Best of Cinema: Lost Highway

nur am 03.02.2026 zurück im Kino

Der surrealistische Psychothriller LOST HIGHWAY kommt im Rahmen der „Best of Cinema“-Reihe nach fast 30 Jahren 4K-restauriert zurück auf die große Leinwand – zu Ehren der Regie-Legende David Lynch, der am 20. Januar 80 Jahre alt geworden wäre. Der Kultfilm, der 1997 über 300.000 Besucher:innen in die deutschen Kinos lockte, ist ein veritabler „Mindfuck“, ein Film Noir der besonders abgedrehten Sorte!

Der Vorspann von LOST HIGHWAY gibt suggestiv einen Vorgeschmack auf das, was uns die nächsten 135 Minuten erwartet: Wir sehen eine nächtliche Straße mit einem gelben Mittelstreifen, gefilmt aus einem fahrenden Auto. Dazu läuft das eindringliche Stück „I‘m deranged“ von David Bowie (lässt sich als „ich bin geistesgestört“ übersetzen). Titel, Besetzung und Crew sind markant im Gelb des Mittelstreifens gehalten. Dem wohnt eine irritierende, düstere Schönheit inne. Und diesen dunklen Highway bekommen wir einige Male zu sehen.

Laut Regisseur David Lynch basiert die erste Szene von LOST HIGHWAY auf einem Erlebnis aus seinem eigenen Leben. Eines Nachts wurde er von der Gegensprechanlage seiner Haustür geweckt, durch die eine Stimme sagte: „Dick Laurent ist tot!“ Als Lynch jedoch aus der Tür sah, konnte er niemanden sehen. Das fast Gleiche passiert dem Jazz-Saxophonisten Fred Madison (Bill Pullman), den wir kurz zuvor bei einem ekstatischen Solo im Club gesehen haben. Nun ist Fred nervös und raucht gedankenversunken, als es an der Tür klingelt. Die Worte aus der Sprechanlage kennen wir bereits. Fred schaut aus dem Fenster. Niemand ist da!

Die Ehe zwischen Fred und seiner Frau Renée (Patricia Arquette) scheint an einem Scheideweg angelangt zu sein. Renée lügt Fred an, während dieser misstrauisch ist, weil sie nicht mit zu seinem Konzert kommen wollte. Außerdem vermutet Fred, der kommunikative und sexuelle Probleme hat, dass sie ihn betrügt. Auf den Treppenstufen vor dem Hauseingang liegt ein anonymer Umschlag, der eine unbeschriftete VHS-Kassette enthält. Das Ehepaar legt die Kassette ein: Zu sehen ist ihr Haus von draußen, mehr nicht.

Am nächsten Morgen finden sie ein weiteres Videoband, das nun auch das Innere des Hauses, unter anderem das schlafende Ehepaar, zeigt. Das geht zu weit, also wird die Polizei gerufen. Die zwei Beamten fragen die Eheleute, ob sie eine Videokamera haben? Sie verneinen – und Fred ergänzt, dass er sich lieber auf seine Art an die Dinge erinnere. Er meint damit, dass er sich an die Dinge erinnere, wie er sie im Kopf behalten hat und nicht unbedingt, wie diese wirklich passiert sind. Die Polizisten geben den Ratschlag, die Madisons mögen ihre Alarmanlage wieder aktivieren, und sie selber halten die Augen offen.

Am Abend geht das Ehepaar auf die Party eines Freundes von Renée, Andy (Michael Massee). Dort wird Fred vom „Mystery Man“ (Robert Blake) angesprochen, der behauptet, Fred schon einmal begegnet zu sein. Außerdem sagt er zu Fred: „Ich bin bei Ihnen zu Hause. Ich bin jetzt gerade dort.“ Zum Beweis gibt er Fred ein Mobiltelefon und fordert ihn auf, seine eigene Nummer zu wählen. Tatsächlich geht der Mann ans Telefon, der Fred auf der Party gerade gegenübersteht. Fred fragt den Mann am Telefon, wie er in sein Haus gelangt sei – dieser antwortet: „Sie haben mich eingeladen. Es ist nicht meine Art, dorthin zu gehen, wo ich nicht erwünscht bin.“ Dann fordert er ihn auf, das Telefon zurückzugeben. Der seltsame Gast verabschiedet sich und verschwindet. Auf Nachfrage sagt ihm Gastgeber Andy, dass er vermutet, das sei ein Freund von Dick Laurent.

Fred antwortet spontan, dass Dick Laurent doch tot sei. Andy ist verwundert und meint, dass dies unmöglich sein könne. Als Fred und Renée nach Hause fahren, fragt er sie, woher sie das „Arschloch“ Andy kenne. Sie deutet an, sie habe ihn in einem Club kennengelernt und dass Andy ihr einmal einen Job verschafft habe. Zu Hause angekommen, denkt Fred, dass jemand im Haus ist. Aber als er nachsieht, ist niemand zu sehen. Die verwinkelten Gänge, dazu auch rote Vorhänge, bieten zusammen mit der düster-aufwühlenden Tonspur die Lynch-typische Altraumatmosphäre in LOST HIGHWAY. Dann sehen wir Fred beim Anschauen einer weiteren Videoaufnahme: Erst alles wie gehabt, dann kniet Fred im Blutrausch über der zerstückelten Leiche seiner Frau. Die Polizei rückt an, er bekommt einen heftigen Schlag ins Gesicht – und findet sich im Polizeirevier hinter Gittern wieder. Er wird zum Tode verurteilt, weil sie ihn für den Mörder seiner Frau halten.

Im Gefängnis leidet Fred an unerträglichen Kopfschmerzen. Visionen plagen ihn – so träumt er vom „Mystery Man“ und von der Fahrt auf einem verlassenen Highway, aber er sieht auch Bilder vom Mord an seiner Frau. Schließlich bricht Fred in seiner Zelle zusammen. Am nächsten Morgen aber finden die Wärter nicht Fred in der Zelle, sondern einen zunächst unbekannten jungen Mann – Pete Dayton (Balthazar Getty). Die Polizei lässt ihn frei, beschattet ihn aber, um dem unbegreiflichen Vorfall auf die Spur zu kommen.

Jetzt nimmt LOST HIGHWAY Fahrt auf und wird anders wild: Pete geht wieder seiner Arbeit in einer Autowerkstatt nach, wo der Gangsterboss Mr. Eddy (den die Polizei unter dem Namen Dick Laurent kennt) vorbeikommt, um seinen schwarzen Mercedes reparieren zu lassen. Die folgende Spritztour ist irrwitzig hoch drei! Danach bietet Mr. Eddy (Robert Loggia) Pete eine Videokassette an, worauf sich ein Pornofilm befinden soll. Am nächsten Tag schaut Mr. Eddy wieder in der Werkstatt vorbei, diesmal mit seiner Freundin Alice Wakefield (ebenfalls Patricia Arquette) im Schlepptau, die der brünetten Renée bis aufs Haar gleicht. Diese blonde Femme fatale scheint gerade einem Film Noir entsprungen zu sein. Pete verfällt ihr sofort!

In einem Motel wälzen sie sich in den Bettlaken. Bei weiteren Treffen planen sie, gemeinsam zu fliehen – was auch nötig erscheint, da der für seine Skrupellosigkeit bekannte Mr. Eddy bereits Verdacht schöpft. Ein Albtraum nimmt Gestalt an, immer wieder taucht auch der „Mystery Man“ auf. Pete und Alice fahren den LOST HIGHWAY entlang zur Villa von Andy. Dort sind auf einem Foto Renée und Alice zu sehen! Nanu? Spätestens jetzt ist der Film endgültig ein surrealer Horrortrip! Hier kommen nicht nur zwei Musikstücke der deutschen Rockband Rammstein zum Einsatz, es ist auch Brian Hugh Warner (besser bekannt als Marilyn Manson) als Pornostar #1 zu sehen.

Die Figur des Fred verwandelt sich in LOST HIGHWAY in Pete, was sich als Psychogene Fugue erklären läßt, ein seltenes Symptom von dissoziativen Störungen und Impulshandlungen. Es beschreibt das plötzliche, unerwartete Entfernen von zu Hause oder dem Arbeitsplatz, wobei die Person sich an ihre frühere Identität nicht mehr erinnern kann. Diese Zustände können durch schwere psychische Belastungen verursacht werden, die als autoregulative Überlebensstrategien dienen, um aktuellen Gefahren und Belastungen für bestimmte Zeit den Rücken zu kehren. Spielt sich also ein Großteil der Geschichte nur im Kopf von Fred ab? Ist er „schizophren“?

Der US-amerikanische Meisterregisseur David Lynch („Blue Velvet“, „Mulholland Drive“) überzeugt auch in LOST HIGHWAY sowohl mit einer rätselhaften, psychologisch dichten Handlung als auch mit einer ausdrucksstarken Bildsprache. Die Handlung wird dabei nicht chronologisch erzählt und die Dramaturgie weist eine Reihe von verwirrenden Elementen auf. Die Tonspur veredelt wie fast immer bei Lynch Angelo Badalamenti, ein US-amerikanischer Komponist italienischer Abstammung. Dazu setzt Trent Reznor mit den Industrial-Klängen seiner Formation Nine Inch Nails Akzente. All das ist Avantgarde, Freund:innen des linearen Erzählens sollten bitte unbedingt Abstand halten! „Im Leben ist manches nicht zu verstehen, aber wenn es im Film so ist, werden die Leute unruhig“, erklärt Lynch in einem Interview.

LOST HIGHWAY ist bis in die Nebenrollen gut besetzt: Natasha Gregson Wagner spielt Sheila, die Freundin von Pete. Seine Eltern werden von Gary Busey und Lucy Butler verkörpert. Neben Bill Pullman („Die Schlange im Regenbogen“, „Lake Placid“) und Patricia Arquette („True Romance“, „Ed Wood“, „Boyhood“) überzeugt auch der damalige Jungstar Balthazar Getty, der hier aber wohl auch zugleich den Höhepunkt seines Schaffens erreicht hat (ansonsten ist er vor allem aus unzähligen TV-Serien wie „Alias – Die Agentin“ oder „Brothers & Sisters“ bekannt). Alle haben sich auf die mysteriöse Welt von David Lynch eingelassen, der stets verstörende Filme über die Nachtseite der menschlichen Seele gemacht hat. Lynch zitiert „Alice im Wunderland“ genauso wie „Der Zauberer von Oz“, die Schlusseinstellung erinnert an Edvard Munchs „Der Schrei“!

Das Haus, in dem Fred Madison lebt, gehört mitsamt der Einrichtung David Lynch, der es selbst designt hat. Lynch ist nämlich Universalkünstler, er wirkte Zeit seines Lebens auch als Schauspieler, Maler, Fotograf, Lithograf, Bildhauer, Möbeldesigner und Komponist. Lynch (der das Drehbuch zusammen mit Barry Gifford verfasste, u.a. Autor der Romanreihe „Sailor and Lula“, die als Vorlage für „Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula“ diente) hat übrigens der damalige O.J. Simpson-Prozess maßgeblich zu LOST HIGHWAY inspiriert. Der „Mystery Man“-Darsteller Robert Blake wurde einige Jahre später auch des Mordes an seiner Frau angeklagt!

Trailer

Best of Cinema

Die Event-Reihe „Best of Cinema“ bringt an jedem ersten Dienstag im Monat ein Meisterwerk, Klassiker oder Kultfilm zurück auf die große Leinwand – und das in mehr als 300 Kinos!

Die Termine und Filme der nächsten Monate:
03.03.2026: Oldboy
07.04.2026: Siccario
05.05.2026: Die drei Tage des Condor
02.06.2026: Spaceballs

ab16

Originaltitel

Lost Highway (USA 1997)

Länge

135 Minuten

Genre

Drama / Fantasy / Thriller

Regie

David Lynch

Drehbuch

Barry Gifford, David Lynch

Kamera / Bildgestaltung

Peter Deming

Darsteller

Bill Pullman, Patricia Arquette, Balthazar Getty, Robert Blake, Natasha Gregson Wagner, Richard Pryor, Lucy Butler, Michael Massee, Gary Busey, Robert Loggia, John Roselius, David Byrd, Jack Nance

Verleih

Studiocanal GmbH

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