In seinem vierten Abenteuer bricht für Peter Parker tatsächlich ein vollkommen neuer Tag an: Statt des ewigen Größer-Lauter-Böser-Overkills schaltet SPIDER-MAN: BRAND NEW DAY einen Gang zurück und konzentriert sich auf Zwischenmenschlichkeit und Selbstreflexion. Ein wahres Geschenk für das MCU!
Am Ende von „Spider-Man: No Way Home“ musste Peter Parker (Tom Holland) eine schwere Entscheidung treffen: Durch einen Zauber von Dr. Strange ließ er die Welt vergessen, dass er Spider-Man war. Das bedeutete im Umkehrschluss aber auch, dass sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) und seine große Liebe MJ (Zendaya) aus seinem Leben verschwanden. Natürlich redet sich Spider-Man immer wieder ein, dass er seine Liebsten lediglich schützen müsse, ignoriert dabei jedoch die Tatsache, dass ihn der Verlust mehr zu schaffen macht, als er zugeben will.
Also stürzt sich unser Superheld wie ein Verrückter in die „Arbeit“: Bei jedem kleinsten Polizeialarm ist er umgehend im Einsatz, macht die Schurken dingfest und sorgt so für die geringste Verbrechensrate seit Ewigkeiten. Doch dass Verdrängung nur bedingt funktioniert, wissen wir alle vermutlich nur zu gut, und so arbeiten seine Spinnen-Gene und -Hormone immer mehr gegen ihn.
Dann taucht auch noch ein neuer Gegner auf, der scheinbar mühelos die Gedanken anderer übernehmen kann und offenbar hinter diversen Anschlägen auf das Department for Damage Control steckt, einer New Yorker Behörde, die sich seit der Schlacht um New York um Superhelden-Angelegenheiten kümmert. Zusammen mit dem als „The Punisher“ bekannten Frank Castle (Jon Bernthal) versucht Spider-Man herauszufinden, wer dieser neue Gegner überhaupt ist…
Im Vorfeld ist über SPIDER MAN: BRAND NEW DAY so gut wie nichts bekannt geworden. Selbst MCU-Neuzugang Sadie Sink („Stranger Things“, „The Whale“) hat bis heute tapfer durchgehalten und nichts über ihre Rolle verraten. Und genau das möchte ich an dieser Stelle nicht ändern. Nur so viel sei gesagt: Sie spielt wirklich grandios.
Bislang zeichneten sich Marvel-Filme vor allem durch eines aus: Mit jedem Film musste ein noch größerer, noch unbarmherziger, noch monströser Gegner auftauchen. Und wenn ich mir den aktuellen Trailer zum Film „Avengers: Doomsday“ anschaue, der am 16.12.2026 in die Kinos kommt, dann scheint sich daran recht wenig geändert zu haben. Doch dann kommt auf einmal SPIDER-MAN: BRAND NEW DAY um die Ecke und zeigt uns, wie es auch gehen kann. Denn der Film interessiert sich herzlich wenig für den neuen Schurken, sondern konzentriert sich überwiegend auf den inneren Konflikt, den Spider-Man mit sich selbst austragen muss.
Drei Spider-Man-Filme hat Regisseur Jon Watts bislang mit Tom Holland und Zendaya gedreht – jetzt übernimmt Destin Daniel Cretton das Ruder. Der ist wahrlich kein Unbekannter, hat er bei Marvel doch bereits „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“ verantwortet, bei dem er zeigen konnte, dass er ein gutes Händchen für exzellentes Storytelling mit einer emotionalen Ebene besitzt. Und wer seine anderen Filme kennt, vor allem „Short Term 12“ mit Brie Larson, aber auch „Schloss aus Glas“ und „Just Mercy“, weiß vielleicht in etwa, was ihn bei SPIDER-MAN: BRAND NEW DAY erwartet. Endlich finden Crettons Art, Geschichten zu erzählen, und Marvels Blockbuster-Ambitionen auf nahezu perfekte Art und Weise zusammen – natürlich auch durch ein starkes Drehbuch von Chris McKenna und Erik Sommers.
Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass die Action zu kurz kommt, nein, keinesfalls. Die halsbrecherischen Kamerafahrten durch die Häuserschluchten New Yorks sehen erneut eindrucksvoll aus, auch wenn man hier und dort erkennt, dass es sich um computergenerierte Grafiken handelt. Die Stunt-Performances sind auf solch einem hohen Niveau, dass selbst Spider-Man an einer Stelle ein „Wow“ herausrutscht.
SPIDER-MAN: BRAND NEW DAY ist in meinen Augen der einzig richtige Weg, aus der (berechtigten) Superhelden-Müdigkeit des Publikums auszubrechen. Bleibt nur zu hoffen, dass der Film mindestens genauso erfolgreich wird wie seine Vorgänger, damit Marvel endlich erkennt, dass es eine Alternative gibt zu Größer-Lauter-Böser. So wie Peter Parker erkennen muss, dass Liebe und Freundschaft einen mindestens genauso großen Teil seines Lebens einnehmen wie die Rettung der Welt.
Spider-Man: Brand New Day (USA 2026)
146 Minuten
Abenteuer / Action / Fantasy
Destin Daniel Cretton
Chris McKenna, Erik Sommer, basierend auf den Comics von Stan Lee und Steve Ditko
Brett Pawlak
Tom Holland, Zendaya, Sadie Sink, Jacob Batalon, Jon Bernthal, Tramell Tillmann, Mark Ruffalo, Michael Mando, Liza Colón-Zayas
Sony Pictures Releasing GmbH