Vivaldi und ich

21.05.2026

Rio Reiser sang in „König von Deutschland“ in einer Textzeile „Ich würd′ Vivaldi hören tagein-tagaus“. Andere können mit der Musik des venezianischen Barock-Komponisten Antonio Vivaldi nicht so viel anfangen. „Die vier Jahreszeiten“ sind natürlich weltbekannt, doch in VIVALDI UND ICH, dem Spielfilmdebüt von Opernregisseur Damiano Michieletto, erleben wir zuallererst das Coming-of-Age einer talentierten Violinistin, die hinter Klostermauern aufwächst.

Wir tauchen ein ins Venedig des Jahres 1716: Im Ospedale della Pietà, einem Heim für verwaiste Mädchen, lebt die junge Cecilia (Tecla Insolia). Die Kinder werden dort in das Studium der Musik eingeführt und dessen Orchester ist heutzutage weltweit angesehen. Bei Auftritten in Kirchen und bei reichen Gönnern treten die Mädchen maskiert auf. Das historisch akkurate Drama VIVALDI UND ICH erzählt die Geschichte dieses Waisenhauses, im Zentrum steht jedoch die junge Violinistin Cecilia, die für 300 Dukaten einem wesentlich älteren Offizier versprochen ist. Denn im Ospedale della Pietà geht es vor allem um eines: Geld.

Cecilia führt also ein fremdbestimmtes Leben und weiß nicht einmal, wer ihre Mutter ist. Trotzdem hofft sie, dass diese sie eines Tages abholt. Sie schreibt ihr Briefe an ihrem Geheimplatz im Waisenhaus und forscht im Archiv des Ospedale della Pietà. Dann betritt Antonio Vivaldi (Michele Riondino) die Bühne: Als neuer Lehrer und musikalischer Leiter soll dieser dafür sorgen, dass die Auftritte der Mädchen besser besucht sind – und mehr Reiche und Adelige das Waisenhaus unterstützen. Der schwer kranke Vivaldi wird von dem Ehrgeiz angetrieben, für seine Kunst Wertschätzung zu bekommen. Er entdeckt das Talent von Cecilia und macht sie zur ersten Geige. Die Auftritte ermöglichen Cecilia, die große weite Welt kennenzulernen. Vivaldi komponiert für den König von Dänemark (Miko Jarry), der vom Violinen-Spiel von Cecilia sehr angetan ist – und ausnahmsweise auch ihr Gesicht sehen darf.

Es geht in VIVALDI UND ICH also um den Komponisten, der dem Waisenhaus übrigens Manuskripte mit Partituren überließ, die erst fast 200 Jahre später wiederentdeckt wurden – und ihm posthum Ruhm bescherten. Vivaldi schuf in seiner Zeit im Ospedale della Pietà Werke, die ihm viel Applaus einbrachten (und dem Waisenhaus viel Geld). Vor allem erleben wir aber die Selbstermächtigung einer jungen Frau, die von der italienischen Schauspielerin und Sängerin Tecla Insolia („The Art of Joy“) zum Niederknien verkörpert wird. Sie trägt das Historiendrama, dem der Roman „Stabat Mater“ des venezianischen Autors Tiziano Scarpa als Vorlage diente, mühelos: In ihrem Gesicht ist wirklich jede Regung abzulesen – und nebenbei ist sie so bildhübsch wie ein Gemälde. Auf der Berlinale wurde sie 2026 für „Primavera“ (so der Originaltitel) als einer von zehn European Shooting Stars ausgewählt.

Der vielfach preisgekrönte Regisseur Damiano Michieletto hat bisher lediglich Opern und Theater inszeniert. „Bei der Produktion von VIVALDI UND ICH, meinem ersten Spielfilm, wurde mir sofort klar, dass meine Ausdruckswelt untrennbar mit der Musik verbunden ist, deren erzählerische und emotionale Kraft seit 20 Jahren in meine Arbeit als Opernregisseur einfließt. In diesem Sinne fasste Stabat Mater, der Roman von Tiziano Scarpa, auf dem dieser Film lose basiert, viele Themen zusammen, die mir am Herzen liegen, vor allem aber zwei: Musik als schöpferische und subversive Kraft des Daseins und Venedig, meine Wahlheimat, deren einzigartige Geschichte essenziell für die Handlung ist und den Protagonisten als Mittel des emotionalen Ausdrucks dient“, erzählt der Filmemacher zur Triebfeder seines Schaffens.

Die befreiende Kraft von Musik wird also (neben dem Schauplatz Venedig) ein wichtiger Teil der Erzählung von VIVALDI UND ICH. Die Musik, aber vor allem auch die wundervoll komponierten Bilder von Kamerafrau Daria D‘Antonio („La Grazia“) entführen uns für fast zwei Stunden in eine andere Zeit, ins 18. Jahrhundert. Neben Ausnahmetalent Tecla Insolia („Be loved“) als Cecilia überzeugt auch Michele Riondino („Zehn Winter“) als Vivaldi, der auch Priester war, aber an einer dem Asthma bronchiale ähnelnden Krankheit litt (was ihn sein ganzes Leben lang daran hinderte, die Messe zu lesen). Das Historiendrama feierte seine Weltpremiere auf dem 50. Toronto International Film Festival und erhielt in der Folge zahlreiche Preise, so den Audience Award als „Best International Feature“ beim Filmfestival Chicago und den Cinéma Paradiso Palmarès beim Festival du Cinéma Italien de Toulouse.

Vivaldis Kompositionen sprengten ständig die Grenzen der rhythmischen Struktur und seine Fantasie explodierte in allegrischen Attacken, gefolgt von ergreifenden Adagios von immenser Ausdruckskraft. Eigentlich unvorstellbar, dass es Menschen gibt, die davon nicht angetan sind. Neben der Musik des Künstlers dürfen wir in VIVALDI UND ICH den Klängen der schottischen Komponistin Anna Meredith (elektronische und akustische Musik, außerdem ist sie visuelle Künstlerin) und dem Scottish Ensemble lauschen. Die originale Filmmusik wurde komponiert und orchestriert von Fabio Massimo Capogrosso. Der visionäre und revolutionäre Opernregisseur Damiano Michieletto liefert mit seinem ersten Kinofilm ein wirklich einfühlsames Fest für alle Sinne!

Trailer

ab12

Originaltitel

Primavera (Italien 2025)

Länge

111 Minuten

Genre

Biographie / Historie / Musik

Regie

Damiano Michieletto

Drehbuch

Ludovica Rampoldi, frei Nach Dem Roman "Stabat Mater" Von Tiziano Scarpa

Story

Ludovica Rampoldi, Damiano Michieletto

Kamera / Bildgestaltung

Daria D’antonio, CCS– AFC

Darsteller

Tecla Insolia, Michele Riondino, Andrea Pennacchi, Fabrizia Sacchi, Hildegard De Stefano, Cosima Centurioni, Federica Girardello, Rebecca Antonaci, Chiara Sacco, Miko Jarry, Valentina Bellè, Stefano Accorsi

Verleih

X Verleih AG

Filmwebsite

» zur Filmwebsite

Weitere Neustarts am 21.05.2026