Geduldiges Warten wird belohnt in der französischen Natur-Doku DAS FLÜSTERN DER WÄLDER von Vincent Munier, der uns bereits „Der Schneeleopard“ beschert hat. Der Naturbeobachter Michel ist diesmal mit seinem Sohn Vincent (dem Filmemacher) und seinem Enkel Simon in den alten, moosbedeckten Wäldern der Vogesen unterwegs, auf die Suche nach dem geheimnisvollen Auerhahn.
Nachdem er den Schneeleoparden in Nepal gesucht hat, begibt sich Vincent Munier nun in die Vogesen. Die meisten Aufnahmen wurden in der Umgebung vom Haus der Muniers gemacht. Sein Vater Michel hat über achthundert Nächte in der Natur verbracht, um in den Wäldern die Beziehung zwischen Mensch und Natur zu erkunden. Ausgerüstet nur mit Rucksack, Stock, einem Fernglas und einer warmen Jacke, begleitet von Sohn Vincent und Enkelsohn Simon. Generationen übergreifend ist das Familien-Trio in DAS FLÜSTERN DER WÄLDER immer auf der Suche nach Tieren wie Füchsen, Rehen und Hirschen.
Verbunden sind sie durch ihre Faszination für die Natur. Es zieht Michel immer wieder tief hinein in die Stille des Waldes, zu einem ganz besonderen Ort: einer Tanne, die zu seinem Versteck geworden ist. Unter ihren Ästen scheint der alte Mann mit der Natur zu verschmelzen. Vincent hat von seinem Vater gelernt, die Spuren der Tiere zu lesen, er kennt die Plätze, an denen sie fressen, wo sie jagen, ihre Nester bauen und schlafen. Aber wo ist er nun, der Auerhahn?
Der französische Wildtierfotograf und Dokumentarfilmer Vincent Munier (mehrfacher Preisträger des „Wildlife Photographer of the Year“ – des Oscars dieser Gattung) hat mit DAS FLÜSTERN DER WÄLDER einen mystischen Naturfilm mit fast märchenhaften Dimensionen abgeliefert, der zudem viel persönlicher und intimer ist als die mit einem César ausgezeichnete Doku „Der Schneeleopard“. Überzeugend ist nicht nur die visuelle Pracht (an der Kamera waren neben dem Regisseur auch Antoine Lavorel und Laurent Joffrion), sondern sind auch die poetischen Klänge des Waldes.
Das „Flüstern“ im Filmtitel erklärt Munier wie folgt: „Die größte Herausforderung des Films war es, dem Wald eine Stimme zu geben. Er hat seine eigenen Geräusche, es ist fast ein Gesang – fein, leise und manchmal mächtig. Der Ton spielt eine entscheidende Rolle, mit all seinen Nuancen. Seit rund zehn Jahren gehört er fest zu meiner Arbeit. Er ist ebenso wesentlich wie das Bild – manchmal sogar mehr. Der Ton öffnet einen Raum für Vorstellungskraft. Ich wollte, dass der Zuschauer glaubt, er säße selbst im Versteck, umgeben von Dunkelheit, mit wachen Sinnen. Im Versteck hört man zuerst, bevor man sieht – die Waldohreule, den Uhu, den Hirsch, den Kranich und natürlich den Auerhahn. Besonders nachts nimmt man die Geräusche ihrer Anwesenheit wahr: ein Atmen, ein Knacken, das Rascheln eines Flügels, den man im Schatten ahnt. Wir haben versucht, im ‚Flüsterton‘ zu bleiben, zu wispern statt zu sprechen. Nur wenige Geräusche wurden hinzugefügt; die Klänge sind natürlich, im Gelände aufgenommen, mit Mikrofonen, die tagelang an bestimmten Orten platziert wurden. Es ist dieselbe Herangehensweise wie beim Bild: keine Effekte, keine Tricks – nur die Sprache des Waldes, seine Schreie, sein Fauchen, seine beseelten Pausen.“
Und was hat es mit dem Auerhahn auf sich?
„Ja, der Auerhahn ist weit mehr als ein Vogel – er ist eine Figur des Films. Er hat das Leben meines Vaters geprägt, dann meines, und war für uns ein Lehrmeister des Wartens. Durch ihn haben wir gelernt zu lauschen, stillzuhalten – stundenlang im Schweigen des Waldes.
Mein Vater hat über achthundert Nächte unter einer Tanne verbracht, jedes Frühjahr, um ihn besser kennenzulernen. Sein Verschwinden aus den Vogesen ist ein schmerzhaftes Symbol. Trotz Jahrzehnten des Kampfes, trotz der Energie meines Vaters und vieler Naturfreunde, ist die Art verschwunden. Aus drei Gründen: dem Klimawandel, der industriellen Forstwirtschaft und den zunehmenden Störungen durch den Menschen.
Aber der Auerhahn steht nicht nur für Verlust. Er ist auch ein Bote. Er erinnert uns daran, dass der Wald ein großes Ganzes ist – dass er wiedergeboren werden kann, wenn man ihm die Chance lässt. Andere Arten beweisen, dass Rückkehr möglich ist: der Uhu, der Sperlingskauz, der Schwarzstorch. Der Auerhahn lehrt uns, selbst in seiner Abwesenheit, wie sehr jedes Lebewesen im Gleichgewicht des Lebens zählt.“
Die atemberaubende Schönheit der Natur ist also kein Luxus, sondern die Bedingung unserer eigenen Existenz. Der mehrfach ausgezeichnete Naturfilmer Vincent Munier liefert mit DAS FLÜSTERN DER WÄLDER also auch eine tiefgehende Reflexion über die Beziehung zwischen Mensch und Natur – und zugleich eine Hommage an seinen Vater. Eine sehr geschätzte Kollegin kam zu Tränen gerührt aus dem Film. Und das will auch etwas heißen! Und: Geduld wird belohnt.
Le Chant des forêts (Frankreich 2025)
100 Minuten
Dokumentation
Vincent Munier
Vincent Munier
Vincent Munier und Antoine Lavorel, Laurent Joffrion
Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG