In ihrem feinfühligen Drama MIT LEISER STIMME seziert die Autorin und Regisseurin Leyla Bouzid eindrucksvoll die bleierne Schwere der Unterdrückung der eigenen Identität in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft Tunesiens.
Lange schon lebt Lilia (Eya Bouteraa) in Paris, doch nach dem Tod ihres Onkels Daly (Karim Rmadi) kehrt sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Alice (Marion Barbeau) in ihre tunesische Heimat zurück. Diese kommt aber nicht im Familienwohnsitz, sondern in einem nahegelegenen Hotel unter, schließlich ist Homosexualität in Tunesien immer noch eine Straftat, und Lilia möchte kein Risiko eingehen. Denn selbst Lilias Mutter (Hiam Abbass) ahnt nichts von ihrer lesbischen Beziehung.
Als Lilia erfährt, dass ihr Onkel unter rätselhaften Umständen ums Leben kam, beginnt sie, eigene Nachforschungen anzustellen. Sie ist es leid, sich vor ihrer Familie verstecken zu müssen, und beginnt, immer tiefer in das queere Leben Tunesiens einzutauchen. Je mehr sie über das Leben ihres Onkels erfährt, desto mehr reift in ihr der Entschluss, ihre eigene Stimme nicht weiter zu unterdrücken.
MIT LEISER STIMME lief im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale und sorgte dort für wahre Begeisterungsstürme. Das lag nicht nur an der großartigen Hiam Abbass, die uns als Lilias Mutter die schmerzhafte Ambivalenz einer Mutter zeigt, sondern hauptsächlich an der Hauptdarstellerin Eya Bouteraa, der es eindrucksvoll gelingt, zwischen unterdrückter Tochter und selbstbewusster Frau zu changieren. Mit jedem ihrer Blicke gibt sie uns Zuschauern mehr preis, als es jeder Dialog hätte vermitteln können. Die französische Schauspielerin, die zuvor nur in einer Nebenrolle in „Red Path“ von Lofti Achour und dem Kurzfilm „Chrysalide“ von Mathilde Rey zu sehen war, legt die Messlatte für ihre zukünftigen Rollen extrem hoch. Dass Bouteraa zudem noch ein herzensguter Mensch ist, durfte ich beim Filmfest Emden-Norderney persönlich erleben, wo sie mir in einem Interview Rede und Antwort stand.
Der Regisseurin Leyla Bouzid, die sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeigt, gelingt es, die queere Geschichte der Hauptfigur in der des Onkels zu spiegeln, der seine Homosexualität ebenfalls vor aller Welt verheimlichen musste. Und je mehr unsere Protagonistin davon aufdeckt, desto stärker wird in ihr der Drang, ihre Stimme nicht weiter zu dämpfen.
Die Kamera von Sébastien Goepfert fängt die Atmosphäre der Familie in stilvoll ausgeleuchteten Bildern ein, wobei die Erinnerungen durch wogende Vorhänge Zutritt in die Geschichte erhalten. Schon die liebevolle Ausstattung und die fließenden Kamerafahrten rechtfertigen den Kinobesuch.
Und wenn der Film den Zuschauer am Ende entlässt, dann fällt wohlwollend auf, dass Leyla Bouzid auf eine kitschige Versöhnung verzichtet. Stattdessen lässt uns MIT LEISER STIMME mit einer brüchigen Schwebe zurück, die uns zwar hoffen lässt, gleichzeitig aber bewusst macht, dass der Weg noch ein langer sein wird.
Beim Filmfest Emden-Norderney stand mir die Hauptdarstellerin Eya Bouteraa Rede und Antwort. Wir sprachen über ihre Herangehensweise an die Rolle, die Resonanz der queeren Bevölkerung Tunesiens und vieles mehr.
À Voix Basse (Tunesien / Frankreich 2026)
113 Minuten
Drama
Leyla Bouzid
Leyla Bouzid
Sébastien Goepfert
Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Fériel Chammari, Salma Baccar, Lassaad Jamoussi, Karim Rmadi
Neue Visionen Filmverleih GmbH