The MAD World of Harvey Kurtzman

Harvey Kurtzman, der aus den Einwanderervierteln Brooklyns der 1920er Jahre stammte, löste seinerzeit eine kreative Revolution aus, die Comics, Satire und Popkultur neu prägte. Anhand seltener Archivmaterialien, bisher unveröffentlichter Interviews, handgezeichneter Animationen und einer originellen Jazz-Filmmusik beleuchtet THE MAD WORLD OF HARVEY KURTZMAN den Mann, der das MAD Magazine ins Leben rief und dazu beitrug, den amerikanischen Humor und das visuelle Erzählen für immer neu zu definieren.

Als Harvey Kurtzman 1946 begann, erste Zeichnungen zu veröffentlichen, ahnte noch niemand, welchen Einfluss er auf die Welt der Comics haben würde. Sein unerbittlicher Perfektionismus und seine einzigartige Vision hoben ihn schnell von anderen ab und brachten ihm den Respekt von Chefs wie Stan Lee (Marvel) ein, brachten ihn jedoch gleichzeitig in Konflikt mit der Branche und ihren Geldgebern. Denn Kurtzman nahm kein Blatt vor den Mund und wurde aufgrund seiner Antikriegs-Comics sogar vom FBI überwacht. Er reagierte darauf mit der Gründung von MAD, einem Comic-Magazin, das die Absurdität des neuen popkulturellen Mediums entlarvt, das um ihn herum entstand – von Film und Fernsehen bis hin zu deren Prominenten. Während Comics vom US-Senat dafür kritisiert werden, den Geist von Kinder zu verzerren, verlässt Kurtzman dreist MAD, um mit Hugh Hefner von Playboy zusammenzuarbeiten. Doch damit wird die Geschichte noch verrückter…

Mit Harvey Kurtzman befasst sich der kanadische Regisseur Bart Simpson mit einem Mann, der mir zuvor überhaupt nicht geläufig war. Zwar ist mir das MAD Magazine ein Begriff, aber sein (Mit-)Gründer nicht. Doch bevor wir ein wenig tiefer in diese Welt eintauchen noch ein paar Worte zum Regisseur. Ja, der gute Mann heißt tatsächlich Bart Simpson, doch das hat nichts mit der berühmten Comic-Figur von Matt Groening zu tun, denn es handelt sich um seinen bürgerlichen Namen. Sein Vater gab ihm diesen Namen aufgrund der Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ („Bartleby, the Scrivener“) von Herman Melville.

Harvey Kurtzmans Comics haben mir in meiner Jugend Angst gemacht. Seine Verzerrung des idealisierten Lebens, das ich im Fernsehen und in Zeitschriften sah, kam mir komisch vor, wirkte aber gleichzeitig verboten.

Bart Simpson über Harvey Kurtzman

Doch wie nähert man sich einem Menschen, von dem es zwar kaum filmische Aufnahmen gibt, dafür aber eine schier unendliche Menge an Comics? Simpson entschied sich bei THE MAD WORLD OF HARVEY KURTZMAN für eine äußerst interessante Herangehensweise: Zusammen mit dem in Edinburgh ansässigen Animationsstudio „The 2D Workshop“ erweckte er die Bilder Kurtzmans zum Leben. Dabei ist das eine ziemlich heikle Angelegenheit, schließlich sind Comics an sich starre, eindimensionale Werke, die durch die Überführung in Animationen durchaus ihre Wirkung verlieren könnten. Doch durch die behutsame Herangehensweise ist es uns als Zuschauern möglich, ganz tief in die Welt dieses Genies einzutauchen.

Für die Arbeit am Film hatte Bart Simpson Zugriff auf das komplette Archiv des Kurtzman Estate, in dem sich neben den eigentlichen Comics auch solch banale Dinge wie beispielsweise Telefonrechnungen befinden. Trotz dieser schieren Menge an Material ist es Simpson gelungen, das LebenHarvey Kurtzmans in eine unterhaltsame Reise zu verwandeln. Und Dokumentarfilme sind immer dann gut, wenn man einen Protagonisten entdeckt, über den man zuvor gar nichts wusste, von dem man aber später den Eindruck hat, man würde ihn bereits sein ganzes Leben kennen.

Eine lose Struktur erhält THE MAD WORLD OF HARVEY KURTZMAN durch Kurtzmans jüngste Tochter Nellie und ihre Gespräche mit Denis Kitchen, einem Cartoonisten und alten Freund der Familie, während sie überlegt, welche seiner Hinterlassenschaften sich für ein Harvey-Kurtzman-Museum eignen würden.

Simpson ist es zudem gelungen, einige einflussreiche Experten im Film zu Wort kommen zu lassen, darunter Terry Gilliam, der THE MAD WORLD OF HARVEY KURTZMAN zudem mitproduziert hat, „Die Simpsons“-Schöpfer Matt Groening sowie Robert Crumb und Art Spiegelman, die zu den wichtigsten und einflussreichsten Comiczeichnern der amerikanischen Geschichte gehören.

Nach 92 Minuten ist klar, warum Harvey Kurtzman auch heute noch relevant ist und welchen Einfluss das MAD Magazine seinerzeit hatte. Aber auch, wie der kommerzielle Druck, der immer wieder auf Kurtzman lastete, zu der einen oder anderen Fehlentscheidung führte. So verließ Kurtzman das MAD Magazine bereits wenige Jahre später aufgrund kreativer Differenzen mit seinem Mitgründer William Gaines. Dieser wiederum verkaufte das Magazin wenige Jahre später und machte damit Millionen – von denen Kurtzman natürlich keinen Cent sah.

Mit THE MAD WORLD OF HARVEY KURTZMAN ist Bart Simpson ein eindrucksvoller Dokumentarfilm gelungen, der einen äußerst interessanten Blick auf ein verkanntes Genie wirft, dessen Ansehen leider erst nach seinem Tod im Jahr 1993 gestiegen ist.

Interview

THE MAD WORLD OF HARVEY KURTZMAN feierte seine Weltpremiere beim Edinburgh International Film Festival. Dort hatte ich die Gelegenheit, mit Regisseur Bart Simpson – nein, nicht der Comic-Figur, sondern dem Regisseur; mehr dazu im Video – über seinen Dokumentarfilm zu sprechen. Der 92-minütige Dokumentarfilm lief dort im August 2026 und wurde von Bart Simpson inszeniert.

Im Rahmen der Berichterstattung
FSK noch unbekannt

Originaltitel

The MAD World of Harvey Kurtzman (Kanada / Schottland 2026)

Länge

92 Minuten

Genre

Dokumentation

Regie

Bart Simpson

Drehbuch

Bart Simpson

Kamera / Bildgestaltung

Alex Lampron, Alana Mejía González

Darsteller

Sergio Aragones, Robert Crumb, Sarah Downs, Gareth Gaudin, Terry Gilliam, Karen Green, Matt Groening, Al Jaffee, Denis Kitchen, Adele Kurtzman, Meredith Kurtzman, Nellie Kurtzman, Pete Poplaski, Arnold Roth, Art Spiegelman, William Stout, James Warren

Filmwebsite

» zur Filmwebsite

Weitere Beiträge in dieser Kategorie

EIFF | 2023 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

Chuck Chuck Baby

 Großbritannien 2024 |  102 Minuten |  Drama / Komödie / Romanze / Musical
EIFF | 2022 | Kritik
overview Jan-BarraHentschel

Mediterranean Fever

 Deutschland / Palästina / Frankreich / Zypern 2022 |  114 Minuten |  Komödie / Drama
EIFF | 2022 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

Julie – Eine Frau gibt nicht auf

 Frankreich 2022 |  88 Minuten |  Drama
EIFF | 2022 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

Juniper

 Neuseeland 2021 |  94 Minuten |  Drama
EIFF | 2022 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

Dúthchas – Home

 Großbritannien 2022 |  88 Minuten |  Dokumentation
EIFF | 2022 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

Aftersun

 Großbritannien / USA 2022 |  96 Minuten |  Drama
EIFF | 2021 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

The Justice of Bunny King

 Neuseeland 2021 |  101 Minuten |  Drama
EIFF | 2021 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

Ninjababy

 Norwegen 2021 |  103 Minuten |  Drama
EIFF | 2021 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

Pig

 Großbritannien / USA 2021 |  92 Minuten |  Thriller / Drama
EIFF | 2019 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

Ode to Joy

 USA 2019 |  97 Minuten |  Komödie
EIFF | 2019 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

Dem Leben auf der Spur

 Irland / Island / USA 2019 |  96 Minuten |  Drama
EIFF | 2019 | Kritik
overview MichaelSpangenberg

Robert the Bruce

 USA / Großbritannien 2019 |  124 Minuten |  Drama