Mit einer Prämisse, die gefährlich nah an hanebüchenem Trash kratzt, erweist sich WHALEFALL als überraschend intensiver Survival-Thriller, der geschickt die Balance zwischen biologischem Body-Horror und emotionalem Familiendrama hält.
Jay Gardiner (Austin Abrams) reist aus einem traurigen Grund zurück an die kalifornische Küste: Vor Kurzem hat sich sein Vater Mitt (Josh Brolin) im Meer das Leben genommen. Die Beziehung der beiden war zeitlebens von unbarmherzigem Druck geprägt – der tyrannische, vom Ozean besessene Vater trieb Jay so weit an seine Grenzen, dass dieser schließlich die Flucht ergriff und für sein Studium ans andere Ende des Landes zog, nur um der mentalen Enge und den erdrückenden Erwartungen seines Zuhauses zu entkommen.
Als sich seine Familie darüber beklagt, dass man nur einen leeren Sarg beerdigen könne, weil die Überreste bislang nicht gefunden werden konnten, beschließt Jay, danach zu suchen. Er schnappt sich seine Taucherausrüstung, ignoriert die Warnungen der Küstenwache und taucht ab. Doch die Mission gerät spektakulär außer Kontrolle: Erst greift ihn ein Riesenkalmar an, Sekunden später wird die gesamte Szenerie von einem 60 Tonnen schweren Pottwal verschluckt. Gefangen im Magen des Meeressäugers, bleiben Jay exakt 60 Minuten Sauerstoff, um einen Ausweg aus den schleimigen, zermalmenden Muskelwänden des Tiers zu finden.
Seine einzige Rettung in diesem feuchten Grab: die unerbittlichen Überlebenslektionen ausgerechnet des Vaters, dem er eigentlich entfliehen wollte.
Ja, das klingt in der Tat nach einer trashigen Direct-to-DVD-Veröffentlichung. Aber Moment einmal, der Film hat doch einen Kinostart… Und siehe da, WHALEFALL entpuppt sich als packender Survival-Thriller mit einer durchaus bewegenden Vater-Sohn-Geschichte.
Regisseur Brian Duffield hat ein gutes Händchen für minimalistische, aber maximal nervenaufreibende Szenarien. Er wirft das Publikum in WHALEFALL zusammen mit der Hauptfigur in ein feuchtes, stockfinsteres Grab und zieht die Daumenschrauben über 106 Minuten konsequent an.
Das Innere des Wals wirkt überraschend authentisch – wobei sich meine persönlichen Vergleichsmöglichkeiten zugegebenermaßen in Grenzen halten. Aber das Setting von WHALEFALL wirkt zumindest so, als ob dem Ganzen jede Menge Forschungsarbeit vorangegangen wäre.
Austin Abrams, der sein schauspielerisches Können gerade erst im Reboot der Horror-Reihe RESIDENT EVIL unter Beweis stellen konnte, trägt auch hier den Film im Alleingang. Gerade im Mittelteil werden seine Befreiungsversuche jedoch ein wenig redundant und somit ermüdend für das Publikum. Die Rückblenden mit seinem Vater lockern den Überlebenskampf gekonnt auf, auch wenn mir die Geschichte gegen Ende zu sehr ins Esoterische abgleitet und die emotionale Versöhnung dadurch etwas überhöht wirkt.
Auch wenn WHALEFALL wirklich intensiv umgesetzt wurde, muss man als Zuschauer schon das eine oder andere Mal ein Auge zudrücken. Dass Jay im Magen weder durch die Muskelbewegungen zerquetscht wird unter der Einwirkung von Gasen und Magensäure kollabiert, erfordert eine gehörige Portion
Nachsicht. Doch wenn man bereits die absurde Tatsache akzeptiert hat, dass Jay zu Beginn trotz Blaulicht und Sirenen allein ins Wasser steigt – und dabei auch noch seine Handschuhe vergisst –, dann kann man über alles andere auch hinwegsehen.
WHALEFALL ist kein billiger Creature-Feature-Trash, sondern ein handwerklich starker, exzellent gespielter Überlebenskampf. Wer sich auf das absurde, aber konsequent durchgezogene Szenario einlassen kann, bekommt einen intensiven Kinotrip geliefert. Für die volle Punktzahl fehlt dem Skript auf der Zielgeraden etwas Abwechslung, für einen packenden Kinoabend reicht es aber allemal.
Whalefall (USA 2026)
106 Minuten
Thriller
Brian Duffield
Brian Duffield, Daniel Kraus, basierend auf dem Roman von Daniel Kraus
Aaron Morton, NZCS
Austin Abrams, Josh Brolin, Elisabeth Shue, John Ortiz, Jane Levy, Emily Rudd
Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH