Der Film der Woche

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

29.01.2026

Als der zweitälteste Bruder Martin 1985 bei einem Autounfall stirbt, hinterlässt das bei Joachim eine große Lücke. Die Leiden des jungen Werther beginnen. Der deutsche Erfolgsregisseur Simon Verhoeven hat mit ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE Teil drei der fortlaufenden Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“ von Theaterschauspieler und Bestsellerautor Joachim Meyerhoff kongenial verfilmt.

Joachim hielt sich für ein Jahr als Austauschschüler in Laramie in den USA auf, als sein Bruder bei einem Autounfall stirbt. Wir hatten die Meyerhoffs gerade erst 2023 in Sonja Heiss‘ Verfilmung von „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ kennengelernt, der die Kindheit des Autors Joachim Meyerhoff in einer psychiatrischen Klinik thematisiert. Meyerhoff schreibt in seiner Romanreihe autofiktional und ohne feste Chronologie über prägende Etappen seines Lebens. Nach seiner Rückkehr aus den USA legte Joachim (Bruno Alexander) das Abitur ab und will dann die Aufnahmeprüfung an der Otto-Falckenberg-Schule in München machen.

Joachim fährt also mit dem Zug in den Süden der Republik und quartiert sich in der Villa seiner skurrilen Großeltern ein: Oma Inge Birkmann (Senta Berger) war einst selber eine begnadete Schauspielerin. Nun widmet sie sich gemeinsam mit Großvater Hermann (Michael Wittenborn) anderen Ritualen. Der Tag beginnt mit einem Glas Champagner, das vereinfacht die Einnahme unzähliger Medikamente. Der Plastik-Korken der Flasche hinterlässt beim Öffnen immer einen schönen Abdruck in der Decke. Außerdem gurgeln die Großeltern im Bad synchron mit einer alkoholhaltigen Mundspülung, die sie aber nicht ausspucken.

Für Humor ist also schon mal gesorgt in ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE von Simon Verhoeven, der den Roman sehr stimmig einfängt und zusammen mit Lars Hubrich auch das Drehbuch verfasst hat. Der Schmerz und die Melancholie sind hier tief verwurzelt, was bisher nicht wirklich die große Stärke von Verhoeven („Nightlife“, „Girl You Know It’s True“) war. Es ist wohl auch für ihn ein ziemlich persönlicher Film, denn seine Mutter Senta Berger spielt Inge Bergmann, die sie im echten Leben tatsächlich gekannt hat. Vater Michael Verhoeven (ein bekannter Regisseur) ist erst 2024 verstorben, was Senta und Simon sicherlich noch in den Knochen steckt.

Einerseits muss Joachim sich dem Alkoholdrill in der Villa seiner Großeltern unterziehen (ein Whiskey mit Zigarette am frühen Abend, der geht noch), andererseits steht am nächsten Morgen das Vorsprechen in der renommierten Falckenberg-Schule an. Der Alkohol wird also mit starkem Kaffee gekontert. Möglichst gar nicht schlafen, dann kann Joachim auch nicht aufgeregt sein. Sollte seine Chancen erhöhen. Leider hat Joachim nur eine Rolle vorbereitet, bei der er auch schon mal den Faden verliert. Also darf er mit Spielpartnerin Sabrina (Katharina Stark) improvisieren – die spielt ihn jedoch an die Wand! Und Joachim, der ist einfach nur perplex und weiß gar nicht, wie ihm geschieht.

Völlig überraschend wird Joachim an der Schauspielschule aufgenommen. Doch er ist sichtlich überfordert! Wie soll er mit den Brustwarzen lächeln? Und wie verhält sich eine Nudel in kochendem Wasser, wenn Salz dazugegeben wird? Joachim hat sich ja noch nicht mal selbst gefunden, wie soll er da so schräge Anforderungen erfüllen? Der Schmerz vom Tod seines Bruders sitzt tief. Die Marotten seiner Großeltern machen es nicht einfacher. Nun soll er auch noch als Nilpferd „Effi Briest“ von Theodor Fontane vortragen! Echt jetzt?

An der Schauspielschule geht es wohl wirklich so ab. Deutsche Stars wie Karoline Herfurth, Anne Ratte-Polle und Victoria Trauttmansdorff haben sichtlich Spaß, hier Dozenten zu spielen. Sie haben sicherlich in ihrer Ausbildung ähnliches erlebt. Der Newcomer Bruno Alexander („Die Discounter“) ist fast ein Ebenbild des jungen Joachim Meyerhoff, vor allem die Lücke und die komplette Überforderung nimmt man ihm ab. Nur langsam integriert er sich in die Schauspielgruppe (u.a. Dana Herfurth, die gerade erst in „Smalltown Girl“ zu sehen war). Und dann steht seine erste Rolle in „Faust“ in den Kammerspielen an. Doch Regieassistent Hagen (schön fies: Tom Schilling) erklärt, es geht hier um Statistenrollen und gibt die Anweisung: „Du fickst jetzt den Baum!“ Natürlich mit einem übergroßen Plastikpenis!

Es ist einfach herrlich anzusehen wie Joachim seinen Platz im Leben finden will, dabei aber immer wieder grandios scheitert. Erst als er „Tainted Love“ von Soft Cell performt, den Lieblingssong seines verstorbenen Bruders, durchfährt ihn etwas kathartisches. Gleichzeitig werden die Großeltern immer älter und gebrechlicher. Aber Joachim spielt auch in seinem ersten Film neben Oma Inge. Ob das gut geht? Bei der Premiere tauchen dann auch nochmal die von Laura Tonke und Devid Striesow gespielten Eltern auf, die in „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ wesentlich mehr Spielzeit hatten. Findet Joachim noch seine künstlerische Identität?

Die Altstars Senta Berger (spielte schon in „Willkommen bei den Hartmanns“ unter der Regie ihres Sohnes) und Michael Wittenborn („Wir sind die Neuen“) gehen sichtlich in ihren Rollen in ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE auf – und Simon Verhoeven („Männerherzen“) besitzt ein gutes Timing bei den Gags. Selten mehr über einen Treppenlift gelacht! Doch auch das Melancholische meistert er mit Bravour. Nur die Bilder, die haben irgendwie keine Kinoqualität, sind zudem meist widerlich hell überstrahlt. Diesen künstlerischen Ansatz kann und will der Autor dieser Zeilen nicht verstehen!

Trailer

ab6

Originaltitel

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (Deutschland 2025)

Länge

137 Minuten

Genre

Drama / Komödie

Regie

Simon Verhoeven

Drehbuch

Simon Verhoeven, nach dem gleichnamigen Roman von Joachin Meyerhoff

Kamera / Bildgestaltung

Ho Heim, BVK

Darsteller

Bruno Alexander, Senta Berger, Michael Wittenborn, Anne Ratte-Polle, Tom Schilling, Karoline Herfurth, Laura Tonke, Devid Striesow

Verleih

Warner Bros. Entertainment GmbH

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