Wie viel Vernunft verträgt die Liebe – und wie viel Leidenschaft ein Leben, in dem die wirtschaftlichen Verhältnisse über die persönliche Freiheit bestimmen? Georgia Oakleys SINN UND SINNLICHKEIT erzählt von zwei Schwestern, die auf diese Fragen ganz unterschiedliche Antworten suchen. Die Stärke dieser Neuverfilmung liegt dabei weniger im Gegensatz ihrer Temperamente als in dem Band, das sie trotz aller Unterschiede zusammenhält.
England zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Nach dem Tod ihres Vaters müssen die beiden Schwestern Elinor (Daisy Edgar-Jones) und Marianne Dashwood (Esmé Creed-Miles) ihr Zuhause verlassen und blicken in eine ungewisse Zukunft. Doch die beiden jungen Frauen könnten unterschiedlicher kaum sein. Elinor gilt als besonnen und hält ihre Gefühle für Edward Ferrars (George MacKay) geheim, erscheint eine gemeinsame Zukunft aufgrund gesellschaftlicher und familiärer Hindernisse doch aussichtslos. Die jüngere Marianne hingegen folgt offen ihrem Herzen und verliebt sich Hals über Kopf in den charismatischen John Willoughby (Frank Dillane). Zwischen Hoffnung, Enttäuschung und den Zwängen ihrer Zeit müssen beide Schwestern ihren eigenen Weg finden und erkennen, dass weder kühle Vernunft noch leidenschaftliche Gefühle allein zum Glück führen.
Es gehört zu den riskantesten Unterfangen der Kinogegenwart, einen Klassiker neu aufzulegen, der bereits eine vermeintlich unantastbare Kinoverfilmung besitzt. Ang Lees Meisterwerk von 1995 galt lange Zeit als das Nonplusultra der Jane-Austen-Adaptionen. Doch Regisseurin Georgia Oakley („Blue Jean“) hat sich nicht beirren lassen und ihre ganz eigene Version von SINN UND SINNLICHKEIT geschaffen. Sie zeigt, dass ein historisches Drama nicht in Samt und Seide ertrinken muss, um seine emotionale Wucht spürbar zu machen. Schon ihre Bildsprache setzt einen eigenen Akzent: Statt historischer Prachtentfaltung sucht sie die Nähe zum gelebten Alltag.
Dazu trägt auch die Bildgestaltung von Arnaud Potier bei: Natürliches Licht,
vom Wind bewegte Gräser und Bäume und die raue Küstenlandschaft geben diesem England eine spürbare Erdigkeit. Die Landschaft erscheint dabei nicht bloß als romantische Kulisse, sondern lässt sich als Freiraum lesen, der besonders Mariannes ungestümem Wesen entspricht. Dieser Eindruck setzt sich in der Ausstattung fort: Die Kostüme wirken, als würden sie wirklich getragen und stammten nicht aus einem Museum. In dieser Verfilmung von SINN UND SINNLICHKEIT steckt echtes Leben.
Das größte erzählerische Wagnis – und gleichzeitig der größte Triumph des Drehbuchs von Diana Reid – liegt in der emotionalen Neugewichtung. Während die romantischen Verwicklungen um Edward Ferrars, John Willoughby und den melancholischen Colonel Brandon (Herbert Nordrum) mit psychologischer Finesse ausgespielt werden, rückt der Film seinen eigentlichen Kern in den Mittelpunkt: die bedingungslose Liebe zwischen Elinor und Marianne. Die Schwestern stehen einander nahe, missverstehen sich aber aufgrund ihrer gegensätzlichen Lebensphilosophien – kühle Vernunft versus ungezähmte Leidenschaft – und finden in den Momenten der tiefsten Krise wieder zueinander.
Schauspielerisch lebt SINN UND SINNLICHKEIT vor allem vom Kontrast seiner beiden Hauptdarstellerinnen. Daisy Edgar-Jones macht Elinors innere Zerrissenheit gerade durch ihr zurückgenommenes Spiel spürbar: Ein zögernder Blick oder eine kurze Pause lassen ahnen, wie viel Überwindung es ihre Figur kostet, die eigenen Gefühle hinter gesellschaftlicher Höflichkeit zu verbergen. Esmé Creed-Miles setzt dieser Selbstbeherrschung eine Marianne entgegen, die ihre Gefühle kaum zurückhalten kann. Begeisterung und Verletzlichkeit liegen in ihrem Spiel dicht beieinander: Die Offenheit, mit der sie sich der Liebe hingibt, macht sie zugleich schutzlos gegenüber deren Enttäuschungen.
Auch die Nebenfiguren setzen eigene Akzente, allen voran Fiona Shaw als geschwätzige Kupplerin Mrs. Jennings. Shaw betont deren neugierige Aufdringlichkeit, ohne die Herzlichkeit dahinter verschwinden zu lassen. So sorgt die Figur für komische Entlastung, ohne zur bloßen Karikatur zu werden.
Georgia Oakley legt mit SINN UND SINNLICHKEIT eine vitale Neuinterpretation von Jane Austens Werk vor, die dessen Aktualität herausarbeitet, ohne den historischen Kontext zu verraten. Es geht um weibliche Autonomie, die Einsamkeit unausgesprochener Gefühle und das Überleben in einer Welt, die von finanziellen Zwängen geprägt ist. Handwerklich exquisit inszeniert und brillant gespielt findet SINN UND SINNLICHKEIT seine eigene Handschrift vor allem in der Nähe zu seinen beiden ungleichen Schwestern.
Sense and Sensibility (Großbritannien 2026)
133 Minuten
Drama / Historie / Romanze
Georgia Oakley
Diana Reid, nach dem Roman von Jane Austen
Arnaud Potier
Daisy Edgar-Jones, Esmé Creed-Miles, Caitríona Balfe, Bodhi Rae Breathnach, Frank Dillane, Herbert Nordrum, George MacKay, Fiona Shaw, Stacy Martin, Tom Brooke
Universal Pictures International Germany GmbH