Der Film der Woche

Smalltown Girl

15.01.2026

Den eigenen sexuellen Missbrauch filmisch zu verarbeiten, ist sicherlich kein leichtes Unterfangen. Hille Norden hat dafür in SMALLTOWN GIRL einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt und einen Film hinterlassen, der noch lange nachwirkt.

Die junge Schneiderin Nore (Dana Herfurth) ist bekannt dafür, ihre Sexualität offen auszuleben. Eines Abends trifft Nore in ihrer Lieblingsbar auf die schüchterne Jonna (Luna Jordan), die sie vor einem viel zu aufdringlichen Kandidaten rettet und ihr spontan anbietet, bei ihr einzuziehen. Jonna bewundert Nores Lifestyle, der in der gemeinsamen WG schnell Spuren hinterlässt: Alkohol, Kippen und jede Menge Herrenbesuch, der zwar schwesterlich geteilt wird, spätestens jedoch vor dem Frühstück die Wohnung wieder verlassen muss.

Doch dann verliebt sich Jonna in ihren One-Night-Stand Michel (Jakob Gießner) und beginnt, den ganzen schnellen Sex und alles darum in Frage zu stellen. Fortan beginnt sie, den Gründen für Nores Lebenseinstellung auf den Grund zu gehen. Gemeinsam begeben sich die beiden Freundinnen in Nores Vergangenheit und versuchen, den Weg in eine neue Zukunft zu finden…

SMALLTOWN GIRL ist ein ungewöhnlicher Film, der den Zuschauer knallhart mit auf die Suche nach dem eigenen Ich nimmt. Mit ihrer ungewöhnlichen Herangehensweise bricht die Regisseurin Hille Norden mit filmischen Gewohnheiten und schlägt einen gänzlich eigenen Weg ein. Das ist verstörend und beeindruckend zugleich. Denn SMALLTOWN GIRL ist nicht nur ernst, sondern zugleich auch humorvoll.

Gerade wenn sich ein Film um ein solch ernstes Thema wie einen Missbrauch dreht, schrecken Filmemacher*innen oft davor zurück, komische Elemente in ihren Werken zu verwenden. Viele bezeichnen es als pietätlos, weil die Gesellschaft uns vorgibt, dass wir in einer solchen Situation nicht lachen dürfen, sondern ausschließlich das Trauma verarbeiten dürfen. Hille Norden sieht das anders. Zum Glück:


Solange man nicht gestorben ist, ist man tatsächlich nicht tot. Und man kann seines Lebens auf jeden Fall wieder froh werden. Es ist eben so, dass nichts weniger schön dadurch wird, dass man gleichzeitig auch noch einen Witz erzählt. Und ich verstehe nicht, warum wir immer glauben, dass Schönheit, Witz, Glitzer und ein bisschen Spaß das Drama der Welt aufhebt. Aus meiner Sicht macht es das erträglich, nur dann bleibe ich überhaupt noch im Kino sitzen.

Hille Norden im Interview mit nochnfilm.de

Zum Glück ist es in den letzten Jahren deutlich einfacher geworden, über Missbrauch zu reden. Als der isländische Regisseur Baldvin Zophoníasson 2014 beim Filmfest Hamburg seinen Episodenfilm „Life in a Fishbowl“ vorstellte, erklärte er dem Publikum im Anschluss, dass der Missbrauch durch den Großvater im Film auf den Erlebnissen seiner eigenen Schwester beruht und man erst seit der Fertigstellung des Films überhaupt innerhalb der Familie darüber spricht. Filme können also durchaus etwas bewirken. Hille Norden interessierte sich aber weniger für das Trauma an sich, sondern um die Auswirkungen der Gewalt. „Gewalt selbst ist einfach zu verstehen, schwer ist es, sich selbst das Ganze einzugestehen“, so Norden in unserem Interview beim Filmfest Hamburg. Und so dauert es auch in SMALLTOWN GIRL, bis die Realität der Hauptfigur Risse bekommt. Denn Nore selbst ist es, die sich eingestehen muss, dass ihr etwas widerfahren ist und sie sich damit auseinandersetzen muss.

Die Dialoge des Films sind äußerst fein geschliffen und treffen den Zuschauer mitunter auch direkt in die Magengrube. Wenn Nore zu Beginn des Films in ihrer Bar von einem Stammgast als seine „Lieblingshure“ bezeichnet wird, bleibt einem das Lachen eiskalt im Halse stecken. Das sitzt, wie so viele andere Aussagen im Film. Natürlich kommen die Männer in SMALLTOWN GIRL nicht allzu gut weg, aber das ist durchaus verständlich. Ich konnte mir jedenfalls bei nahezu jeder männlichen Figur vorstellen, was sie sagen würde, wenn man sie im Nachhinein dazu befragen würde. „Sie wollte es doch auch“, wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die häufigste Antwort.

Hille Norden ist auch inszenatorisch eine Meisterleitung gelungen. Wie sie die verschiedenen Zeitebenen bei den Reisen in die Vergangenheit miteinander verbindet, ist wirklich beeindruckend. Aber auch die Idee, die Figuren mit ihrem früheren Ich in ein Zwiegespräch zu versetzen, hat eine immense Wirkung auf die Geschichte. In der Tat möchte man so manches Mal sein früheres Ich zu gewissen Dingen befragen können. Denn natürlich resultiert das heutige Verhalten aus dem, was vielleicht einmal in der Vergangenheit geschehen ist. Oder wie Hille Norden es in unserem Interview so schön formuliert hat:

Manchmal ist – und das ist das Problem von Trauma – die Vergangenheit eigentlich die Zukunft, von der ich vermute, mich vor ihr zu fürchten, weswegen ich mich in der Gegenwart so verhalte, als wäre gestern mein Morgen.

Hille Norden im Interview mit nochnfilm.de

Als Filmemacher*in trägt man bei Dreharbeiten noch eine zusätzliche Verantwortung: Wie stellt man sicher, dass niemand am Set durch eine Szene getriggert wird. Rein statistisch muss man davon ausgehen, dass es in jeder Gruppe mit mehr als 30 Menschen schon mal zwei missbraucht worden sind. In der Kunst- und Kulturszene dürfte die Quote vermutlich sogar noch höher liegen, weil Trauma oft dazu inspiriert, Kunst zu machen.

Daher machte es Norden zur Pflicht, dass jeder Beteiligte das Drehbuch liest und erst danach entscheidet, ob er mitmachen möchte. Zudem gab es an jedem Drehtag am Set von SMALLTOWN GIRL eine Art Wetterbericht, bei der jeder auch spontan sagen konnte, wenn er bei einer bestimmten Szene nicht dabei sein möchte. Zusätzlich gab es eine Therapeutin vor Ort, an die sich jeder wenden konnte.

Für explizite Szenen gab es zudem eine Intimitätskoordinatorin am Set, was bei Filmen zum Glück immer mehr zum Standard wurde. Diese bespricht mit den Beteiligten vorab, wie die Szenen ablaufen und ob auch wirklich jeder mit allem einverstanden ist, was in der Szene passiert. Norden hatte anfangs eine Drehbuchfassung verteilt, aus der nicht hervorging, ob die Figuren in den einzelnen Szenen nackt sind oder wie der Sex stattfinden soll, sondern vielmehr, wie sich der Sex anfühlen soll. Sie wollte damit offen lassen, wie der Sex konkret physisch umgesetzt wird. „Ich glaube, dass man Sex-Szenen durch ganz viele Mittel herstellen kann, auch sehr konkrete Sex-Szenen, und gar nicht so genau definieren muss, wie viel Körperkontakt notwendig ist“, so Norden in unserem Gespräch.

Am Ende ist dabei ein beeindruckender Film entstanden, der mich bei der ersten Sichtung komplett umgehauen hat. Ich bin generell ein großer Freund davon, wenn Filmemacher*innen einmal die eingetretenen Pfade verlassen und ihren eigenen Weg gehen. Um so sehr freut es mich, dass der Verleih „Neue Visionen“ schon sehr früh an SMALLTOWN GIRL geglaubt hat, Hille Norden bei der Umsetzung unterstützt hat und den Film jetzt in unsere Kinos bringt. „Ein Film ohne Zuschauer ist nur halb fertig“, sagte Norden so treffend in unserem Interview. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Interview

Beim Filmfest Haburg, wo SMALLTOWN GIRL seine Weltpremiere feierte, stand mir die Drehbuchautorin und Regisseurin Hille Norden in einem ausführlichen Gespräch Rede und Antwort. Wir sprachen u.a. über die Entstehung des Films, die Vereinbarkeit von Trauma und Spaß, sowie der Gefahr einer Re-Traumatisierung am Set.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab16

Originaltitel

Smalltown Girl (Deutschland 2025)

Länge

122 Minuten

Genre

Drama

Regie

Hille Norden

Drehbuch

Hille Norden

Kamera / Bildgestaltung

Bine Jankowski

Darsteller

Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, Jakob Geßner, Jan Georg Schütte, Marcel Heuperman, Johann von Bülow, Wanja Mues, Julian Greis, Campbell Caspary, Kjell Brutscheidt, Mehmet Ateşçi, Yann Mbiene, Jan Viethen, Max Matthis, Laurenz Lerch, Sebastian Jakob Doppelbauer

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

Filmwebsite

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