Mit VIER MINUS DREI kommt ein ganz besonderer Film in die Kinos, der mir seit der ersten Sichtung vor drei Monaten nicht mehr aus dem Kopf gehen will…
Barbara (Valerie Pachner) und Heli (Robert Stadlober) führen mit ihren beiden Kindern Fini und Thimo ein unbeschwertes und glückliches Leben. Beide arbeiten als professionelle Clowns und sind es gewohnt, das Leben nicht allzu ernst zu nehmen. Doch dann ereilt Barbara auf dem Weg nach Hause ein Anruf, der ihr Leben verändern soll: Ganz in der Nähe ihres Zuhauses wurde der Clownsbus ihrer Familie an einem Bahnübergang von einem Zug erfasst, und Barbara verliert von einem auf dem anderen Moment ihre gesamte Familie. Doch wie lebt man nach einem solchen Ereignis weiter? Ist man noch in der Lage, als Clown zu arbeiten? Barbara entschließt sich, ihrem Schicksal entgegenzutreten und sucht auf ihre ganz eigene Art und Weise nach einem Weg. Schritt für Schritt kämpft sie sich zurück ins Leben und erkennt, dass das Leben trotz allem weitergeht – ob man nun will oder nicht. Man muss lediglich einen Neuanfang wagen…
Adrian Goiginger hat mit seinen bisherigen Filmen schon immer an das Besondere eines einzelnen Individuums gedacht und dabei niemals etwas beschönigt. Ob es in „Die Beste aller Welten“ um den kleinen Sohn einer drogenabhängigen Mutter ging oder einen träumerischen Lebenskünstler in „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“: Immer stand in Goigingers Filmen die Menschlichkeit im Vordergrund. Das hat sich auch in seinem neuesten Werk VIER MINUS DREI nicht geändert, denn auch hier zeigt uns der Regisseur eine Frau, die sich nach einem unvorstellbaren Schicksalsschlag zurück ins Leben kämpft.
Adrian Goiginger wählt dabei zwar einen gängigen Weg, doch auf welche Art und Weise er seine beiden Handlungsstränge vermischt, ist mehr als bemerkenswert. Schon früh war ihm klar, dass man die Geschichte von Barbara Pachl-Eberhart nicht linear erzählen kann – zu schwer würde am Ende die Last auf dem Schicksal liegen. Im Gespräch mit Adrian Goiginger (s.u.) hat er mir verraten, dass er u.a. Filme wie „The Broken Circle“ oder „Manchester By the Sea“ als Vorbild genommen hat.
Und so beginnt VIER MINUS DREI gleich mit dem Unfall, ohne ihn jedoch zu zeigen. Auf dem Weg nach Hause erhält Barbara den Anruf ihrer Nachbarin, die ihr mitteilt, dass es am Bahnübergang in der Nähe einen Unfall gegeben hat und dort der Clownsbus der Familie stehen würde. Goiginger und sein Kameramann Paul Sprinz setzen diese im Prinzip einfache Sequenz kongenial in Szene. Zu Beginn ist das Gesicht der Protagonistin in Sonnenlicht getaucht, doch mit Beginn der Hiobsbotschaft wandert es langsam in den Schatten der Häuserschluchten von Graz.
Im weiteren Verlauf des Films wechselt sich die Trauerbewältigung mit den Erinnerungen an die vielen gemeinsamen Stunden ab, was für den Zuschauer die Schwere des Films erträglich macht. Goiginger und seine Cutter Martin Pfeil und Simon Blasi arbeiten hier viel mit L- und J-Cuts. Bei dieser Technik lässt man den Ton einer Szene noch ein wenig in die nächste Szene hineinlaufen oder setzt den Ton der nächsten Szene bereits ein paar Sekunden eher ein. Ich hatte den Eindruck, dass die Filmemacher hier die Überblendzeit länger ausgestaltet haben, als es sonst üblich ist. Das wirkt sich außerordentlich positiv auf den Druck aus, der aufgrund der Handlung auf dem Zuschauer liegt.
Ein weiteres Merkmal, dass sich kontinuierlich durch den gesamten Film zieht, ist das Zusammenspiel zwischen Licht und Dunkelheit. Neben dem bereits eingangs angesprochenen Schattenspiel sind es oftmals die Fenster in dunklen Räumen, die fast schon übernatürlich viel Licht in den Raum fließen lassen. Es ist fast so, als würde der Film uns unentwegt zeigen möchte, dass es selbst in den dunkelsten Momenten immer irgendwo ein Licht gibt. Das Gute in VIER MINUS DREI ist aber, dass Goiginger niemals unseren Blick bedeutungsschwanger darauf lenkt. Nein, das findet alles dezent im Hintergrund statt und wer darauf achtet, der wird es bemerken.
VIER MINUS DREI schöpft seine Kraft aber auch aus seinen wundervollen Darsteller:innen. Mit welch emotionaler Tiefe Valerie Pachner ihre Figur zum Leben erweckt, hat mich schlichtweg umgehauen. Aber auch Robert Stadlober überzeugt suf ganzer Linie. Wenn er an einer Stelle im Film auf die Frage, ob er sich jemals etwas vorstellen kann, etwas anderes als ein Clown zu sein, antwortet mit: „Nein, überhaupt nicht“, dann nehme ich ihm das komplett ab.
Tatsächlich ist VIER MINUS DREI ein Film, wie man ihn leider viel zu selten sieht: ehrliche, bisweilen auch unvollkommene Figuren in einer zutiefst menschlichen Geschichte – und das ohne dabei künstlich auf die Tränendrüse zu drücken oder Szenen über ihre Natürlichkeit hinweg zu überdramatisieren. Und wenn es einem Film gelingt, seit drei Monaten immer mal wieder aus den hintersten Ecken meines Gehirns vervorgekrochen zu kommen, um mich an seine Einzigartigkeit zu erinnern, dann kann es kein schlechter Film sein. Im Gegenteil.
Im Rahmen der Berlinale standen mir die Autorin der Romanvorlage Barbara Pachl Eberhart, die Hauptdarstellerin Valerie Pachner und der Regisseur Adrian Goiginger Rede und Antwort.
Vier minus Drei (Österreich / Deutschland 2026)
121 Minuten
Drama
Adrian Goiginger
Senad Halilbašić, nach dem gleichnamigen Bestseller von Barbara Pachl-Eberhart
Paul Sprinz
Valerie Pachner, Robert Stadlober, Stefanie Reinsperger, Hanno Koffler, Ronald Zehrfeld, Margarethe Tiesel, Paul Wolf-Plottegg, Michael Gampe, Petra Morzé, Michael Fuith, Wolfgang Lampl, Sophia Laggner,
Alamode Filmdistribution OHG