Anne Hathaway is back. Aber sowas von! Aktuell ist der in Ungnade gefallene Hollywoodstar noch in „Der Teufel trägt Prada 2“ zu sehen. Um haute couture geht es auch in dem theatralischen Melodram MOTHER MARY von Ausnahmeregisseur David Lowery. Hathaway driftet als Pop-Musikerin ab in surreale Welten – und die Britin Michaela Coel schneidert ihr als ehemalige Kollaborateurin ein neues Kleid.
Wir erleben einen Popstar am Scheideweg. Mother Mary (Anne Hathaway) erinnert nicht von ungefähr an Madonna, deren Image anfangs zwischen Heiligenfigur und Hure angesiedelt war. Katholischer Mystizismus ist also ein Katalysator in dem artifiziellen Musikfilm MOTHER MARY von Autorenfilmer David Lowery („A Ghost Story“, „The Green Knight“). Die titelgebende Pop-Ikone ist auf der Bühne eine glamouröse und einzigartige Erscheinung. Doch hinter der Fassade der Kunstfigur steckt ein erschöpfter und einsamer Mensch.
MOTHER MARY braucht ein neues Kleid – und so sucht sie in einer regnerischen Nacht ihre ehemalige Freundin Sam Anselm (Michaela Coel) auf, eine Modedesignerin, die maßgeblich das Image der Künstlerin zu Beginn ihrer Karriere geprägt hat. Doch dann herrschte zehn Jahre lang Funkstille. Ausgerechnet in einer Krise steht der Popstar nun wieder vor der Tür der Modeschöpferin. Sam soll ein Outfit für ihr bevorstehendes Comeback designen. Die beiden Frauen umkreisen sich, während das Kostüm kreiert wird – Konflikte aus der Vergangenheit kommen an die Oberfläche, Wunden werden geleckt. In einer dialoglastigen Performance nähern sich die Frauen wieder an.
“Spooky Action” heißt der neue Song von MOTHER MARY. Sam will den aber gar nicht hören. Doch die Choreografie will sie sehen, um sich fürs Kleid inspirieren zu lassen. Also liefert Anne Hathaway in der Titelrolle eine halsbrecherische Tanzdarbietung ab. Ohne Musik! Dafür hat sie sich für Monate mit der Star-Choreografin Dani Vitale (die u.a. mit Rihanna, Katy Perry und Halsey gearbeitet hat) in einem Tanzstudio verschanzt. Es entspinnt sich fortan ein Psychotrip, der die Grenzen zwischen Realität und Wahn verschwimmen lässt. Bis hin zum Exorzismus. Lowery nimmt uns mit in einen blutroten Rausch, der tief in das Innenleben einer Kunstfigur eintaucht.
Regisseur Lowery hat eine große Liebe zur Popmusik. Er habe die Idee faszinierend gefunden, diese tiefgründige künstlerische Auseinandersetzung mit der offensten und zugänglichsten Ausdrucksform zu verbinden.
Was ich an Popmusik so liebe, ist, dass sie selbst den schlimmsten Tag deines Lebens, das schlimmste Gefühl, den größten Herzschmerz in etwas Schönes, Befreiendes, Fröhliches und Gemeinsames verwandeln kann. Genau das wollte ich mit diesem Film erreichen. Er sollte davon handeln, etwas Schreckliches in etwas Schönes zu verwandeln
Regisseur David Lowery über seinen Film
Anne Hathaway („Interstellar“) hat von Lowery (wie auch der Rest von Cast und Crew) eine Playlist bekommen mit Künstler:innen wie Lorde, St. Vincent, Robyn, Taylor Swift, Halsey, James Blake, Aldous Harding, PJ Harvey – und außerdem Charli xcx und FKA twigs. Für ihre Rolle hat sie sich vor allem von der US-amerikanischen Multi-Instrumentalistin, Sängerin, Songwriterin und dreimaligen Grammy-Gewinnerin Annie Clark (St. Vincent) inspirieren lassen. Singen konnte die US-amerikanische Filmschauspielerin ja bereits, was sie u.a. in der Musical-Verfilmung „Les Misérables“ (2012) eindrücklich beweisen konnte (und als „Beste Nebendarstellerin“ mit dem Oscar® ausgezeichnet wurde).
Die Filmmusik komponierte Daniel Hart, mit dem der Regisseur bereits für alle seine früheren Filme zusammenarbeitete. Weitere Songs steuerten der „Bleachers“-Frontmann Jack Antonoff und der britische Pop-Star Charli xcx bei. Auch FKA Twigs hat an der Musik mitgeschrieben – sie ist zudem als Schauspielerin in der Rolle der Imogen zu sehen. Ihre Tanz-Skills bringt sie in einer Performance zum Ausdruck, die stark vom Krumping inspiriert ist, einem schnellen, expressiven Street-Dance-Stil aus Los Angeles, der Emotionen, Geschichten und spirituelle Ausdruckskraft durch kraftvolle Bewegungen vermittelt. Ausgehend von einer Séance tanzt sie wie besessen von einem Dämonen.
Dass MOTHER MARY eine A24-Produktion ist, merken geschulte Kinogänger:innen sofort, doch das surreale Pop-Melodram wurde auch vom Deutschen Filmförderfonds mit 4.768.387 Euro gefördert. Von der Film- und Medienstiftung NRW kam eine weitere Million Euro dazu. Es ist sicherlich der augenschein Filmproduktion zu verdanken, dass für Sam‘s Zuhause und ihr Atelier die Burg Adendorf als Kulisse diente – ein Schloss aus dem 13. Jahrhundert außerhalb von Bonn. Das verleiht dem Ganzen einen dunklen, gothischen Vibe. Außerdem durfte die deutsche Kostümdesignerin Bina Daigeler die atemberaubenden Outfits entwerfen (zuletzt arbeitete sie für „The Room Next Door“ von Pedro Almodóvar und „Rosebush Pruning“ von Karim Aïnouz).
Lowery ließ sich bei der Inszenierung von Ingmar Bergman’s „Persona“ und „Herbstsonate“ inspirieren, aber auch Filme von Peter Greenaway („Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“) oder Francis Ford Coppola (“Bram Stoker’s Dracula”) haben mit ihrer Theatralität beziehungsweise ihrem Gothic-Look Spuren hinterlassen. Visuell ist MOTHER MARY ein absoluter Rausch, andererseits aber auch ein ziemlich geschwätziges Kammerspiel. Der überladene Symbolismus der Maria-Magdalena-Figur ist oftmals hart an der Grenze. Das Szenenbild stammt von Francesca Di Mottola.
Als Kameraleute fungierten Andrew Droz Palermo („Thunderbolts“, „The Green Knight“), der das surreale Kammerspiel einfing, und die asiatischstämmige Britin Rina Yang (erhielt u.a. einen MTV-Video Music Award für Taylor Swift‘s „Anti-Hero“), die für die Konzertinszenierungen zuständig war. Bei der Gestaltung der Performances und der Persönlichkeit seiner Titelfigur ließ sich Lowery von Taylor Swifts „Reputation“-Tour und dem dazugehörigen Konzertfilm aus dem Jahr 2018 inspirieren. Dieser sei wirklich außergewöhnlich und einer der besten Konzertfilme aller Zeiten, so der Regisseur. Er habe sehr viel Taylor Swift in die Figur der MOTHER MARY eingebracht: „Ich habe mir oft gedacht: „Stell dir Taylor Swift in zehn oder fünfzehn Jahren vor – so ungefähr könnte diese Figur sein.’“
„Einen Popstar von Grund auf zu erschaffen, ist nichts für schwache Nerven. Wir nahmen uns jede freie Minute Zeit, um unser Verständnis von ‚Mother Mary‘ und ihrer Musikrichtung zu vertiefen.“, äußert sich Lowery. Der Filmemacher beschäftigt sich in MOTHER MARY kongenial mit der Identität eines (fiktiven) Popstars. Wie viel davon ist Image? Was für ein Mensch kommt dahinter zum Vorschein? Auch die Beziehung zwischen Künstler:innen und ihrem Publikum wird natürlich auf Meta-Ebene thematisiert. Aber all das als visuell faszinierende Performance – und nicht von einer konventionellen Handlung unterfüttert. Popstars sind eine Projektionsfläche und haben mit inneren Dämonen zu kämpfen.
Neben einer herausragenden Anne Hathaway („Der Teufel trägt Prada“) überzeugt auch die britische Emmy-Gewinnerin Michaela Coel („Black Panther: Wakanda Forever“, „I May Destroy You“) als Modedesignerin in dem intensiven Pop-Drama MOTHER MARY. Model und LGBTQIA*-Aktivistin Hunter Schafer (bekannt aus der Fernsehserie „Euphoria“ und dem Film „Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds and Snakes“) spielt Sams Assistentin Hilda. Außerdem sind Supermodel Kaia Gerber („American Horror Story“) und Sian Clifford („The Ballad of Wallis Island“) zu sehen.
Regisseur David Lowery liefert mit MOTHER MARY einerseits ein beeindruckendes Kammerspiel mit einer düsteren Atmosphäre und einem Hang zum Übernatürlichen, andererseits überzeugen auch die modernen Synthie-Pop-Hymnen im Konzert-Setting vor der begeisterten Crowd. Definitiv: Ein Erlebnis für alle Sinne! Aber nichts für Fans einer konventionellen Erzählung.
Übrigens: Bereits Anfang März 2026 wurde mit „Burial“ der erste Filmsong veröffentlicht. Die Schauspielerin Anne Hathaway schrieb diesen zusammen mit Antonoff, Charli XCX und George Daniel. „Burial“ ist auch auf dem Soundtrack-Album mit dem Titel „Mother Mary: Greatest Hits“ enthalten, das am 17. April 2026 über A24 Music erschien. Alle darauf befindlichen sieben Songs wurden von Hathaway gesungen.
Mother Mary (USA 2026)
112 Minuten
Drama / Musik
David Lowery
David Lowery
Andrew Droz Palermo, ASC Rina Yang, BSC
Anne Hathaway, Michaela Coel, Hunter Schafer, Kaia Gerber, Sian Clifford, FKA twigs, Alba Baptista, Isaura Berbé-Brown, Jeanne Nicole Ní Áinle, Taylore Sieve, Dani Vitale
Leonine Distribution GmbH