Made in EU

19.02.2026

Die Corona-Pandemie ist zwar längst vorbei, doch das Sozialdrama MADE IN EU des bulgarischen Filmemachers Stephan Komandarev („Eine Frage der Würde“) bleibt trotzdem relevant, denn hier geht es vor allem um soziale Gerechtigkeit, insbesondere die Leidensfähigkeit einer Frau, die an einem unmenschlichen System zerbricht. Und: Die katastrophalen Arbeitsbedingungen in Europas Textilindustrie werden angeprangert.

Passend also, dass der Kinostart von MADE IN EU pünktlich zum „Welttag der sozialen Gerechtigkeit“ am 20. Februar 2026 angesetzt ist. Der Tag richtet den Fokus auf faire und gerechte Gesellschaften, in denen jeder unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder wirtschaftlichem Hintergrund gleiche Chancen auf Bildung, Arbeit, Gesundheit und soziale Absicherung hat. Er thematisiert Armut, Ausgrenzung, Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und mangelnde soziale Sicherheit und soll Regierungen, Organisationen und Einzelpersonen dazu anregen, Maßnahmen zur Förderung von Fairness und Solidarität zu ergreifen. Weltweit steht der Tag vor dem Hintergrund zunehmender globaler Ungleichheiten, wirtschaftlicher Unsicherheiten und politischer Spannungen. Er betont die Notwendigkeit internationaler Kooperation, Inklusion und Menschenrechte.

Iva (Gergana Pletnyova) lebt in einem abgeschiedenen, bulgarischen Dorf und arbeitet als Fabrikarbeiterin in der Textilindustrie. Die Arbeitsbedingen sind unmenschlich. Sie kommt gerade mal finanziell über die Runden. Kranksein gilt nicht! Also schleppt sie sich trotz größter Erschöpfung in die Fabrik. Mitten in der Pandemie gibt es am Tor Gesundheitskontrollen (Fiebermessen an der Stirn), doch die Mitarbeiter:innen haben Tricks, um trotz Krankheit Einlass zu finden. Denn: Sie müssen arbeiten, um ihren vollen Lohn zu bekommen (die Hälfte des Lohns wird als Bonus ausgezahlt). Iva und ihre Kolleg:innen nähen die MADE IN EU-Etiketten in die Kleidung der Fabrik.

Als Iva plötzlich neben den Nähmaschinen zusammenbricht, wird sie verdächtigt, der vermeintlich erste Covid-Fall im Dorf zu sein. Die Nachrichten berichten darüber und von der Gemeinschaft wird sie fortan geächtet. Iva hat aber seit Jahren ihr bulgarisches Heimatkaff nicht verlassen, kann also das Virus gar nicht eingeschleppt haben. Dafür ist aber ein Genosse aus der Stadt eingereist, um die Arbeitsbedingen in der Textilfabrik zu überwachen – und über das Fortbestehen der Außenstelle einen Entschluss zu verfassen.

Währenddessen plant Ivas Sohn, der in den sozialen Medien aktiv ist, mit seiner Freundin Bulgarien zu verlassen, da die Lebensumstände dort nicht nach seinem Gusto sind. Ivas Bruder hingegen hat eine höhere Position in der Fabrik inne. Familiäres und berufliches Fortkommen muss er da aber strikt trennen. Nur in einem alten Arzt, der eigentlich schon längst pensioniert ist, findet Iva einen Verbündeten. Er packt im Krankenhaus mit an, weil die Betten überfüllt sind mit Covid-Fällen. Er arbeitet also direkt an der Front. Doch dann drängt die Firmenleitung Iva zur Kündigung.

Das persönliche Schicksal von Iva enthüllt die Krise eines ganzen Systems: die Gewalt des globalisierten Kapitalismus. Der bulgarische Autorenfilmer und Produzent Stephan Komandarev (der das Drehbuch zusammen mit Simeon Ventsislavov verfasste) macht mit MADE IN EU vor allem auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen in der bulgarischen Bekleidungsindustrie aufmerksam: „Sie besteht größtenteils aus kleinen Fabriken in Orten mit hoher Arbeitslosigkeit, in denen die Näher:innen für einen Hungerlohn ausgebeutet werden. Die Standards liegen weit unter denen der Europäischen Union, ähneln eher denen des Globalen Südens, manchmal sogar schlechter.“ Zugleich ist das auf wahren Begebenheiten beruhende, eindringliche Sozialdrama aber auch das tiefgründige Porträt einer Frau, die mit vielen Unwägbarkeiten zu kämpfen hat.

Komandarev ergänzt: „Der Film ist eine Reaktion auf die wilde Globalisierung, die die Ungleichheiten sowohl zwischen den Ländern als auch innerhalb der Gesellschaften in der EU vertieft. Die einzige Industrie in vielen Gebieten des östlichen Teils der EU sind die Fabriken westlicher Marken, die ihre Produktion dorthin verlagert haben. Sie beuten die billige lokale Arbeitskraft aus, oder zumindest das, was nach der intensiven Arbeitsmigration in den Westen übriggeblieben ist. Osteuropa wird auf diese Weise zu einer Art „Dritte Welt“ der EU, einer Peripherie der Peripherie, in der die unerwünschtesten Produktionen stattfinden.“

Der sozialkritische Filmemacher Komandarev legt mit MADE IN EU unvermittelt den Finger in die Wunde – und zeigt einen ungeschönten Blick auf das post-sozialistische Bulgarien. Der Kapitalismus hat auch hier Einzug gehalten, auf Kosten der Menschlichkeit. Die bulgarische Hauptdarstellerin Gergana Pletnyova („The World Will Tremble“, „No One“) trägt den ganzen Film auf ihren Schultern und begeistert mit ihrem zurückhaltenden, authentischen Spiel. Erstaunlich auch, dass Kameramann Vesselin Hristov in der unwirtlichen Einöde Bulgariens so schöne, intensive Bilder findet.

Zu Stephan Komandarevs Werken gehören preisgekrönte Spiel- und Dokumentarfilme, er gilt als der „Ken Loach Bulgariens“. Komandarev ist auch Dozent an der Filmabteilung der Neuen Bulgarischen Universität, Sofia (seit 2008). Drei seiner Filme wurden als Bulgariens Beitrag für die Kategorie „Bester Internationaler Film“ bei den Oscars ausgewählt: „Eine Frage der Würde“ (2023), „The Judgement“ (2016) und „The World Is Big and Salvation Lurks Around the Corner“ (2008). MADE IN EU feierte seine Weltpremiere auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Die Deutschlandpremiere fand beim Filmfest Hamburg statt.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

Made in EU (Bulgarien / Deutschland / Tschechien 2024)

Länge

109 Minuten

Genre

Drama

Regie

Stephan Komandarev

Drehbuch

Simeon Ventsislavov, Stephan Komandarev

Kamera / Bildgestaltung

Vesselin Hristov

Darsteller

Gergana Pletnyova, Todor Kotsev, Gerasim Georgiev, Anastasia Ingilizova, Ivaylo Hristov

Verleih

jip film & verleih GbR

Filmwebsite

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