Wenn George Clooney als alternder Filmstar JAY KELLY wehmütig auf sein Leben zurückblickt, dann ist Autor und Regisseur Noah Baumbach voll in seinem Element. Und Adam Sandler? Der ist die Kirsche auf dem Kuchen der Einsamkeit…
Wir befinden uns am Filmset, die letzte Szene steht an. Nach einer beeindruckenden Plansequenz endet die Kamera in einer dunklen Gasse vor dem angeschossenen Protagonisten, gespielt von einem der größten Filmstars unserer Zeit: Jay Kelly (George Clooney). Nachdem seine Figur den letzten Atemzug getätigt hat, bittet er den Regisseur darum, einen weiteren Take aufnehmen zu dürfen – in der festen Überzeugung, er könne die Performance der letzten Einstellung noch einmal toppen. Doch für den Regisseur war diese bereits perfekt, und nun ist der Film abgedreht.
Was folgt ist ein Gefühl, das vermutlich nicht nur jeder Schauspieler kennt, sondern auch Musiker*innen, wenn das letzte Konzert einer Tour gespielt ist: Leere. Absolute Leere. Als ihm zuhause seine Tochter Daisy (Grace Edwards) offenbart, in wenigen Tagen auf eine ausgedehnte Europareise zu gehen, wird das Loch, in das Kelly fällt, plötzlich noch größer. Dann stirbt auch noch sein langjähriger Mentor, der Regisseur Peter Schneider (Jim Broadbent). Das bringt Kelly letztendlich zu der Entscheidung, seiner Tochter hinterher zu reisen – schließlich gibt es da ja auch noch das Film Festival in der Toskana, das ihn unbedingt für sein Lebenswerk auszeichnen möchte. Ein perfektes Alibi. Und was als Versuch beginnt, seinen Kindern ein wenig näher zu sein, wird zu einer Reise der Erinnerungen an verpasste Chancen und Versäumtes im Leben…
„Es ist eine verdammt große Verantwortung, ich selbst zu sein. Es ist viel einfacher, jemand anderes oder überhaupt niemand zu sein.“ Mit diesem Zitat von Silvia Plath beginnt JAY KELLY, der neueste Film von Noah Baumbach, für den er das Drehbuch zusammen mit Emily Mortimer geschrieben, die auch in einer kleinen Nebenrolle zu sehen ist. In seinen Filmen hat sich Baumbach schon immer in erster Linie für das Innenleben seiner Figuren und weniger für eine stringente Handlung interessiert. Die Geschichten, die der Autor und Regisseur erzählt, spielen sich überwiegend im Zwischenmenschlichen ab, in Blicken, in Entscheidungen und in Verhaltensweisen. Das ist auch in JAY KELLY der Fall, wobei er in diesem Fall keinen besseren Hauptdarsteller hätte an Land ziehen können als George Clooney.
Gary Cooper, Cary Grant, Robert De Niro, Jay Kelly. Die Reihe der Schauspieler, in die sich unsere Titelfigur einreiht, könnte nicht imposanter sein. Dazu zählt im wahren Leben natürlich auch George Clooney, der seine Rolle mit der gewohnten Eleganz zum Strahlen bringt. Und während man im Film mehrere Einstellungen hat, um in einer Szene alles richtig zu machen, steht diese Freiheit in der Realität selbstverständlich nicht zur Verfügung. Hier bleibt eine verpasste Chance eine verpasste Chance. Und wie diese Erkenntnis langsam in JAY KELLY reift, spielt George Clooney mit einer solchen Präzision, dass man das in jeder Regung, jedem Blick und jeder Geste erkennen kann. „Wie kann ich Menschen spielen, wenn ich die Menschen gar nicht kenne“, ist ein entscheidender Satz im Film, als Kelly in der überfüllten zweiten Klasse eines Zuges mit den Reisenden ins Gespräch kommt, sein Manager (Adam Sandler) und seine Publizistin (Laura Dern) ihn aber lieber in die ruhige erste Klasse zerren wollen.
Doch JAY KELLY bietet noch eine weitere Überraschung: Adam Sandler, der wieder einmal beweist, dass er immer dann am besten ist, wenn er die Komik über Bord wirft und zu einer echten, menschlichen Figur wird. Das war schon so in „Die Liebe in mir“ („Reign Over Me“, 2007), doch leider ist Sandler viel zu selten in ernsten Rollen zu sehen. In JAY KELLY spielt er den langjährigen Manager, der seinem Star hinterher räumt und jeden noch so kleinen Wunsch von den Lippen abliest. Dass auch er dabei seine eigene Familie vernachlässigt, dämmert ihm erst so richtig, als Kelly in seine Sinnkrise fällt. Und so multipliziert sich die Story, ohne dass sie dabei zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder konstruiert wird.
Noah Baumbach nutzt die Reise in die Vergangenheit seines Protagonisten aber auch aus, um eine beeindruckende Riege europäischer Filmstars wie an einer Perlenkette aufzureihen, wie beispielsweise Alba Rohrwacher oder Lars Eidinger. Zwar sind viele der Schauplätze des Films vermutlich eher aus Filmförderungs-Gründen entstanden, aber das ändert nichts an der Botschaft des Films: Es ist gut, im Leben immer mal wieder innezuhalten und sein Handeln, seine Entscheidungen zu überdenken. Und das gilt nicht allein für alternde Filmstars.
Mit JAY KELLY ist Noah Baumbach ein gefühlvoller Film über verpasste Chancen, falsche Entscheidungen und dem Zurückfinden zum eigenen Ich gelungen, der in erster Linie von der eindrucksvollen Darstellung seiner beiden Hauptdarsteller lebt.
Jay Kelly (USA 2025)
130 Minuten
Drama / Komödie
Noah Baumbach
Noah Baumbach, Emily Mortimer
Linus Sandgren
George Clooney, Adam Sandler, Laura Dern, Billy Crudup, Riley Keough, Grace Edwards, Stacy Keach, Jim Broadbent, Patrick Wilson, Eve Hewson, Greta Gerwig , Alba Rohrwacher, Josh Hamilton , Lenny Henry, Emily Mortimer, Nicôle Lecky, Thaddea Graham, Isla Fisher, Louis Partridge, Charlie Rowe
Netflix
Nach seinem Kinostart am 20.11.2025 ist JAY KELLY bereits zwei Wochen später ab dem 05.12.2025 auf Netflix zu sehen.