Wer wir sind und wer wir waren

Kinostart: 29.07.2021

ab6 OT: Hope Gap (Großbritannien 2019)
Länge: 101 Minuten
Genre: Drama
Regie: William Nicholson
Drehbuch: William Nicholson
Darsteller: Annette Bening, Bill Nighy, Josh O'Connor, Sally Rogers, Aiysha Hart, Ryan McKen, Steven Pacey, Nicholas Burns
Verleih: Tobis Film GmbH & Co. KG

Was passiert, wenn die Liebe eines Lebens zerbricht? Dieser Frage geht der Drehbuchautor und Regisseur William Nicholson in WER WIR SIND UND WER WIR WAREN auf den Grund und seziert darin die Beziehung eines Paares am lebendigen Leib. 

Grace (Annette Bening) und Edward (Bill Nighy) sind seit mehr als 30 Jahren verheiratet. In ihr Leben an der malerischen Südküste Großbritanniens hat sich der Alltagstrott geschlichen. Als ihr gemeinsamer Sohn Jamie (Josh O’Connor) zu Besuch kommt, nutzt Edward die Gelegenheit, um seine Frau für eine andere zu verlassen. Natürlich ist Grace am Boden zerstört und beginnt, um ihren Mann zu kämpfen…

Nicholson hat hier ein extrem stilles Drama geschaffen, in dem nicht wirklich viel passiert. Gefangen in unliebsamen Routinen und immer wieder genervt von ständigen Missverständnissen und Vorwürfen sehnt sich Edward nach etwas Neuem. Er traut sich aber auch nicht wirklich, seiner Frau zu sagen, was ihn stört. Also leben beide vor sich hin und akzeptieren die Situation. Der Film zeigt diese Routine in kleinen Gesten und beleuchtet den Frust in Gesichtsausdrücken und winzigen Regungen. So dezent, dass man es beinahe nicht wahrnehmen würde, wenn man nicht gebannt die Gesichter der beiden verfolgt. Aber Nichsolson macht auch bewusst keinen Schuldigen für diese Situation aus. Jeder hat seine eigene Sicht auf die Dinge und mangels echter Kommunikation behält diese auch jeder für sich. 

Beim Besuch des Sohnes nutzt Edward diesen als Überbringer der schlechten Nachricht an seine Frau. Er soll der Mutter dabei helfen, den Schock zu verdauen, so der Plan. Das zeigt, dass in Edward zumindest noch ein Rest von Liebe vorhanden ist, schließlich möchte er seine Frau nicht verletzen. 

Diese äußerst präzise Beobachtung der Situation kommt natürlich nicht von ungefähr, sondern trägt biographische Züge. Auch die Eltern des Regisseurs und Drehbuchautors trennten sich nach knapp 30-jähriger Ehe, als er noch ein junger Mann war. Seine damalige Rolle als neutraler Mittelsmann findet sich nun in seinem Film wieder. Ab dem Zeitpunkt der Trennung schildert der Film die Geschichte fast ausschließlich aus der Sicht des Sohnes, der selbst seinen Platz im Leben noch nicht wirklich gefunden zu haben scheint. Doch seine Probleme werden nur ganz peripher gestreift, sie spielen hier schlichtweg keine Rolle. Auch er scheint eine Trennung hinter sich zu haben, aber durch seine Weigerung, sich auf eine Seite zu schlagen, lebt er ganz unbewusst seinen Eltern eine Haltung vor, die er für sich selbst eigentlich erst noch finden muss. 

Mit seinem Drama der leisen Töne erlaubt uns William Nicholson einen Blick auf eine Beziehung, die nicht in einem großen Knall endet, sondern still und leise zerbricht. Dass er seine neutrale Beobachtung bis zum Ende des Films beibehält, macht WER WIR SIND UND WER WIR WAREN so unfassbar stark. 

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