Souleymans Geschichte

19.02.2026

In dem französischen Drama SOULEYMANS GESCHICHTE folgen wir einem jungen Guineer, der als Fahrradkurier in Paris arbeitet, zwei Tage lang hautnah durch sein tägliches, hartes Leben. Er steht kurz vor der Anhörung zu seinem Asylantrag. Doch bis dahin hat Souleyman noch einige Hürden zu überwinden. Der Laiendarsteller Abou Sangaré überzeugt in der Hauptrolle und gewann 2024 den Darstellerpreis der Sektion „Un Certain Regard“ beim Filmfestival von Cannes.

SOULEYMANS GESCHICHTE lässt uns teilhaben, an dem beschwerlichen Leben eines Migranten in Paris, der um einen Aufenthaltstitel kämpft. Souleyman hofft, dass er es dann besser hat als in Guinea. Einer seiner Landsleute zockt ihn aber ab: Da er illegal in Paris ist, darf Souleyman natürlich dort nicht offiziell arbeiten. Also muss er unter einem anderen Namen mit dem Fahrrad durch Paris hetzen. Sein Kollege unterstützt ihn zwar, verdient aber ordentlich mit. Auch die Jungs, die sich um seine Papiere kümmern, wollen eigentlich nur Geld verdienen. Sie bläuen allen Migrant:innen aus Guinea dieselbe Geschichte ein, in der Hoffnung, die Einwanderungsbehörde schluckt diese. So einfach ist das aber leider nicht!

Souleyman hat seine Freundin in Guinea zurückgelassen, einem Staat in Westafrika, der (von Nordwesten aus im Uhrzeigersinn) an Guinea-Bissau, Senegal, Mali, die Elfenbeinküste, Liberia, Sierra Leone und den Atlantik grenzt. Und diese bekommt einen Heiratsantrag von einem anderen Mann, der scheinbar eine gute Partie ist. Ausgerechnet Souleyman soll sie jetzt bei ihrer Entscheidungsfindung unterstützen. Außerdem zahlt der Kollege, der ihm seine Existenz als Fahrradkurier ermöglicht, ihm das Geld nicht aus, das er doch so dringend für seine Unterlagen braucht. Souleyman dreht also am Rad! Er sucht den Kollegen zuhause im Außenbezirk auf und kommt stark ramponiert und (fast) ohne Geld zurück nach Paris. Sowieso: Jeden Abend muss er rechtzeitig sein Fahrrad in Paris abstellen, um den Bus in die Notunterkunft zu erwischen. Die Notunterkünfte beherbergen allein in der Region Paris durchschnittlich 120 000 Menschen pro Nacht.

Die Kamera des Belgiers Tristan Galand („Zwei Tage, eine Nacht“, „Der Junge mit dem Fahrrad“) begleitet Souleyman intensiv und nah, wenn er in schnellem Tempo durch die Straßen der französischen Hauptstadt rast, um Essen auszuliefern. Während der Arbeit ist der Guineer den Launen der wohlhabenden Kunden und den Abhängigkeiten innerhalb der migrantischen Gemeinschaft ausgeliefert. Gleichzeitig muss er sich auf die Anhörung für seinen Asylantrag beim Amt vorbereiten. Und eine Geschichte lernen, die nicht seine ist. Doch am Ende erfahren wir auch SOULEYMANS GESCHICHTE. Der Laiendarsteller Abou Sangaré, der selbst ohne Papiere lebt, liefert eine beeindruckende Leistung. Und Nina Meurisse, die bereits in „Camille“ von Boris Lojkine als Fotojournalistin überzeugte, spielt auch hier einen wichtigen Part: Sie ist die Beamtin in der Ausländerbehörde, zu der Souleyman am Ende zum Interview muss.

Der Autorenfilmer Boris Lojkine (der das Drehbuch zusammen mit Delphine Agut verfasste) ist von Haus aus Dokumentarfilmer. Erst 2014 lieferte der Franzose mit „Hope“ sein fiktionales Debüt. Mit „Camille“, einem Biopic über die letzten Monate im Leben der Fotojournalistin Camille Lepage, die 2014 während des Bürgerkriegs in der Zentralafrikanischen Republik erschossen wurde, hatte Lojkine 2019 auf der Piazza Grande von Locarno die Herzen des Publikums erobert (Prix du Public), bei „Hope“ stand 2014 die Flucht im Vordergrund; beide Filme spielten in Subsahara-Afrika. Sein drittes Werk SOULEYMANS GESCHICHTE spielt nun in der Zeit nach der Flucht: Angekommen in der Metropole Paris, müssen sich Souleyman und zahlreiche weitere Migrant:innen im Großstadt-Dschungel behaupten und gleichzeitig beweisen, dass ihre Flucht aus westlicher Perspektive gerechtfertigt ist.

Boris Lojkine hatte bei SOULEYMANS GESCHICHTE einen urbanen Western im Sinn. Im Western sitzt ein Cowboy auf seinem Pferd mit seiner Pistole. Hier ist es der Lieferant auf seinem Fahrrad mit seinem Telefon. Der Filmtitel hat gleich dreierlei Bedeutung, wie Lojkine im „Bohema“-Interview (ein junges Kulturmagazin aus Wien) verrät: „Ja ‚Souleymans Geschichte‘ bedeutet, dass wir euch Souleymans Geschichte erzählen werden. Aber gleichzeitig ist es die Geschichte von jemandem, der sich darauf vorbereitet, eine ‚Geschichte‘ zu erzählen. Und im Grunde genommen ist die große dramatische Spannung des Films – wenn es überhaupt eine gibt – herauszufinden: Was ist die wahre Geschichte von Souleyman? Du hast recht, es gibt drei Ebenen. es gibt das alltägliche Leben von Souleyman, es gibt die falsche Geschichte, die er wiederholt und die er erzählen muss, um Asyl zu bekommen, und dann gibt es die wahre Geschichte von Souleyman, die sein Geheimnis ist und die er uns am Ende enthüllen wird.

Die atemlose Dynamik bei den rasanten Fahrradfahrten durch Paris entstand dadurch, dass von anderen Fahrrädern aus gefilmt wurde. Lojkine dazu im „Bohema“-Interview: „Wenn ich zu Fuß bin und das Fahrrad im Panorama filme, ist das ein sehr langweiliger Shot. Wenn ich im Auto bin, wird das Auto durch den Stau gestoppt. Wenn ich auf einem Motorrad bin, muss das Motorrad trotzdem ein bisschen die roten Ampeln respektieren, aber, wenn ich auf einem Fahrrad bin, kann ich alles machen. Man muss also auf einem Fahrrad sein. Was haben wir also gemacht? Wir haben ein Lastenfahrrad genommen, ein Fahrrad mit einem großen Korb vorne, und den Kameramann in den Korb gesetzt, mit einem Arm, der ‚Easyrig‘ heißt, der die Kamera aufhängt, die Kamera so hält (er zeigt es mir) um die Kamera ein bisschen zu stabilisieren. Also der Kameramann sitzt vorne auf dem Fahrrad, und jemand anderes fährt.“ Auch der Ton wurde von einem anderen Fahrrad aus aufgezeichnet.

SOULEYMANS GESCHICHTE hat eine Geistesverwandtschaft zu Ken Loachs „Sorry We Missed You“ (2019), wo ein verschuldeter Familienvater bei einem Paketdienst eine Tätigkeit als scheinselbständiger Zusteller anfängt, und Éric Gravels „Julie – Eine Frau gibt nicht auf“ (2021) aufzuweisen, in dem sich die französische Schauspielerin Laure Calamy in der Titelrolle als alleinerziehende Mutter zweier kleiner Kinder in einem Vorort von Paris durchschlagen muss. Sie pendelt für ihren Job täglich zwischen Hauptstadt und Außenbezirk. Alle drei Filme bewegen sich stark in Richtung Cinéma vérité – und zeigen Unterprivilegierte authentisch in schier ausweglosen Situationen. Zutiefst humanistisch setzt sich der französische Filmemacher Boris Lojkine für die Belange seiner Protagonisten ein. Durchaus auch mit Humor. Das Migrant:innen-Porträt lief zudem ziemlich erfolgreich in den französischen Kinos: 538.630 Zuschauer.

SOULEYMANS GESCHICHTE ist eine dieser typischen Arthouse-Perlen, die weltweit auf Filmfestivals Preise einsammeln: Die Weltpremiere feierte das fesselnde Drama am 19. Mai 2024 in der Nebensektion „Un Certain Regard“ des Filmfestivals von Cannes. Bis Januar 2025 gelangte der Film ins Programm von mehr als einem Dutzend internationalen Filmfestivals, darunter Karlovy Vary, Toronto, Taiwan und auch Hamburg. In der Filmpreissaison 2024/25 war Boris Lojkines Film für mehr als 20 internationale Film- und Festivalpreise nominiert, von denen das Werk bisher zehn gewinnen konnte. Neben dem Jury- und Darstellerpreis der Sektion „Un Certain Regard“ beim Filmfestival von Cannes 2024 folgte unter anderem im selben Jahr der Gewinn von zwei Europäischen Filmpreisen für Hauptdarsteller Abou Sangaré und die Tontechniker. Bei den César Awards 2025 gab es nochmals vier Auszeichnungen (Bester Nachwuchsdarsteller: Abou Sangaré; Bester Schnitt: Xavier Sirven; Bestes Originaldrehbuch: Boris Lojkine und Delphine Agut; Beste Nebendarstellerin: Nina Meurisse).

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

L'Histoire de Souleymane (Frankreich 2024)

Länge

94 Minuten

Genre

Drama

Regie

Boris Lojkine

Drehbuch

Boris Lojkine, Delphine Agut

Kamera / Bildgestaltung

Tristan Galand

Darsteller

Abou Sangaré, Nina Meurisse, Alpha Oumar Sow, Emmanuel Yovanie, Younoussa Diallo, Ghislain Mahan, Mamadou Barry, Yaya Diallo, Keita Diallo

Verleih

Film Kino Text – Jürgen Lütz eK

Filmwebsite

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