Ein junger Literaturstudent, ein blinder Dichter und die unfassbare Schönheit der schottischen Highlands – daraus macht Regisseur Marc Turtletaub ein Roadmovie, das auf vielen Ebenen überzeugt.
1971 ist der argentinische Dichter und Schriftsteller Jorge Luis Borges zu Besuch im schottischen St. Andrews, um dort um seinen engen Freund, Übersetzer und schottischen Dichter Alastair Reid (Alan Cumming) zu besuchen. Als dieser jedoch aufgrund eines familiären Notfalls kurzfristig nach London reisen muss, bittet er einen seiner Studenten, Jay Parini (Fionn Whitehead), auf den erblindeten Borges aufzupassen. Das passt dem jungen Mann jedoch überhaupt nicht, wollte er sich doch gerade auf den Weg zu den Orkney-Inseln im Norden Schottlands machen, um dort den schottischen Dichter und Schriftsteller George Mackay Brown zu treffen und für seine Doktorarbeit über sein Werk zu befragen.
Als Borges davon erfährt, lädt er sich kurzerhand selbst ein. Gemeinsam begeben sie sich auf einen Roadtrip, der sie durch die wunderschöne Natur der Highlands führt. Ihre Reise führt sie durch Glen Coe, über den Pass Bealach na Bà, vorbei am Loch Ness und Inverness, dem historischen Schlachtfeld Culloden, bis zu den vor der nordöstlichen Küste gelegenen Orkney-Inseln. Als sie zwischenzeitlich einen Stopp in einem örtlichen Pub mit angeschlossenem Hotel einlegen, lernt Parini die forsche Hotelierstochter Ailith (Freya Mavor) kennen, die frischen Wind in die Reise bringt. Es funkt zwischen dem schüchternen und etwas unbeholfenen Parini und Ailith, die die beiden fortan spontan auf der Reise begleitet und dafür sorgt, dass beide Männer diese Reise für immer im Gedächtnis behalten werden.
Als großer Schottland-Fan hat BORGES AND ME allein schon wegen der eindrucksvollen Landschaften bei mir einen Stein im Brett. Die von Kameramann Christopher Norr brillant eingefangenen Landschaften haben mich fortwährend an meine eigenen Roadtrips durch die schottischen Highlands erinnert.
Doch damit nicht genug, denn BORGES AND ME erzählt zudem eine tiefgründige Geschichte über zwei Menschen, die nach ihrem Platz im Leben suchen. Da wäre zum einen der argentinische Dichter Jorge Luis Borges, der zu diesem Zeitpunkt bereits weltberühmt war, aber sehr unter seiner fortschreitenden Erblindung sowie der akademischen Steifheit litt, die ihn oftmals umgab. Dieser improvisierte Roadtrip abseits feiner Hotels und Universitäten gab ihm ein Stück seiner jugendlichen Freiheit zurück. Denn für Borges war Schottland ein Sehnsuchtsort, mit dessen Literatur und dessen alter angelsächsischer Sprache er sich über Jahrzehnte befasst hatte. Durch Parinis Beschreibungen und die eigenen körperlichen Erfahrungen, zu denen u.a. auch ein unfreiwilliges Bad im Loch Ness gehört, wurde seine abstrakte literarische Welt für ihn noch einmal physisch und real erfahrbar.
Auf der anderen Seite gibt es den recht unerfahrenen jungen Studenten Jay Parini, der seinen Platz im Leben noch nicht so recht gefunden hat. Wie Parini in Interviews schildert, reiste der 23-Jährige 1970 in einer „panischen Flucht“ nach Schottland. Er fühlte sich vom US-Wehrdienst bedroht, lehnte den Vietnamkrieg strikt ab und nutzte sein Promotionsstudium an der University of St. Andrews als Zuflucht. In Borges Gegenwart fühlte sich Parini eigenen Angaben zufolge zum ersten Mal „klüger, gelehrter und witziger“. Da er dem blinden Borges fortwährend die Landschaft erklären musste, zwang ihn dies, die Welt mit der Präzision und Bildhaftigkeit eines echten Autors wahrzunehmen.
Durch die von Freya Mavor eindrucksvoll gespielten Ailith beginnt Parini zudem, auch das Zwischenmenschliche im Leben zu erkunden. So ist dieser ungeplante Roadtrip für beide Männer eine Art Offenbarung. Irgendwann versucht Borges, seinem Mitreisenden zu erklären, warum eine schlechte Nachricht ihn so dermaßen aus der Bahn wirft:
Unser Bestreben ist es, die Dinge noch tiefer zu empfinden, damit wir unsere Worte für andere mit Aufrichtigkeit füllen können.
Jorge Luis Borges in einer Szene aus BORGES AND ME
(Our struggle is to feel things even more deeply, so we can put honesty into our words for others.)
Spätestens mit diesem Satz hatte mich BORGES AND ME vollends abgeholt, denn in diesem einen Satz steckt so unfassbar viel Wahrheit, dass er das Wesen dieses Films perfekt zusammenfasst.
BORGES AND ME hat sich seit der ersten Sichtung vor knapp zwei Wochen tief in meinem Hinterkopf verankert und kommt immer mal wieder zum Vorschein, um mich daran zu erinnern, diesen wunderschönen Film noch viele weitere Male zu sehen.
Beim Edinburgh International Film Festival 2026 hatte ich das Vergnügen, mit der Schauspielerin Freya Mavor und dem Regisseur Marc Turtletaub über ihren wunderbaren Film BORGES AND ME sprechen zu dürfen, der dort seine Weltpremiere gefeiert hat.
Borges and Me (Großbritannien / USA / Belgien / Niederland 2026)
109 Minuten
Drama
Marc Turtletaub
Oren Moverman
Ross Clarke, Jay Parini, basierend auf dem Roman von Jay Parini
Christopher Norr
Fionn Whitehead, Freya Mavor, Luis Gnecco, Alan Cumming, John Gordon Sinclair, Morven Christie, Peter Mullan, Stuart Bowman