Tausend Zeilen

29.09.2022

Vor knapp vier Jahren erschütterte ein schier unvorstellbarer Medienskandal die Bundesrepublik Deutschland. Ein junger, renommierter Star-Reporter des Hamburger Nachrichten-Magazins „Der Spiegel“, bereits mit zahlreichen Journalistenpreisen ausgezeichnet, hatte nachweislich einen großen Teil seiner Reportagen und Interviews manipuliert oder komplett frei erfunden – und die leitenden Herren des Magazins hatten nichts gemerkt. Das erinnerte doch sehr an den Skandal der angeblichen „Hitler-Tagebücher“, die der „Stern“ 1983 veröffentlicht hatte. Erst ein beherzter, freier Mitarbeiter des „Spiegel“ deckte den neuen Irrsinn auf. Sein Buch diente als Vorlage für die überdrehte Mediensatire TAUSEND ZEILEN von Michael Bully Herbig.

Der bislang als Komödien-Regisseur bekannte Herbig hatte schon im beeindruckenden DDR-Flucht-Drama „Ballon“ bewiesen, dass er auch ernste Themen meistern kann. Die beiden Vorbilder des neuen Films sind natürlich sofort zu erkennen: Helmut Dietls „Schtonk!“ (über die „Hitler-Tagebücher“) und Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“. Warum auch nicht: So verfilmt man eine Satire – denn niemand beginnt bei Null! (Dass die Namen der Personen und des Magazins leicht verfremdet wurden, stört nicht weiter. Jeder weiß, wer oder was gemeint ist. Persönlichkeitsrechte gehen im deutschen Pressewesen halt vor.)

Der in Berlin lebende freie Journalist Juan Romero (Elyas M’Barek) recherchiert im Auftrag des Hamburger Nachrichten-Magazins „Chronik“ in Mexiko über Flüchtlinge, die um jeden Preis über die Grenze in die USA wollen. Doch er soll nur der Zulieferer für den Star-Reporter Lars Bogenius (Jonas Nay) sein, der die Geschichte aus US-amerikanischer Sicht erzählen will – einschließlich Interviews mit Mitgliedern der US-Grenztruppen. Doch eines irritiert Juan Romero bei seinen Recherchen: Diese beinharten, rechtslastigen Grenzschützer wollen mit niemandem reden – warum ausgerechnet mit Lars Bogenius? Auf Anfragen stellt sich die „Chronik“-Chefetage (Michael Maertens, Jörg Hartmann) stur: „Bogenius macht das schon!“

Und so recherchiert Juan Romero auf eigene Faust – sehr zum Leidwesen seiner Frau (Marie Burchard) und seinen vier Töchtern. Als er in der Redaktion Zweifel an der Authentizität der Bogenius-Artikel äußert, erntet er nur Häme. Doch Juan und sein österreichischer Fotograf (Michael Ostrowski) decken in Arizona den Schwindel auf: Es war alles nur getürkt!

Regisseur Michael Bully Herbig begeht in seiner Satire leider den Fehler, alles so zu übertreiben, dass wirklich jeder die Pointen versteht. Und er macht das Gleiche wie Martin Scorsese in „The Wolf of Wall Street“: Juan Romero (Elyas M’Barek) spricht in TAUSEND ZEILEN den Kinozuschauer direkt an – unschön! Der zur Zeit populärste Filmschauspieler Deutschlands, Elyas M’Barek, nimmt sich in seiner Rolle als ein noch an das Gute im Menschen glaubende Journalist wohltuend zurück, Jungstar Jonas Nay spielt den aalglatten Möchtegern-Reporter mit eiskalter Chuzpe.

Doch warum musste Michael Bully Herbig alles eine Nummer zu groß inszenieren? Als Juan Romero und sein Fotograf in Arizona recherchieren, fahren sie natürlich durch das berühmte Monument Valley. Als John-Ford-Hommage nett gedacht – doch leider sehr aufdringlich umgesetzt. TAUSEND ZEILEN ist als Mediensatire solide und gut gemeint, aber der Regisseur hat diesmal den Bogen überspannt. Schade!

Trailer

ab12

Originaltitel

Tausend Zeilen (Deutschland 2022)

Länge

93 Minuten

Genre

Drama

Regie

Michael Bully Herbig

Drehbuch

Hermann Florin

Darsteller

Elyas M'Barek Jonas Nay, Marie Burchard, Michael Ostrowski, Jörg Hartmann, Michael Maertens, Sara Fazilat, Jeff Burrell, Kurt Krömer

Verleih

Warner Bros. Entertainment GmbH

Filmwebsite

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