Der Film der Woche

Wicked: Teil 2

19.11.2025

Ein Jahr nach dem sensationellen ersten Teil bringt Regisseur John M. Chu die Geschichte der beiden Hexen Glinda und Elphaba in WICKED: TEIL 2 zu Ende – und das nicht weniger spektakulär.

Nachdem Elphaba (Cyntia Erivo) am Ende von „Wicked“ zu den Klängen von „Defying Gravity“ entflogen ist und als böse Hexe des Westens gebrandmarkt wurde, beginnt „WICKED: TEIL 2“ mit der Errichtung der legendären gelben Ziegelsteinstraße (Yellow Brick Road). Doch plötzlich erscheint Elphaba und befreit die Tiere, die zur Herstellung des Weges gezwungen werden. Dass das nicht unbedingt dazu beiträgt, die Bewohner von Oz davon zu überzeugen, dass die Welt des Zauberers (Jeff Goldblum) auf Lügen und Propaganda aufbaut, ist natürlich jedem von uns bewusst.

Auf der anderen Seite des großen Konflikts wurde aus Glinda (Ariana Grande) inzwischen „Glinda, die Gute“, die fortan den Zauberer und die maniplulative Miss Morrible (Michelle Yeoh) als Repräsentantin des Oz-Reiches unterstützt. Doch sie hadert innerlich mit dieser Rolle, ist ihr doch bewusst, dass Elphaba zu Unrecht vertrieben wurde und ihre eigene „Magie“ nur durch technische Raffinessen des Zauberers zustande kommt. Gefangen zwischen Bewunderung und Hilflosigkeit, versucht Glinda ihren ganz eigenen Weg zu gehen. Wird es ihr gelingen, das Volk zu befrieden und sich mit ihrer Freundin wieder zu versöhnen?

Vor einem Jahr sprengte „Wicked“ sämtliche Rekorde, was vorab durchaus zu erwarten war. Schließlich zählt das gleichnamige Musical zu den besten Bühnenstücken und Songs wie „Defying Gravity“ sind die bekanntesten und erfolgreichsten Musical-Songs. Und weil genau dieser Song – wie auch „Popular“ – im ersten Akt zum Einsatz kommt, fehlen dem zweiten Teil die Songs, die sich sofort im Gehörgang festsetzen. Mit diesem Problem hatte aber auch schon das Bühnenstück zu kämpfen. Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass WICKED: TEIL 2 eine Enttäuschung ist – nein, bei Weitem nicht. Es fehlt ihm lediglich ein wenig die musikalische Präsenz, die den Vorgänger so beeindruckend machte.

Auch in WICKED: TEIL 2 zeigt Regisseur Jon M. Chu erneut, warum er der richtige für diesen Job ist. Bereits bei „In the Heights“ (2021) bewies er, wie gut er es versteht, eine Handlung mit Musik in Verbindung zu bringen. Wenn die Schauspieler hier in einen Song ausbrechen, dann zeigt das oftmals mehr über ihr Innenleben, als es jeder Dialog könnte.

Thematisch, aber auch tonal, unterscheiden sich die beiden Filme massiv. Während es im ersten Teil noch um eine bonbonfarbene Optik ging und die Frage, wie die beiden Figuren Elphaba und Glinda trotz der unterschiedlichen Verhältnisse aus denen sie stammen, eine Freundschaft aufbauen konnten, wechselt die Farbigkeit in WICKED: TEIL 2 überwiegend ins Dunkle. Insbesondere in Elphabas Welt tief in den Wäldern ist das Fehlen von Licht und Farbe prägnant. Und selbst Glindas Umgebung ist nicht mehr so übertrieben bunt – auch hier breiten sich langsam aber sicher die Zweifel aus.

Die Entscheidung, das ursprüngliche Musical in zwei Filme aufzuteilen, war in jedem Fall der richtige Weg. Baut der erste Teil noch das Fundament, droht dieses nun unter Einwirkung des Konflikts einzustürzen. Daher dürfen und müssen die beiden Filme unterschiedlich sein. Außerdem gibt es in WICKED: TEIL 2 mindestens einen starken Song, der dem Film im Original sogar seinen Titel gegeben hat: WICKED: FOR GOOD. Hierbei ist Chu und seinem Team sogar noch ein besonderer Coup gelungen: Während „For Good“ in der Bühnenversion ähnlich opulent ausfällt wie „Defying Gravity“, besinnt sich der Regisseur hier darauf, ihn noch passender in der Handlung zu verankern, indem er den Song in einer reduzierten, weitaus intimeren Version einbindet. Das hebt zum einen die Qualitäten der Texte noch mehr hervor, gibt den Zuschauern aber auch die Möglichkeit, sich ein wenig von der opulenten Handlung zu erholen. Wie es zu dieser Entscheidung kam, hat mir Jon M. Chu übrigens im Interview verraten (siehe unten).

Genau diese ausufernde Handlung ist aber auch eine Art Markenzeichen von Jon M. Chu geworden, der es offenbar liebt, im Hintergrund der Handlung immer wieder kleine Dinge zu verstecken, die dem Auge bei einer einzigen Sichtung des Films verborgen bleiben. So ist mir bei der zweiten Sichtung tatsächlich einiges aufgefallen, das mir beim ersten Mal völlig entgangen ist. WICKED: TEIL 2 eignet sich daher tatsächlich für wiederholte Besuche im Kino.

Natürlich stellt sich jeder die Frage, wie Jon M. Chu den Klassiker „Der Zauberer von Oz“ (1939) in die Handlung eingebaut hat. Sehr subtil, lautet die Antwort, schließlich ist das hier nicht die Geschichte von Dorothy (Judy Garland), die damals aus dem beschaulichen Kansas in die Märchenwelt von Oz geschleudert wurde, sondern die der beiden Hexen Glinda und Elphaba. Dafür zeigt der Film aber die Hintergründe des „Tin Man“ und der „Vogelscheuche“. Das hätte man wirklich nicht besser machen können, ohne dabei jetzt zu viel zu verraten.

Auch wenn WICKED: TEIL 2 in Sachen Handlung und Musik von seinem Vorgänger in den Schatten gestellt wird, ist das nicht mehr als Jammern auf hohem Niveau. Denn auch dieser Teil lebt vor allem von der unbestechlichen Harmonie der beiden Hauptdarstellerinnen Cynthia Erivo und Ariana Grande. Wer Musicals mag, für den führt absolut nichts an diesem wunderbaren Film vorbei. Und alle anderen genießen die Schauwerte und die im wahrsten Sinne des Wortes zauberhafte Umsetzung. Schade, dass die Geschichte damit auserzählt ist…

Interview

Am 14. Oktober 2025 hatte ich die Gelegenheit, mit dem Regisseur Jon M. Chu zu sprechen, nachdem uns direkt davor WICKED: TEIL 2 in voller Länge gezeigt wurde. Wir sprechen u.a. über die unterschiedlichen Sprachversionen des Films, die schwierigsten Szenen beim Dreh, sowie über die Entscheidung, den finalen Song „For Good“ in einer reduzierteren und intimeren Version einzubinden.

Trailer

ab12

Originaltitel

Wicked For Good (USA 2025)

Länge

138 Minuten

Genre

Musical / Abenteuer / Fantasy

Regie

John M. Chu

Drehbuch

Winnie Holzman, Dana Fox, basierend auf dem Musical "Wicked – Die Hexen von Oz"

Story

Winnie Holzman, basierend auf dem Roman von Gregory Maguire

Kamera / Bildgestaltung

Alice Brooks

Darsteller

Cynthia Erivo, Ariana Grande, Jeff Goldblum, Michelle Yeoh, Jonathan Bailey, Ethan Slater, Marissa Bode, Bowen Yang, Bronwyn James

Verleih

Universal Pictures International Germany GmbH

Filmwebsite

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