White Snail

29.01.2026

Die ausgezeichneten Dokumentarfilmer:innen Elsa Kremser und Levin Peter haben gemeinsam als künstlerisches Duo ihr Spielfilm-Debüt WHITE SNAIL in Minsk (Belarus) inszeniert, das auf den realen Biografien von Masha (Model) und Misha (Obduktionsassistent und Maler) beruht, die hier ihr Schauspieldebüt geben. Ein gelungenes Experiment, das mehr ist als ein herkömmlicher Hybrid-Film.

Wir lernen in WHITE SNAIL zwei einsame Seelen kennen, zwei Außenseiter mit Hang zum Abgründigen. Masha lebt als Model in Minsk. Sie besucht dort eine Model-Schule. Ihr Typ (hellblonde Haare und Augenbrauen, Piercings, durchscheinende Haut) ist in China gerade angesagt. Misha arbeitet in einem Leichenschauhaus. Masha sehen wir zu Beginn mit einer Plastiktüte auf dem Kopf im Bett liegend. Dann Schwarzbild. Nun liegt sie im Krankenhaus. Ihre Zimmernachbarin stirbt. Sie filmt Misha mit ihrem Smartphone aus dem Krankenhausfenster, in dem Moment als er die Leiche abholt. Warum ist Masha so fasziniert davon?

Das Besondere an WHITE SNAIL ist, dass das künstlerische Duo Elsa Kremser und Levin Peter Masha (Marya Imbro) und Misha (Mikhail Senkov) vor über zehn Jahren zum ersten Mal begegnet ist – und sich seitdem unabhängig voneinander mit beiden getroffen hat, um biografische Daten und weitere Anhaltspunkte fürs Drehbuch zu sammeln. Informationen zur zweiten Person wurden geheim gehalten, das Zusammentreffen fand tatsächlich erst beim Dreh statt. Ein gewagtes Experiment!

Das Regieduo äußert sich wie folgt dazu: „Sie würden einander herausfordern, provozieren und in Bewegung setzen. Im realen Leben ist Masha Model und ringt mit den psychischen Belastungen, die ihr Beruf mit sich bringt. Misha war zwanzig Jahre im Leichenschauhaus tätig und ist Künstler. In seinen monumentalen Ölgemälden verarbeitet er die Erfahrungen seiner Arbeit. Zwei kontrastreiche Welten – beide um den Körper und seine Darstellung zentriert, doch auf zutiefst unterschiedliche Weise ausgedrückt – bringen wir in einem fiktionalen Gefüge gezielt zum Zusammenstoß. Gemeinsam träumen sie vom Ausbruch, doch ihre Hoffnungen werden gefesselt von Angst und Scham – der Scham, als Künstler ungesehen zu bleiben, der Scham im Kampf mit Depressionen, der Scham, die sie daran hindert, sich anderen zu öffnen aus Furcht vor Demütigung. Im Zentrum der Geschichte steht ein grundlegender Konflikt: die Wahl, sich einem anderen zu öffnen und dadurch Verletzungen zu riskieren – oder sich zu isolieren und Einsamkeit und Stillstand zu akzeptieren.“

Masha ist in der Model-Schule eine Außenseiterin. Sie wirkt unnahbar, verschlossen. Ihr Look hat etwas Morbides. Sie trägt ständig einen schwarzen Teddy-Beutel mit einem Skelett auf dem Rücken! Aber ihr Typ ist halt gefragt, die anderen Jungs und Mädels sind neidisch. Masha hat eine Faszination für den Tod und spioniert Misha bis zur Leichenhalle hinterher. Unter dem Vorwand, sie suche ihren verschwundenen Vater, verschafft sich Masha Zutritt ins Reich von Misha, der ein bulliger tätowierter Typ ist. Er kommt nicht mit vielen Menschen in Kontakt, lebt zurückgezogen in seiner eigenen Welt. Masha ist das fast typische Gothic Girl. Sie findet Gefallen an der Leichenhalle und an der Arbeit von Misha. Auch an ihm?

Wir bekommen aktuell nicht viele Filme aus Weißrussland zu sehen, daher war es dem Regieduo Kremser / Peter ein Anliegen, dies zu ändern. Es wurde nicht nur mit einer einheimischen Crew vor Ort gedreht, sondern die beiden wollten auch mit dem Vorurteil der osteuropäischen Tristesse aufräumen. Die belarussische Hauptstadt Minsk ist durchaus modern. Masha und Misha streifen zusammen durch die sommerliche, dunkle Stadt: zu Fuß, mit dem Fahrrad oder per eScooter. Überall gibt es schöne Lichtstimmungen, die die Filmemacher:innen so aufgegriffen haben.

WHITE SNAIL zeigt übrigens auch eine spirituelle Seite Weißrusslands, die dort sehr verbreitet ist. Schamanismus und Aberglaube sind ein starkes Motiv für die Bevölkerung. So erklärt sich auch, dass es gleich mehrere Passagen mit einer Exorzistin gibt, die bei Masha eine Teufelsaustreibung durchführt. Masha geht es psychisch nicht gut, sie hat einen Selbstmordversuch hinter sich. Ihre Mutter hat sie aus Sorge zu der Frau geschleppt. Und die titelgebende weiße Schnecke? Masha hat zwei davon als „Haustiere“ – und lässt sie (auch in schöner Bildkomposition mit ihrer Mutter) über das Gesicht schleimen. Ist gut für die Haut!

Masha besucht nicht nur ihre Model-Schule, sondern geht auch bei Misha in der Leichenhalle quasi „in die Lehre“. Sie will alles ganz genau wissen! Sie ist bei Obduktionen dabei, auch beim abschließenden Anziehen und Schminken der Leichen. Sie weiß, wie viele Leichen im Schnitt angeliefert werden. Und sie kennt auch bald das Geheimwissen, von dem wir selbst in Pathologie-Serien noch nichts mitbekommen haben. Und Masha besucht Misha auch zuhause, wo er mit seiner Mutter wohnt. Der Rest der Wohnung ist übervoll mit verstörenden Öl-Gemälden (im Fachjargon: „akademische Art Brut“), die er seit seiner Jugend malt. Auch Misha hat bereits versucht, sich das Leben zu nehmen.

Zwei verlorene Seelen finden in WHITE SNAIL also irgendwie zueinander. Kann das Liebe sein? Zumindest nimmt Misha das Model mit auf‘s Land, dort ist er aufgewachsen. In der Bahn haben beide jedenfalls Spaß, hören Musik über sein Smartphone und albern herum. Er führt Masha im Wald zu einem besonderen Baum, der heilt und Wünsche erfüllt. Doch sie sträubt sich zunächst! Das Liebesspiel zweier Schnecken bekommen wir als Naturfilm-Doku noch explizit gezeigt, aber Masha und Misha nähern sich zaghafter an. Wie Schnecken halt!

Eine Frage, die sich das künstlerische Duo Kremser / Peter stellt, ist: „Warum beschäftigen wir uns nur mit der Perfektion und gehen so weit weg vom Tod, vom Abgrund, vom Grauen, obwohl wir ihm so nahe sind?“ In diese Abgründe tauchen wir in WHITE SNAIL filmisch ein – und nehmen hoffentlich etwas mit. Ein wirklich ungewöhnliches Spielfilmdebüt ist den beiden hier gelungen, die sich seit dem Filmstudium kennen. Mit ihrer Wiener Produktionsfirma RAUMZEITFILM haben sie seit 2016 mehrere gemeinsame Projekte realisiert. Ihr Dokumentarfilm „Space Dogs“ (darin geht es um streunende Hunde) feierte 2019 beim Filmfestival in Locarno Premiere und wurde weltweit gezeigt.

Ihr erster Spielfilm WHITE SNAIL wurde in Locarno mit dem „Special Jury Prize“ sowie dem „Pardo for Best Performance“ ausgezeichnet. Ja, tatsächlich – die beiden „Laien“ Marya Imbro und Mikhail Senkov überzeugen mit ihrer authentischen, unaufdringlichen Spielweise. Sie interpretieren quasi sich selbst. Und Marya Imbro hat dafür eben sogar den Darstellerpreis in Lorcarno gewonnen. Ein mutiger Film, der von tiefer Traurigkeit durchdrungen ist – und mittendrin einfach mal ein Schwarzbild echt lange stehen lässt! So lange, dass die Vermutung nahe liegt, es handelt sich um einen technischen Defekt. Einfach sitzenbleiben und aushalten!

Trailer

FSK noch unbekannt

Originaltitel

White Snail (Österreich / Deutschland 2025)

Länge

115 Minuten

Genre

Drama / Romanze

Regie

Elsa Kremser, Levin Peter

Drehbuch

Elsa Kremser, Levin Peter

Kamera / Bildgestaltung

Mikhail Khursevich

Darsteller

Marya Imbro, Mikhail Senkov, Olga Reptuh, Andrei Sauchanka, Anzhelika Prakopenia, Roman Kiselev, Katrusya Yasnovskaya, Tako Chan, Anastasia Satskevich. Erika Amiri, Nina Drako, Inna Ivanova, Iryna Smirnova, Evgeny Sheremet, Dmitri Muravijovs

Verleih

Real Fiction Filmverleih e.K.

Filmwebsite

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