Die Legende des Wüstenkindes

21.05.2026

Der französische Regisseur Gilles de Maistre („Mia und der weiße Löwe“, „Ella und der schwarze Jaguar“) ist bekannt für seine poetischen, einfühlsamen Tierfilme, in denen auf magische Weise ein Kind eine Symbiose mit einem wilden Tier eingeht. Das hat bislang wunderbar geklappt – auch die deutschen Einspielergebnisse geben ihm recht. Doch leider kann das auch in Pathos und Kitsch ausarten – so geschehen in DIE LEGENDE DES WÜSTENKINDES.

Umständlicher kann ein Film nicht beginnen. Die 15-jährige Sun (Neige de Maistre, die Tochter des Regisseurs) ist nach New York gereist, um einen Nachwuchs-Literaturpreis für „Das Buch der Wüste“ in Empfang zu nehmen. Bei der anschließenden Lesung erklärt sie dem Publikum, wie es zu diesem Buch kam. Schon als kleines Kind durfte sie ihrem Großvater lauschen, wie dieser immer wieder die Legende von einem kleinen Jungen erzählte, der in der Sahara mutterseelenallein unter Straußen aufwuchs. Das ließ Sun keine Ruhe – und sie griff zur Feder.

Schnitt. Wie Kinozuschauer befinden uns mitten in der marokkanischen Wüste und beobachten eine Beduinen-Karawane. Am Ende des Zuges sehen wir eine junge Frau und ihren zweijährigen Sohn Hadara auf einem Dromedar reiten, als das Tier plötzlich ein Bündel verliert. Mutter und Sohn steigen ab, um es einzusammeln. In diesem Moment läuft das Kamel davon – und die Mutter rennt verzweifelt hinterher, ohne an ihr Kind zu denken. Dann zieht ein Sandsturm auf…

Der alleingelassene Hadara wird von einer Herde Strauße gerettet, die ihn wie einen Artgenossen akzeptierten und zum nächsten Wasserloch mitnehmen. Fortan wächst Hadara in dieser Herde auf, die ihn vor allen Gefahren schützt. Dabei freundet er sich mit einem jungen Wüstenfuchs an, den er auf den Namen „Sahara“ tauft. Dieses ungewöhnliche Zusammenleben in der sandigen Wildnis bildet das Herzstück des Films. Der Regisseur zeigt uns in unnachahmlicher Manier den Alltag von Hadara im Alter von zwei, sechs und neun Jahren, grandios gespielt von drei begabten Jungdarstellern.

Das hätte als Film gereicht – doch Gilles de Maistre wollte mehr. Er hebt DIE LEGENDE DES WÜSTENKINDES auf eine Metaebene: Sun wird bei der Preisverleihung eingeladen, eine marokkanische Oase zu besuchen. Dorf trifft sie auf das gleichaltrige Beduinen-Mädchen Kharouba (Moon Ghazali), das ihr die wahre Geschichte Hadaras erzählt: „Du schreibst, Hadara wurde 160 Jahre alt und machst ihn dadurch zur Legendenfigur. Aber Hadara hat wirklich gelebt – er war mein Urgroßvater.“

Zu allem Überfluss fügt Gilles de Maistre eine (hölzern inszenierte) Episode ein, in der sich ein angereister Dokumentarfilmer, sein einheimischer Assistent und ein Hollywoodproduzent darüber streiten, wie man die unglaubliche Geschichte dieses Jungen vermarkten kann. (Wer hier an Truffauts „Der Wolfsjunge“ denkt, liegt nicht so ganz falsch.)

DIE LEGENDE DES WÜSTENKINDES ist letztendlich doch sehr unausgegoren.

Trailer

ab6

Originaltitel

Enfant du Desert (Frankreich 2025)

Länge

92 Minuten

Genre

Abenteuer / Familie

Regie

Gilles de Maistre

Drehbuch

Prune de Maistre

Kamera / Bildgestaltung

Vincent van Gelder

Darsteller

Nahil Bouaz, Zayn Sekkat, Nahil Tran, Neige De Maistre, Moon Ghazali, Kev Adams, Youssef Tounzi, Adriane Gradziel, Faical El Kiheel, Salma Sairi

Verleih

Studiocanal GmbH

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