Aftersun

17.11.2022

In ihrem Regiedebüt AFTERSUN blickt Regisseurin Charlotte Wells nostalgisch auf den Vater-Tochter-Urlaub in einem türkischen Ferien-Resort in den 1990er Jahren zurück und schafft damit ein kleines Wunderwerk, das das diesjährige Edinburgh International Film Festival eröffnet hat.

Mit einer Mischung aus Freude und Melancholie blickt Sophie (Celia Rowlson Hall) auf einen gemeinsamen Urlaub mit ihrem Vater (Paul Mescal) vor zwanzig Jahren zurück. Echte und imaginäre Erinnerungen füllen die Lücken aus, die die körnigen Aufnahmen des Camcorders hinterlassen haben. Was sich damals für die 11-jährige Sophie (Frankie Corio) wie eine wunderschöne gemeinsame Zeit anfühlte, sollte sich später als ein Abschied für immer entpuppen. Auch mit 31 Jahren versucht Sophie noch immer, den Vater, den sie kannte, mit dem, den sie nicht kannte, in Einklang zu bringen.

Nach drei Jahren Pandemie und einer rein virtuellen und einer hybriden Ausgabe des Edinburgh International Film Festivals, sollte sich AFTERSUN als der perfekte Eröffnungsfilm erweisen. Zutiefst menschlich erzählt Charlotte Wells ein wunderbare Geschichte, die mit Sicherheit niemanden unberührt zurücklässt. Dabei verzichtet sie auf eine klare Dramaturgie und lässt uns die Welt durch die Augen einer 11-Jährigen betrachten, für die die Welt (noch) in Ordnung war. Dass das so gut funktioniert, ist vor allem den beiden Hauptdarstellern zu verdanken. Paul Mescal spielt den liebevollen Vater mit einer solchen Kraft, dass uns sein wahrer Zustand umso mehr aus der Bahn wirft. Und die blutjunge Frankie Corio ist eine absolute Entdeckung. Ihre Sichtweise auf den Vater ist eine ganz besondere, denn sie befindet sich eigentlich noch in der Welt, in dem wir unsere Eltern ausschließlich als solche wahrnehmen. Erst später erkennen wir, dass auch sie ein ganz eigenes Leben haben. Dass der Vater seine gute Laune so manches Mal vortäuschen muss, erkennt Sophie erst nach vielen vielen Jahren.

Das Wunderbare an AFTERSUN ist, dass die Regisseurin dem Publikum vollends vertraut. Wo andere Regisseur:Innen auf einen Erzähler setzen oder den Sachverhalt auf eine andere Art und Weise erklären, zieht Wells sich zurück. Vieles ist nur zwischen den Zeilen zu lesen und ergibt unter Umständen erst viel später einen Sinn – oder gar nicht. Wie wir den Film am Ende deuten, liegt einzig und allein im Auge des Betrachters. Ich muss zugeben, dass ich am Ende doch etwas ratlos war, doch je mehr ich im Anschluss über den Film nachgedacht habe, je mehr ich mich mit anderen darüber unterhalten habe, desto größer wurde er vor meinem inneren Auge. Das ist die Magie, die großes Kino ausmacht.

MUBI und DCM bringen diesen wunderbaren FIlm am 17.11.2022 in die deutschen Kinos.

Im Rahmen der Berichterstattung
FSK noch unbekannt

Originaltitel

Aftersun (Großbritannien / USA 2022)

Länge

96 Minuten

Genre

Drama

Regie

Charlotte Wells

Drehbuch

Charlotte Wells

Darsteller

Paul Mescal, Frankie Corio, Celia Rowlson-Hall, Kayleigh Coleman, Sally Messham, Harry Perdios, Ethan Smith, Ruby Thompson, Brooklyn Toulson

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