Ein unverbesserlicher Großvater, der gerade erst aus seinem Altersheim geflogen ist, sein pflichtbewusster Enkel und ein langer Roadtrip nach Kanada – das sind die Zutaten in NORTHBOUND, aus denen Regisseur William Scoular ein sehenswertes Drama über spätes Erwachsenwerden zaubert.
Arthur (Bruce Dern) ist gerade aus seinem Altenheim in Arizona geflogen, da er schon wieder gegen diverse Regeln verstoßen hat – inklusive derer, die extra für ihn aufgestellt wurden. Also wird sein Enkel Kevin (Hunter Parrish) kurzerhand geschickt, um ihn ins nächste Heim zu bringen. Doch Arthur hat gänzlich andere Pläne. Er möchte nach Hause und noch einmal Kevins Großmutter (Joanna Cassidy) sehen – und natürlich die familieneigene Whisky-Destillerie, die Arthur einst aus dem Nichts aufgebaut hat. Da Kevin dem „Charme“ des alten Mannes nichts entgegenzusetzen hat, überredet ihn der achtzigjährige Schlingel, ihn von Arizona zu seiner Hütte im Norden Ontarios zu fahren. Unterwegs nehmen sie noch eine geheimnisvolle Anhalterin mit, die zunächst vorgibt, taub zu sein. Doch hinter dieser Schutzbehauptung steckt eine toughe Frau auf der Flucht, die sich zu wehren weiß und das ungleiche Gespann zusätzlich durcheinanderbringt.
Arthur bringt das ungleiche Team durch sein unkontrolliertes Verhalten immer wieder in Schwierigkeiten. Prügel werden ausgeteilt, Kugeln fliegen, Liebe entflammt – und die Dinge geraten völlig außer Kontrolle. Irgendwo zwischen der Wüste und der Grenze erkennt Kevin den Menschen hinter seinem Großvater: einen egoistischen und kleinlichen Mann voller Fehler, der sich auf seine ganz eigene, beinahe unglaubliche Weise doch noch bessern will. Gleichzeitig zwingt Arthur seinen Enkel dazu, aus seiner vertrauten Rolle auszubrechen. Kevin lernt, dass Erwachsenwerden nicht allein bedeutet, vernünftig zu sein und Regeln zu befolgen, sondern auch, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für sie zu übernehmen.
Dass Arthur trotz all seiner Widersprüche niemals zur bloßen Karikatur wird, liegt auch an Bruce Dern. Bekannt ist der Schauspieler für seine extravaganten Darstellungen. Egal, was im Drehbuch stand, immer hat der mittlerweile 91-Jährige einem Film seinen ganz eigenen Touch gegeben. „Manchmal wusste man gar nicht, wie er jetzt von diesem einen Punkt zum anderen gekommen ist“, so Regisseur William Scoular im Interview mit nochnfilm.de. Obwohl angekündigt, konnte Dern aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich zum Edinburgh International Film Festival kommen. Das hielt das Publikum aber nicht davon ab, seine Leistung nach der Vorführung mit einem tosenden Applaus zu belohnen.
Regisseur William Scoular, der zwar in Glasgow geboren wurde, mit seinen Eltern aber sehr früh nach Kanada auswanderte („Ich hatte damit nichts zu tun!“), war die Weltpremiere in Edinburgh ein besonderes Anliegen, wie er mir im Interview verraten hat. In den letzten Jahren seines Lebens wollte Scoular Senior immer zurück nach Schottland, doch sein gesundheitlicher Zustand machte das unmöglich. Am Morgen unseres Interviews konnte Scoular jedoch dessen Asche auf dem Arthur‘s Seat in Edinburgh verstreuen und ihm somit zumindest posthum diesen Wunsch erfüllen. Damit wird NORTHBOUND nicht nur zu einem Roadmovie, sondern auch zu Scoulars persönlichem Abschiedsbrief an seinen Vater.
Die Figur des Arthur basiert auf Scoulars Vater, der genau wie die von Bruce Dern gespielte Figur ein unangepasster Mann war, der sein Leben immer nur nach seinen eigenen Regeln gelebt hat und erst im Alter erkannt hat, dass er vielleicht auch mal freundlich zu anderen sein muss, wenn er irgendwann diese Welt im Frieden verlassen möchte. NORTHBOUND ist Scoulars Art, sich von seinem Vater zu verabschieden, und ich bin mir sicher, dass dieser das gutgeheißen hätte. Dadurch erhält NORTHBOUND trotz aller grotesken und turbulenten Momente eine spürbare Melancholie. Hinter Arthurs Unbelehrbarkeit und seinem oft rücksichtslosen Verhalten steht die Frage, ob Versöhnung noch möglich ist, wenn zu viel Zeit vergangen ist – mit anderen, aber auch mit sich selbst.
Wie es zu einem richtigen Roadmovie gehört, lebt auch NORTHBOUND von den eindrucksvollen Landschaften, die unsere Protagonisten im Laufe der 92 Minuten durchfahren. Kameramann Peter Menzies Jr. fängt die vorbeiziehenden Bilder wunderschön ein und macht Lust darauf, den nächsten Urlaub vielleicht doch in Kanada zu verbringen.
Für den Score zeichnet im Übrigen der britische Komponist und Singer-Songwriter Ed Harcourt verantwortlich, der schon mit Stars wie Marianne Faithfull, Paloma Faith, James Bay, Sophie Ellis-Bextor, Kathryn Williams und Roxanne de Bastion zusammengearbeitet hat. Ihm gelingt in NORTHBOUND eine musikalische Untermalung, die sich nicht aufdrängt, sondern die Geschichte wunderbar unterstreicht.
Das Wesentliche in NORTHBOUND spielt sich unter der Oberfläche ab. Der Film benötigt keine großen Wendungen, sondern zeigt mit kleinen Gesten und klugen Worten, dass man auch im hohen Alter noch einmal über sein Verhalten nachdenken kann. So wird NORTHBOUND zu einem Coming-of-Age-Film im hohen Alter, bei dem jede Figur ihre ganz eigenen Lehren aus dieser Reise zieht.
NORTHBOUND zeigt, dass ein Roadmovie nicht immer das ganze Register auffahren muss. Manchmal genügt es, sich auf das Zwischenmenschliche zu konzentrieren und einer Schauspiellegende wie Bruce Dern den nötigen Raum zu lassen.
Beim Edinburgh International Film Festival 2026 durfte ich mich ausführlich mit dem schottisch-kanadischen Regisseur William Scoular über sein Roadmovie NORTHBOUND unterhalten. Wir sprachen über seinen Hauptdarsteller, den unvergleichlichen Bruce Dern, die kanadische Landschaft und über guten schottischen Whisky.
Northbound (Kanada / USA 2026)
92 Minuten
Drama
William Scoular
Ashlin Halfnight
Peter Menzies Jr.
Bruce Dern, Hunter Parrish, , Julia Fox, Dylan Baker, Graham Greene, Joanna Cassidy