Mit ONE BATTLE AFTER ANOTHER hat Paul Thomas Anderson das erreicht, wovon wohl jeder Regisseur träumt: das Autorenkino mit dem Action-Genre zu versöhnen. Dieses Meisterwerk ist eine 162 Minuten lange filmische Achterbahnfahrt voller abrupter Wendungen, die den Zuschauer wie erschlagen zurücklässt. So muss Kino sein!
Gleichzeitig Polit-Thriller und absurde Komödie ist ONE BATTLE AFTER ANOTHER vor allem das zynische Porträt der heutigen USA – einem Staat, der immer mehr nach rechts abdriftet. Trump-Anhängern wird der Film gar nicht gefallen – und das ist auch gut so…
In seinem (seit dem Regiedebüt 1996 mit „Last Exit Reno“) erst zehnten Film nutzt Anderson zum zweiten Mal einen Roman von Thomas Pynchon als Vorlage – des US-Autors, der als der schwierigste lebende Schriftsteller der Welt gilt. Hatte er in „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ den gleichnamigen Roman noch ziemlich getreu adaptiert, nutzte er jetzt Pynchons zugänglichstes Werk „Vineland“ nur als Anregung für bestimmte Handlungsstränge: den Terrorismus-Hintergrund und die Vater-Tochter-Beziehung.
Nachts an der streng bewachten Grenze der USA zu Mexiko: Eine Gruppe bewaffneter Widerstandskämpfer namens „French 75“ überfallen das Otay Mesa Detention Center, ein Gefängnis der ICE, der „United States Immigration and Customs Enforcement“ – der mächtigen dem Ministerium für Innere Sicherheit unterstellten Polizeibehörde. Die hektische Kamera ist immer dicht an den Gesichtern der Revolutionäre, wie diese das Gefängnis stürmen und rund 200 inhaftierte Einwanderer befreien.
Die Anführerin, die Afroamerikanerin Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor), bedroht dabei den Chef des Bewachungskommandos, Colonel Steven J. Lockjaw (Sean Penn), und zwingt ihn unter Waffengewalt zu einer Erektion. Sie hatte seine lüsternen Blicke bemerkt. So treibt sie den Mann mit Ständer vor sich her und ist auch dem Sex mit ihm nicht abgeneigt. Sean Penn spielt dieses geile, rechte Arschloch (pardon!) mit all seiner Virtuosität. Was für ein drastischer Auftakt eines großen Films!
Im richtigen Leben ist Perfidia mit Bob Ferguson alias „Ghetto Pat“ (Leonardo DiCaprio), dem Sprengstoffexperten der Gruppe, liiert. Neun Monate später bringt Perfidia eine Tochter namens Willa zur Welt. Bei einem Banküberfall von „French 75“, den Anderson wie ein Ballett choreografiert, geht einiges schief, und Perfidia wird bei ihrer wilden Flucht verhaftet. Lockjaw, mit dem sie sich noch immer heimlich trifft, zwingt sie, ihre Genossen zu verraten. Sie lässt sich auf den Deal ein, bekommt Zeugenschutz und flieht nach Mexiko.
16 Jahre später: Bob lebt unter falschem Namen im abgelegenen Wüstenkaff Baktan Cross und kümmert sich liebevoll um Willa (Chase Infiniti). Er behauptet, ihre Mutter sei von einem gewissen Lockjaw getötet worden, der damals gedroht hatte, auch den Rest der Familie umzubringen. Deshalb hat Bob auch kein Handy und verweigert seiner Tochter ein eigenes. Er hat ein fast schon magisches Ortungssystem entwickelt, bei dem sich in Notfällen die Melodien von Vater und Tochter vereinen.
Lockjaw ist inzwischen einer christlich geprägten, sektenähnlichen Miliz weißer Rassisten beigetreten. Er muss feierlich erklären, dass er unter anderem nie Sex mit einer nicht-weißen Frau hatte. Da erinnert er sich an Perfidia: Willa könnte ja auch seine Tochter sein, deren Hautfarbe ihn verraten würde. Und so setzt er alles in Bewegung, um ihren Aufenthaltsort zu erfahren.
Als Baktan Cross von der Polizei besetzt wird, gelingt es Bob im letzten Moment, durch einen Tunnel zu entkommen. Dummerweise ist Willa gerade jetzt in der Disco, und so muss Deandra (Regina Hall) eingreifen: Sie versteckt das Mädchen bei schießwütigen Nonnen. Bob selbst versucht verzweifelt, Hilfe von seinen ehemaligen Genossen zu bekommen. Zu dumm, dass er nach jahrelangem Kiffen sich an kein einziges Passwort, das Rettung verspricht, erinnern kann. Die wohl komischste Szene des ganzen Films!
Was jetzt in der letzten Stunde von ONE BATTLE AFTER ANOTHER passiert, zählt wohl zum Absurdesten, was in jüngster Zeit im Kino zu sehen war. Willa wird entführt, kann aber, von Lockjaw verfolgt, in einem Auto entkommen. Auf Lockjaw ist derweil von den weißen Rassisten ein Killer angesetzt worden – und Bob fährt hinterher. Der hatte sich zuvor von Willas Karatelehrer (Benicio del Toro) helfen lassen. Und so erleben wir eine Autoverfolgung, die das Kino so noch nicht erlebt hat. Diese Sequenz wird in die Geschichte als (fast echte) Achterbahnfahrt (siehe oben) garantiert eingehen.
ONE BATTLE AFTER ANOTHER ist ein Wunder! Paul Thomas Anderson, der auch das Drehbuch schrieb, schreckt hier vor nichts zurück. Da mag eine Szene noch so bizarr sein, der Regisseur zeigt sie. Ein zugedröhnter Antiheld, von Leonardo DiCaprio eher lässig interpretiert, und ein toughes Mädchen, das sich gegen die ganze Welt stellt. Und diese Willa spielt die blutjunge Chase Infiniti wie von einem anderen Stern. Was für eine Entdeckung! Doch die eigentliche Sensation ist Sean Penn: Wie er dieses widerliche Monster – die Verkörperung des „ugly american“ – auf die Leinwand bringt, ist schlichtweg atemberaubend! Der dritte Oscar ist wohl fällig.
Eine wunderschön erzählte Vater-Tochter-Beziehung in einem schrecklichen Amerika – das ist ONE BATTLE AFTER ANOTHER. Pynchons Roman spielte in der Reagan-Ära, der Film fast im Heute. Viel fehlt nicht mehr…
Paul Thomas Anderson hat seinen Film in VistaVision gedreht, einem Filmverfahren aus den 1950er-Jahren, bei dem 35-mm-Film horizontal und nicht vertikal durch die Kamera läuft. Dies ermöglicht eine höhere Auflösung und bessere Bildqualität, da jedes Bild fast zweieinhalbmal größer als bei Standard-35-mm-Aufnahmen ist.
Nur die Musik ist gewöhnungsbedürftig. Der grelle Sound – eine schräge Mischung aus Classic Rock, R&B, Weihnachtsliedern und Jazz – überträgt die Hektik der Handlung auf uns Zuschauer. Genau das wollten Anderson und sein Komponist Jonny Greenwood („Radiohead“) erreichen.
Der Film des Jahres!
One Battle After Another (USA 2025)
162 Minuten
Action / Komödie
Paul Thomas Anderson
Paul Thomas Anderson
Michael Bauman, Paul Thomas Anderson
Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Benicio Del Toro, Regina Hall, Teyana Taylor, Chase Infiniti
Warner Bros. Entertainment GmbH