Douglas Gordon by Douglas Gordon


Was als Künstlerporträt beginnt, wird in DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON zu einem ebenso intimen wie unberechenbaren Ringen um Nähe, Vertrauen und die Kontrolle über das eigene Bild.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich normalerweise herzlich wenig Interesse an Portraits von bildenden Künstlern habe. Ich halte es da eher mit
der Frage: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Aus diesem Grund hatte ich DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON zwar im Programm der diesjährigen Berlinale wahrgenommen, auf meiner Prioritätenliste jedoch relativ weit hinten eingeordnet – und dadurch verpasst. Beim Filmfest Emden-Norderney lernte ich dann den Regisseur Finlay Pretsell kennen, allerdings erst nach der Vorführung. Somit war eine Sichtung dort ebenfalls nicht mehr möglich. Wir verabredeten uns jedoch lose für das Edinburgh International Film Festival, auf dem der Film seine UK-Premiere feiern sollte. Nach der dortigen Sichtung war mir schnell klar, dass man seine Prioritäten nicht allein vom ersten Eindruck abhängig machen sollte – denn siehe da: DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON ist ein beeindruckender Dokumentarfilm, der mich völlig überrascht hat.

Schonungslos, intensiv und beklemmend fängt Pretsell die turbulente kreative Welt des schottischen Künstlers und Turner-Preisträgers ein. Der Film, der fast ausschließlich in Gordons mit Alufolie ausgekleideten Berliner Atelier spielt, wandelt sich von einem traditionellen Künstlerporträt zu einer explosiven psychologischen Konfrontation zwischen Gordon seinem Regisseur.
Anhand spontaner, performanceartiger Aktionen mit Lötlampen, Peitschen und einem brennenden Klavier erkundet DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON die körperlichen Folgen künstlerischer Besessenheit, Gordons Wurzeln in der Arbeiterklasse von Glasgow und wechselnden Machtverhältnisse zwischen Künstler und Filmemacher.

Ursprünglich schwebte Pretsell ein klassisches Künstlerporträt vor, das seinen Gegenstand erklärt und biografisch einordnet. Doch Douglas Gordon ließ sich nicht ohne Weiteres in ein solches Konzept pressen. Aus der Begegnung mit dem Künstler entwickelte sich stattdessen eine offene Versuchsanordnung: weniger ein Film über ein abgeschlossenes Werk als eine Auseinandersetzung mit einem Menschen, der auch die Bedingungen seiner Beobachtung mitgestaltet. Pretsell beschreibt diesen Prozess im Interview mit nochnfilm.de (siehe unten) als wechselseitigen Austausch. Die dokumentarische Arbeit sollte auf ihr Gegenüber reagieren und dabei selbst zu einem eigenständigen Kunstwerk werden.

Alles begann vor etwa zwanzig Jahren, als Pretsell in Edinburgh auf Douglas Gordon traf, nachdem er dessen gemeinsam mit Philippe Parreno realisierten Film „Zidane: A 21st Century Portrait“ gesehen hatte. Für Pretsells eigene Arbeit wurde diese Arbeit zu einer wichtigen Inspirationsquelle. Ebenso nachhaltig blieb ihm Gordons persönliche Zugewandtheit in Erinnerung: das Gefühl, in einem vollen Raum für einen Moment dessen gesamte Aufmerksamkeit zu besitzen. Während der Pandemie erwuchs daraus der Wunsch, wieder Kontakt aufzunehmen und gemeinsam etwas zu entwickeln. DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON hat seinen Ursprung damit nicht nur in der Bewunderung für einen Künstler, sondern auch in der Erinnerung an eine ungewöhnlich intensive Begegnung.

Die entscheidende formale Grenze setzte Pretsell beim Schauplatz: Das Atelier sollte den räumlichen Rahmen des Films bilden. Diese Beschränkung verstand er als Experiment, nicht als Notlösung. Denn bei jeder Rückkehr habe sich der Raum wie ein neu eingerichtetes Bühnenbild präsentiert. Menschen kamen und gingen, Gegenstände und Konstellationen veränderten sich, aus scheinbarem Stillstand entstanden neue Situationen. Anstatt Gordon durch möglichst viele Lebensbereiche zu folgen, konzentrierte sich Pretsell in DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON auf einen Ort, an dem dessen unterschiedliche Seiten hervortreten konnten. Die räumliche Begrenzung sollte das Porträt nicht verengen, sondern verdichten.

Was innerhalb dieses Rahmens geschah, entzog sich allerdings weitgehend einer verlässlichen Planung. Vorschläge und Absprachen verloren nach Pretsells Schilderung gegenüber nochnfilm.de schon beim ersten Besuch ihre Gültigkeit. Gemeinsam mit seinem langjährigen Kameramann Martin Radich verbrachte er mitunter zwölf bis fünfzehn Stunden im Atelier: bei Kaffee, Bier und Essen, zwischen Gesprächen, Besuchern und langen Phasen des Wartens. Die besonderen Momente entstanden häufig erst spät in der Nacht, wenn die übrigen Gäste gegangen waren und Ruhe einkehrte. Diese Arbeitsweise verlangte nicht nur Ausdauer, sondern auch die Bereitschaft, vorgefasste Ideen zugunsten dessen aufzugeben, was sich tatsächlich vor der Kamera entwickelte.

Im Streit darüber, wann gefilmt werden soll, verdichtet sich eine grundlegende Frage des dokumentarischen Arbeitens: Wer entscheidet, was eine Aufnahme wert ist? Gordon verlangte, die Kamera möglichst durchgehend laufen zu lassen. Ob ein Moment interessant werde, könne man schließlich nicht wissen, bevor er stattgefunden habe. Pretsell erkannte die Berechtigung dieses Einwands, musste zugleich aber die praktischen Konsequenzen im Blick behalten: Materialmengen, Sichtung und Schnitt. Hinter der scheinbar technischen Meinungsverschiedenheit steht deshalb ein Konflikt um die Deutungshoheit. Wer auswählt, wann die Kamera läuft, bestimmt bereits mit, welche Geschichte später überhaupt erzählt werden kann.

Dass Pretsell selbst in DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON auftaucht, war ursprünglich nicht vorgesehen. Er wollte Gordon beobachten, nicht die eigene Person in den Vordergrund rücken. Doch der Künstler zog ihn zunehmend in das Geschehen hinein – so, wie er nach Pretsells Beschreibung auch andere Besucher seines Ateliers in gemeinsame Erlebnisse verwickelt. Die Beziehung zwischen Filmemacher und Porträtiertem wurde damit selbst zum erzählerischen Material. Eine besondere Rolle spielen die aufgezeichneten Telefongespräche: In ihnen schlägt Gordon einen anderen, intimeren Ton an als bei den Begegnungen im Atelier. Der Film handelt folglich nicht nur davon, wer Gordon ist, sondern auch davon, was zwischen ihm und dem Menschen hinter der Kamera entsteht.

Diese Nähe bedeutete keineswegs dauerhafte Harmonie. Pretsell spricht gegenüber nochnfilm.de ausdrücklich von einem Kräftemessen der Egos und von Momenten, in denen beide die Anrufe des jeweils anderen ignorierten. Nach einem Konflikt im Atelier habe die Unterbrechung des Kontakts ungefähr drei Monate gedauert, wobei er die zeitlichen Abläufe rückblickend nur noch unscharf auseinanderhalten könne. Zeitweise stand für ihn sogar die Fortsetzung des Projekts infrage. Gerade solche Brüche machen deutlich, dass der Zugang zu einem Menschen keine einmal erworbene Erlaubnis ist. Er muss immer wieder neu ausgehandelt werden – einschließlich der Möglichkeit, dass das Gegenüber sich entzieht.

Umso bemerkenswerter ist Pretsells Schilderung der späteren Schnittphase. Obwohl Gordon vor der Kamera um Einfluss auf das Geschehen rang, habe er die Montage von DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON weitgehend den Filmemachern überlassen. Die anfängliche Sorge, der Künstler könnte sich intensiv einschalten und den Prozess verlängern, bestätigte sich demnach nicht. Pretsell führt diese Zurückhaltung auf das über die Jahre gewachsene Vertrauen zurück. Den fertigen Film empfinde Gordon zwar als schwer anzusehen, weil er ihm sehr nahekomme und verletzliche Seiten offenlege. Zugleich habe er sich aber wiederholt dankbar und beeindruckt gezeigt. Zwischen dem Wunsch nach Selbstbestimmung und der Bereitschaft, den Blick eines anderen zuzulassen, liegt eine wesentliche Spannung dieses Porträts.

Für mich liegt eine besondere Stärke dokumentarischer Porträts darin, einen zuvor völlig unbekannten Menschen so nahezubringen, als würde man ihn schon eine halbe Ewigkeit kennen. So ist es mir zumindest bei der Sichtung von DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON gegangen. Tatsächlich ist Pretsells erklärtes Ziel nicht die möglichst vollständige Vermittlung von Lebensdaten und Werkzusammenhängen. Er will das Publikum in eine Welt hineinziehen, statt diese fortwährend von außen zu erläutern. Zu viel biografische Einordnung würde aus seiner Sicht jene unmittelbare Erfahrung unterbrechen, auf die es ihm ankommt. Entscheidend ist für ihn das Gefühl, tatsächlich Zeit mit einem Menschen verbracht zu haben: nicht bloß etwas über ihn zu wissen, sondern ihn kennengelernt zu haben. Darin liegt zugleich ein produktiver Widerspruch, so Pretsell in unserem Interview. Denn gerade Gordon vermittle vielen Menschen den Eindruck einer besonderen Vertrautheit, während jeder eine andere Vorstellung davon entwickle, wer dieser Künstler eigentlich sei. Nähe führt hier nicht zwangsläufig zu Eindeutigkeit.

Bei aller Intimität und Reibung betont Pretsell auch den Humor. Sowohl bei der Vorführung in Berlin als auch beim Screening in seiner Heimatstadt Edinburgh habe das Publikum an vielen Stellen gelacht – gerade auch in jenen Momenten, deren Wirkung er nach den zahlreichen Sichtungen selbst kaum noch einschätzen konnte. Ebenso wichtig seien ihm die stillen Passagen gewesen, in denen die Zuschauer aufmerksam blieben. In seiner Beschreibung der Publikumsreaktionen stehen Komik und Verletzlichkeit deshalb nicht gegeneinander. Sie gehören zu derselben Begegnung mit einem Menschen, der andere unterhalten, vereinnahmen und berühren kann.

Mit DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON ist Finlay Pretsell ein eindrucksvoller Film gelungen, der sich wohltuend von konventionellen Künstlerporträts abhebt. Er bringt den Menschen hinter dem Künstler zum Vorschein, ohne dessen Widersprüche aufzulösen. Und überzeugt damit selbst jemanden wie mich, der dieses Porträt zunächst ziemlich weit unten auf seiner Prioritätenliste eingeordnet hatte.

Interview

Wie porträtiert man einen Künstler, der die Regie am liebsten selbst übernehmen würde? Beim Edinburgh International Film Festival 2026 habe ich mit Finlay Pretsell über DOUGLAS GORDON BY DOUGLAS GORDON gesprochen – über unberechenbare Drehtage, Konflikte hinter der Kamera und das Vertrauen, das diesen ungewöhnlichen Film erst möglich machte.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
FSK noch unbekannt

Originaltitel

Douglas Gordon by Douglas Gordon (Großbritannien / Frankreich 2026)

Länge

88 Minuten

Genre

Dokumentation

Regie

Finlay Pretsell

Drehbuch

Finlay Pretsell

Kamera / Bildgestaltung

Martin Radich

Filmwebsite

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