpin, Billy Magnussen, Bill Burr, Jeremy Strong
Sony Pictures Releasing GmbH