Der Zug hat keine Bremsen! Ein unaufhaltsamer Anime-Hypetrain rast, nicht erst seit letztem Jahr, durch die deutschen Kinos. Wird der neueste Animationsfilm SCARLET von Oscar-Nominee Mamoru Hosoda („Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“, 2019) unter die Schienen geraten oder übernimmt er das Führerabteil?
Unlängst klingeln die Kinokassen beim Genre Anime. Allein 2025 lockte „Demon Slayer – Kimetsu no Yaiba: Infinity Castle“ bei uns über 1,1 Millionen Kinobesucher von ihren Sofas vor die Leinwände – und belegt damit Platz 15 der letztjährigen Kinocharts. Zum Vergleich: „Wicked; Teil 2“ (873 Tsd.), „Captain America – Brave New World“ (792 Tsd.) und auch „One Battle After Another“ (782 Tsd.) liegen deutlich hinter dem Dämonenschlächter aus Japan.
Der Trend zeigt klar in Richtung goldenes Zeitalter für die Anime-Branche im Kino. Mit SCARLET erwartet uns diesmal eine genderswitchende Anime-Fantasy-Version von William Shakespeares „Hamlet“. Die kleine Prinzessin Scarlet muss miterleben, wie ihr Vater von ihrem bösen Onkel ermordet wird. Sie sinnt auf Rache nach dem alttestamentarischen Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ und glaubt Jahre später, ihr Ziel erreicht zu haben, findet sich jedoch in einer Zwischenwelt zwischen Leben und Tod wieder. Dort muss sie sich nicht nur unzähligen Gegnern stellen, sondern lernt auch den Rettungssanitäter Hijiri kennen, der aus einer vollkommen anderen Zeitepoche stammt.
Zusammen begeben sich unsere mittelalterliche Kriegerprinzessin Scarlet und der pazifistische Sanitäter Hijiri auf ein Abenteuer in einer ihnen unbekannten Welt. Visuell geht Hosoda komplett neue Wege. Er nutzt einen Mix aus digitalen Techniken und traditionellem Anime-Look, was teilweise irritiert, auf der anderen Seite jedoch als totaler Augenschmaus heraussticht. Auch inhaltlich setzt der Regisseur auf eine Mischung aus Fantasy-Abenteuer, Romance und einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der Frage nach Rache und Vergebung.
SCARLET ist vieles – aber mit Sicherheit kein 08/15-Film. Trotz vieler wirklich großartig animierter Fights und einer mehrschichtigen Geschichte geht dem Werk leider besonders zum Ende hin die Puste aus, beziehungsweise genau das Gegenteil: es wird zu viel heiße Luft produziert. Das Anime findet einfach kein Ende und ergeht sich in Pathos.
Gehört jetzt Studio Chizus und Mamoru Hosodas Kinofilm in die Z-Stellung oder koppelt er sich an den Hypetrain? Wer mit erzwungener Emotionalität im Finale kein Problem hat, sollte unbedingt ein Ticket für SCARLET lösen. Gerade die visuellen Spielereien entlohnen für jede Sekunde der 112 Minuten Spielzeit. Obendrein gibt es krass choreografierte Schwertkämpfe, also Abfahrt ins nächste Kino!
Scarlet (Japan 2025)
112 Minuten
Animation / Drama
Mamoru Hosoda
Mamoru Hosoda
Mana Ashida, Masaki Okada, Kôji Yakusho
Sony Pictures Releasing GmbH