Gerade erst wurde GELBE BRIEFE von Ilker Çatak mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet, jetzt kommt das eindrucksvolle Werk umgehend in unsere Kinos…
Das Künstler-Ehepaar Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer) führen mit ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) ein erfülltes Leben im türkischen Ankara. Bis ein Vorfall bei der Premiere ihres neuen Theaterstücks alles verändert. Über Nacht geraten sie ins Visier des Staates, verlieren ihre Anstellung, ihre Wohnung und flüchten nach Istanbul, wo sie erst einmal bei der Mutter von Aziz unterkommen. Aziz hält sich dort mit Gelegenheitsjobs über Wasser und bleibt damit seinen Prinzipien treu. Derya hingegen sucht nach einem Ausweg, der sie finanziell unabhängig macht. Dadurch vergrößert sich ihre Distanz zueinander, bis sie sich letztendlich zwischen ihren Wertvorstellungen und dem weiteren Zusammenleben als Familie entscheiden müssen.
Drei Jahre nach „Das Lehrerzimmer“ kehrt Regisseur Ilker Çatak mit GELBE BRIEFE zur Berlinale zurück. Lief sein letzter Film noch unverständlicherweise in der Panorama-Sektion, wurde er in diesem Jahr in den Wettbewerb eingeladen und konnte sowohl Publikum als auch Jury überzeugen. Zu Recht wurde GELBE BRIEFE als bester Film des Festivals mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, denn Çatak erzählt darin von einer Geschichte, wie sie immer wieder in autokratischen Systemen zu sehen ist, wenn der eigene Staat plötzlich zum Feind wird.
Man sagt nicht umsonst, dass in einem autokratischen System zuerst die Kunst angegriffen wird, schließlich zielen solche Staatsformen darauf ab, die Wahrheit zu kontrollieren. Freie Kunst wird dabei zuallererst durch Zensur, Beschlagnahmung von Werken oder die Verweigerung von Auftritten unterdrückt. Wie schnell so etwas geschehen kann, können wir aktuell in einer der ältesten Demokratien in den USA sehen. Genau das macht GELBE BRIEFE so brennend aktuell.
Etwa 2.000 Künstler:innen und Akademiker:innen wurden in der Türkei zwischen 2016 und 2019 suspendiert und mit zum Teil hanebüchenen Begründungen vor Gericht gestellt. Diese umfassenden Säuberungen im türkischen Wissenschafts- und Kulturbetrieb sorgten auch hierzulande für Aufruhr, schließlich wurde deutlich, wie schnell Menschen ins Visier des Staates gelangen können – einzig und allein durch die Unterzeichnung einer Friedenspetition. Dies lieferte Ilker Çatak und seiner Frau Ayda Meryem Çatak die Inspiration für GELBE BRIEFE.
Doch wie dreht man einen Film zu diesem Thema in der Türkei? Bevor diese Frage überhaupt aufkam, warf der türkische Co-Produzent und Mit-Autor Enis Köstepen die Idee in den Raum, die Handlung nach Deutschland zu verlagern. Wobei „verlagern“ vielleicht der falsche Begriff ist, denn die Geschichte spielt nach wie vor in Ankara und Istanbul, gedreht wurde jedoch in Hamburg und Berlin. Aber während andere Produktionen alles daran setzen, so zu tun, als befände man sich wirklich am genannten Ort, setzt das Team hier einen genialen Kniff ein: Vor den Kapiteln steht über einem Bild der Skyline der Stadt jeweils in großen Lettern „Berlin als Ankara“ und „Hamburg als Istanbul“. Sicherlich hilft das auch dabei, entsprechende Filmförderungen an Land zu ziehen, aber im Wesentlichen bewirkt das Zweierlei: Zuallererst erreicht die Geschichte dadurch eine internationale Relevanz, schließlich könnte die Geschichte so oder anders überall in der Welt stattfinden. Und zum zweiten ist man als Filmemacher nicht gezwungen, die Aufnahmen so zu kaschieren, dass der Drehort nicht wirklich erkennbar ist.
Was GELBE BRIEFE außerdem so besonders macht, ist die Tatsache, dass Çatak seinen Film nicht als Frontalangriff auf einen Staat inszeniert, sondern sich vollends auf die zwischenmenschlichen Konflikte konzentriert. Das erlaubt es uns Zuschauern, hautnah mitzuerleben, was es bedeutet, ungerecht behandelt zu werden und dadurch die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Vielleicht erkennt der eine oder die andere dadurch, wie wertvoll unsere demokratische Freiheit ist und wie schwer es manchmal sein kann, diese zu verteidigen.
Mitunter sind es aber auch die kleinen Dinge, die eine Veränderung anstoßen können. In der Berlinale-Vorführung des Films im Urania-Kino sorgte beispielsweise ein kleiner Satz in einer Szene für Applaus unter den türkischen Besuchern: Darin schickt die Großmutter die beiden Jungs in die Küche, um Baklava zu holen – sinngemäß mit den Worten, dass sie nicht einsehe, dass immer die Mädchen alle bedienen müssten.
GELBE BRIEFE ist im Vergleich zu „Das Lehrerzimmer“ ein wesentlich dialogintensiverer Film, bei dem es mir bei der Berlinale-Sichtung mitunter schwer fiel, dem Geschehen zu folgen. Das war aber sicherlich überwiegend dem ungünstigen Platz in der dritten Reihe außen geschuldet. Dadurch hat sich mir die Intensität der Geschichte erst im Nachhinein erschlossen. In jedem Fall hat sich der Film den Goldenen Bären in der Tat mehr als verdient. Und wer weiß, vielleicht gelingt es uns ja, aus GELBE BRIEFE am Ende den einen oder anderen Schluss zu ziehen und unseren Kampf für den Erhalt der Demokratie zu intensivieren.
Gelbe Briefe (Deutschland / Frankreich / Türkei 2025)
128 Minuten
Drama
Ilker Çatak
İlker Çatak, Ayda Meryem Çatak, Enis Köstepen
Judith Kaufmann
Özgü Namal, Tansu Bi̇çer, Leyla Smyrna Cabas, İpek Bi̇lgi̇n, Aydin Işik, Azi̇z Çapkurt, Yusuf Akgün, Uygar Tamer, Jale Arikan, Seda Türkmen, Emre Bakar, Eli̇t İşcan, Sultan Ulutaş Alopé, Emi̇ne Meyrem, İpek Seyalioğlu
Alamode Filmdistribution OHG