SALZ UND WASSER – MIT DER LEGENDÄREN POLARSTERN IN DIE ANTARKTIS nimmt uns mit auf eine außergewöhnliche Forschungsreise ans Ende der Welt. Iris Reinisch verbindet spektakuläre Bilder der Antarktis mit präzise vermitteltem Wissen und macht daraus eine ebenso faszinierende wie dringliche Dokumentation.
Vor knapp 44 Jahren brach der Forschungseisbrecher „Polarstern“ des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung zum ersten Mal von Bremerhaven aus in Richtung Antarktis in See. Als in Bremerhaven geborener kleiner Junge habe ich das 1982 mit neun Jahren nur bedingt wahrgenommen. Als jedoch in den kommenden vier Jahren das neue Institutsgebäude, der an einen Schiffsbug erinnernde sogenannte „Unger-Bau“, mitten in der Innenstadt hochgezogen wurde, war die Polar- und Meeresforschung auch für mich ein Begriff. Umso erstaunlicher ist, dass es über vier Jahrzehnte dauerte, bis die „Polarstern“ endlich im Kino ihre eigene Dokumentation bekam.
Immer wieder hadere ich mit der einen oder anderen Dokumentation. Nicht immer ist es berechtigte Kritik, sondern den eigenen Sehgewohnheiten geschuldet, aber bei einigen Punkten werde ich durchaus wütend. So etwa bei einer Trump-Anhänger-Doku vor ein paar Jahren beim Filmfest Hamburg, bei der der Regisseur sich ausschließlich als Beobachter sah und es unterließ, das Gezeigte einzuordnen, weil er glaubte, dass dies für sich stehen würde. Oder bei Dokus, die ihre Talking Heads nicht betiteln, so dass man deren Aussage nur schwerlich einordnen kann.
Iris Reinisch, die bei SALZ UND WASSER nicht nur Regie geführt hat, sondern auch für Kamera und Schnitt verantwortlich war, weiß hingegen genau, was sie tut. Ich habe tatsächlich schon lange keine Dokumentation mehr gesehen, die so derart gut, clever, informativ und unterhaltsam zugleich war und uns Zuschauern ein tiefgründiges Verständnis einer solchen Antarktis-Mission vermittelt.
Natürlich ist das nicht verwunderlich, denn Reinisch hat sich nach ihrem Studium in Kommunikationsdesign und Illustration (mit dem Schwerpunkt audiovisuelle Medien) auch noch vertiefend in der Dokumentarfilmregie und -produktion weiterbilden lassen. Seit ihrem zusätzlichen Studium der Ökologischen Agrarwissenschaften an der Universität Kassel realisiert sie Wissenstransferfilme aus der Forschung für die Praxis. Genau diese breitgefächerte Ausbildung zahlt sich in SALZ UND WASSER komplett aus.
Während sich andere Regisseur:innen auf die magischen Landschaftsaufnahmen verlassen hätten, führt uns Reinisch in SALZ UND WASSER tief hinter die Kulissen. Nach und nach besucht sie die einzelnen Bereiche des Schiffs und lässt sich von vielen unterschiedlichen Besatzungsmitgliedern deren Arbeitsbereiche erklären – vom Decksmann über die verschiedenen wissenschaftlichen Abteilungen bis hin zum anfangs kamerascheuen Kapitän. Und tatsächlich hat jeder etwas Eindrucksvolles zu erzählen.
Dazwischen bindet Reinisch zudem immer wieder wissenschaftliche Fakten ein, zum Beispiel, was es mit dem antarktischen Zirkumpolarstrom auf sich hat und warum gerade dieser so wichtig für unser Klima ist. Dabei bleibt sie nie bei abstrakten Fakten stehen: Dass ein vollständiges Abschmelzen des antarktischen Eises den weltweiten Meeresspiegel um 52 Meter anheben würde, bekommt hier unmittelbare Dringlichkeit. Dass SALZ UND WASSER trotzdem keine nerdige Wissenschaftsdoku ist, liegt an der Art und Weise, wie Reinisch hier arbeitet. Sie nimmt uns kurz beiseite, um grundlegende Dinge zu erklären, geht dabei aber nicht vollkommen in die Tiefe. Nur eben so weit, dass wir verstehen, warum genau an bestimmten Stellen Eis-, Wasser- und Gesteinsproben von den wissenschaftlichen Teams genommen werden. Genug Informationen, um folgen zu können, aber nicht zu viel, um sich irritiert abzuwenden. Diese Balance lotet Reinisch in ihrem Film wirklich perfekt aus.
Aber noch eine Sache macht den Film so besonders. Gerade dort, wo SALZ UND WASSER am schönsten aussieht, wird er am nachdrücklichsten: Die majestätischen Eislandschaften sind nicht nur Naturwunder, sondern auch sichtbare Warnzeichen.
SALZ UND WASSER – MIT DER LEGENDÄREN POLARSTERN IN DIE ANTARKTIS ist Dokumentarfilm in Perfektion. Dabei schafft der Film genau das, was jeder Vertreter dieses Genres sollte: uns in eine unbekannte Welt entführen, damit wir sie kennenlernen und besser – oder überhaupt erst – verstehen.
Salz und Wasser – Mit der legendären Polarstern in die Antarktis (Deutschland 2025)
110 Minuten
Dokumentation
Ines Reinisch
Ines Reinisch
Ines Reinisch
Farbfilm Verleih GmbH