No Good Man

In diesem Jahr wurde die Berlinale mit einem in Afghanistan spielenden Film eröffnet, der ausschließlich in Deutschland gedreht wurde – doch das sieht man dem wunderbaren NO GOOD MAN überhaupt nicht an.

Wir schreiben das Jahr 2021 und befinden uns in der afghanischen Stadt Kabul, kurz vor der Rückkehr der Taliban an die Macht. Naru (Shahrbanoo Sadat) arbeitet beim Sender „Kabul News“ als einzige Kamerafrau und muss sich den Respekt ihrer männlichen Kollegen erst noch erarbeiten. Währenddessen kämpft sie um das Sorgerecht ihres dreijährigen Sohne Liam (Liam Hussaini), nachdem sie ihren chronisch fremdgehenden Ehemann (Masihullah Tajzai) verlassen hat. Naru ist überzeugt davon, dass es in ihrem Land keine guten Männer gibt, doch dann erhält sie von Qodrat (Anwar Hashimi), dem einflussreichsten und bekanntesten Reporter beim Sender eine Chance. In den letzten Tagen der Freiheit eilt das ungleiche Team durch die Straßen Kabuls und Naru muss sich die Frage stellen, ob sie mit ihrer Annahme immer noch richtig liegt.

Mit NO GOOD MAN legt die in Hamburg lebende Autorin und Regisseurin Shahrbanoo Sadat nach „Wolf and Sheep“ (2016) und „The Orphanage“ (2019) bereits ihren dritten Film vor, den die Berlinale in diesem Jahr als ihren Eröffnungsfilm ausgewählt hat. In der Tat erweist sich das gerechtfertigt, verbindet Sadat doch diverse aktuell relevante Themen.

Das wäre zuerst einmal die Rolle der Frau in Afghanistan in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft. Ihre Auffassung, dass es im gesamten Land keine guten Männer gibt, stellt sie nicht einfach nur als Behauptung in den Raum, sondern unterfüttert diese durch Straßeninterviews mit Frauen, die sie für den Sender zum Thema des Valentinstags durchführt. Es sind erschütternde Statements, von denen wir zwar irgendwie wussten, die aber nie so offen vor einer Kamera geäußert worden sind.

Shahrbanoo Sadat greift in NO GOOD MAN auf eigene Erlebnisse zurück, u.a. aus der Zeit, als sie in Kabul für einen Nachrichtensender gearbeitet hat. Die Story stand bereits fest, bevor die Taliban an die Macht zurückgekehrt sind und sollte ursprünglich eine Art Romantic Comedy werden. Doch mit den Ereignissen, die mit dem überstürzten Abzug der amerikanischen Truppen einhergingen, veränderte sich die Geschichte ein wenig. Hinzu kam der Eindruck, dass Afghanistan mit den Taliban wieder in die Steinzeit zurück fallen würde. Das hatte zur Folge, dass die kurze Zeit der „Demokratie“ durch Schönfärberei zu etwas Besserem stilisiert wurde, als sie es eigentlich war. Denn obwohl man immer davon sprach, wie viel internationale Gelder doch in die Förderung von Frauenrechten geflossen seien, sah die Realität etwas anders aus. Durch die immense Korruption kamen tatsächlich nur wenige Gelder wirklich bei den Frauen an.

Einen weiteren Blick legt Sadat auf Rechte getrennt lebender Frauen, vor allem wenn es um das Sorgerecht für ihre Kinder geht. Dieser Teil von NO GOOD MAN wurde von Sadats Schwester inspiriert, die ihren gerade einmal sechs Tage alten Sohn nach der Scheidung auf schmerzhafte und unfaire Art und Weise an ihren Ex-Mann übergeben musste.

Doch inmitten all dieser harten und traurigen Momente verliert Sadat in NO GOOD MAN nicht den Blick für das Fröhliche. Ihre Figuren dürfen trotz all der Widrigkeiten die Freude am Leben nicht verlieren oder gar aufgeben. Dafür bekam Sadat bei der Suche nach Geldgebern aber auch viel Kritik. Man könne doch keine Fröhlichkeit zeigen, wenn es den Menschen so schlecht geht. Hier musste ich mich an Hille Norden erinnern, die Ähnliches bei ihrem Film „Smalltown Girl“ erleben musste und mir im Interview den eindrucksvollen Satz sagte: „Ich verstehe nicht, warum wir immer glauben, dass Schönheit, Witz, Glitzer und ein bisschen Spaß das Drama der Welt aufhebt“.

Doch wie macht man einen Film, der in Afghanistan spielt, wenn man in diesem Land nicht drehen kann? Genau, man improvisiert. Mit Hilfe der afghanischen Gemeinden in Hamburg und Berlin ist es Sadat und ihrem Team gelungen, dass man als Zuschauer zu keinem Zeitpunkt an der Verortung der Geschichte zweifelt. Das ist in erster Linie der Produktionsdesignerin Pegah Ghalambor geschuldet, die hier wirklich eine Meisterleistung abgeliefert hat.

Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass NO GOOD MAN einen deutschen Verleih und damit den regulären Weg in die deutschen Kinos findet. Verdient hätten es der Film und seine Regisseurin allemal.

Im Rahmen der Berichterstattung
FSK noch unbekannt

Originaltitel

(No Good Man)

Länge

103 Minuten

Genre

Drama

Regie

Shahrbanoo Sadat

Drehbuch

Shahrbanoo Sadat

Kamera / Bildgestaltung

Virginie Surdej

Darsteller

Shahrbanoo Sadat, Anwar Hashimi, Liam Hussaini, Yasin Negah, Masihullah Tajzai, Torkan Omari Fatima Hassani, Ahmad Azizi

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