Der Film der Woche

Truly Naked

11.06.2026

Wie baut man als Jugendlicher Intimität auf, wenn Pornos längst zum Alltag gehören? Dieser unbequemen Frage geht Muriel d’Ansembourg in ihrem Regiedebüt TRULY NAKED nach und trifft damit einen wunden Punkt.

Auf den ersten Blick wirkt Alec (Caolán O’Gorman) wie ein typischer Teenager: zurückhaltend, sensibel und ein wenig unbeholfen. Doch sein Alltag ist alles andere als gewöhnlich, denn sein Vater Dylan (Andrew Howard) betreibt ein Pornofilm-Studio in den eigenen vier Wänden, und Alec ist mittendrin: als Kameramann, Cutter und Coverdesigner. Ein Job, der ihn prägt, ohne dass er dessen Tragweite wirklich begreift.

Zwar kann sich Dylan noch auf seine Manneskraft verlassen, auch wenn er hier und da mit chemischen Tricks nachhelfen muss, doch die Umsätze brechen zunehmend ein. Der Umzug von London in einen verschlafenen Küstenort ist daher weniger Neuanfang als Notlösung. Für Alec hingegen eröffnet sich eine seltene Chance: ein Leben, in dem ihn keiner kennt – und niemand von seinem Doppelleben weiß.

Als er gemeinsam mit seiner Mitschülerin Nina (Safiya Benaddi) ausgerechnet ein Referat über Pornosucht ausarbeiten soll, entsteht zwischen den beiden vorsichtig Nähe. Beim ersten Sex wird schmerzhaft deutlich, wie sehr Alecs Verständnis von Intimität verzerrt ist. Er ejakuliert wie selbstverständlich auf seine neue Freundin, die darauf eher verstört reagiert. Was für ihn selbstverständlich erscheint, wirkt auf Nina befremdlich. Erst durch sie beginnt er zu begreifen, dass echte Nähe nichts mit den Bildern zu tun hat, die seinen Alltag bestimmen. In kleinen Schritten lernt er, was es bedeutet, wirklich nackt zu sein.

Als TRULY NAKED auf der diesjährigen Berlinale in der Newcomer-Sektion „Perspectives“ seine Premiere feierte, sorgte der Film für spürbare Irritationen. Die expliziten Szenen forderten das Publikum heraus, ohne dabei je Selbstzweck zu sein. Dabei wird – im Gegensatz zum in dieser Woche wiederaufgeführten „Im Reich der Sinne“ – keine echte Penetration gezeigt. Trotzdem ist TRULY NAKED kompromisslos in seiner Darstellung und erinnert in seiner Offenheit an „Pleasure“ (2022) von Ninja Thyberg, ohne dabei in einfache Verurteilungen zu verfallen.

Auch wenn das Konfliktpotenzial offensichtlich ist – ein Vater, der sich von seinem minderjährigen Sohn beim Sex filmen lässt, wäre hierzulande strafbar – interessiert sich die Autorin und Regisseurin Muriel d’Ansembourg weniger für den Skandal als für die Folgen. Ihr Fokus liegt konsequent auf Alecs Perspektive – und genau darin liegt die Stärke des Films.

Denn TRULY NAKED erzählt von jungen Menschen, die ihre ersten sexuellen Erfahrungen im Schatten allgegenwärtiger Pornografie machen. Die jederzeit verfügbaren Bilder formen Erwartungen, verzerren Wahrnehmungen und erschweren echte Nähe. Die zentrale Frage des Films – wann ist man wirklich nackt? – gewinnt so eine ungeahnte Tiefe. Besonders eindrücklich wird das in Momenten, wenn man nicht nur Pornos konsumiert, sondern an deren Entstehung beteiligt ist, etwa wenn Dylan nüchtern erklärt, dass es bei ihm keinerlei Streicheln oder Küssen gibt, weil das vom „Wesentlichen“ ablenken würde.

TRULY NAKED überzeugt gerade deshalb, weil der Film seine Protagonisten ernst nimmt und sich nicht über sie lustig macht. Es ist gut vorstellbar, dass dieser Film langfristig mehr ist als nur eine Festivalentdeckung: ein Werk, das Diskussionen anstößt und vielleicht sogar seinen Weg in Bildungsräume findet.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab16

Originaltitel

Truly Naked (Belgien / Niederlande / Frankreich 2026)

Länge

102 Minuten

Genre

Drama

Regie

Muriel d’Ansembourg

Drehbuch

Muriel d’Ansembourg

Kamera / Bildgestaltung

Myrthe Mosterman

Darsteller

Caolán O’Gorman, Andrew Howard, Alessa Savage, Safiya Benaddi, Lyndsey Marshal, Kate Kennedy, Hana Hrzic, Cameron James-King, Helena Braithwaite

Verleih

Capelight Pictures Gerlach Selms GbR

Filmwebsite

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