„Something has changed within me, something is not the same“: Jeder, der auch nur das geringste Faible für Musicals hat, kennt diese Zeilen aus WICKED. Jetzt kommt die Vorgeschichte des Zauberers von Oz endlich auf die große Leinwand…
Elphaba (Originalversion: Cynthia Erivo, deutsche Fassung: Mareile Moeller, Sabrina Wckerlin (Gesang)) leidet schon immer darunter, anders zu sein. Der Grund: ihre grüne Hautfarbe, die selbst in einem Land wie Oz als ungewöhnlich gilt. Als sie ihre Schwester Nessarose (OV: Marissa Bode, DF: Giovanna Winterfeldt) an die Glizz Universität begleitet, wirft die Dekanin der Zaubereiwissenschaften Madame Akaber (OV: Michelle Yeoh, DF: Sabine Falkenberg) umgehend ein Auge auf sie. Doch Elphaba muss sich ein Zimmer mit Galinda (OV: Ariana Grande, DF: Lea Kalbhenn, Sophia Riedl (Gesang)) teilen, einem unbändigen und unwiderstehlichen Ausbund der Selbstüberschätzung. Daraus entwickelt sich jedoch eine ungewöhnliche, aber tiefe Freundschaft. Denn Galinda – oder Glinda, die Gute, wie sie sich später nennen wird – ist verdammt neidisch auf Elphabas Zauberkräfte, und Elphaba hätte gerne auch nur einen Bruchtal der Bewunderung, die Glinda ständig zufliegt. Nach einem Besuch beim Zauberer von Oz (OV: Jeff Goldblum, DF: Martin Umbach) ändert sich das jedoch. Glindas unbeirrbarer Wunsch nach Beliebtheit verführt sie zur Macht, während Elphabas Entschlossenheit, sich selbst und den Menschen in ihrer Umgebung treu zu bleiben, unerwartete und schockierende Folgen für ihre Zukunft haben wird.
Seit mehr als zwanzig Jahren ist WICKED ein Dauerbrenner auf den Musicalbühnen, vor allem am New Yorker Broadway. Hier in Deutschland hat es das Stück durchaus schwer gehabt. 2007 feierte die deutsche Fassung in Stuttgart Premiere, lief dort für gut zwei Jahre und danach noch einmal für 18 Monate in Oberhausen. Im September 2021 gab es dann in Hamburg eine Neuinszenierung, die aber bereits nach elf Monaten wieder die Segel streichen musste. Ob es an den auf Deutsch gesungenen Songs lag, bleibt nach wie vor unklar.
Der Film macht in dieser Hinsicht schon mal einiges besser. In Deutschland gibt es unterschiedliche Versionen zu sehen: zum einen im englischen OV, dann als komplett deutsche Sprachfassung, aber auch als Variante mit deutschen Dialogen und den englischen Songs mit Untertiteln. Das ist insofern bemerkenswert, als es bei Musicals meist immer nur OV oder deutsche Fassungen gibt.
Auf dem Regiestuhl durfte Jon M. Chu Platz nehmen. Der konnte 2018 in den USA den Überraschungserfolg „Crazy Rich Asians“ landen, der in Deutschland erstaunlicherweise überhaupt nicht in die Kinos kam. Mit dem sensationellen „In the Heights“ (2021) hat sich Chu dann aber zweifelsohne als Musical-Experte aufgestellt. Und siehe da: Mit WICKED legt er die Messlatte für zukünftige Musicals noch mal ein ganzes Stück höher. Egal ob schauspielerisch, erzählerisch, optisch oder musikalisch: WICKED ist Musical-Verfilmung in Perfektion.
Auch wenn es vielleicht nicht immer so aussieht, WICKED wurde überwiegend in echten Sets gedreht. Dafür verantwortlich war der Set-Designer Nathan Crowley, der für seine Arbeit bereits sechs Mal für einen Oscar nominiert war und u.a. die Kulissen der „Dark Knight“-Trilogie, „Interstellar“ und „Dunkirk“ erschaffen hat. Natürlich waren auch CGI-Effekte im Einsatz, allerdings nicht in dem Umfang, den man vermuten würde. Im Manschkinland, das auf beeindruckende Weise für die Magie und Kreativität seiner Bewohner steht, wurden u.a. neun Millionen Tulpen gepflanzt.
Die Universität Glitz stellte Crowley und sein Team vor besondere Herausforderungen. Hier wurde ein mehrteiliges Set gebaut, in das sich verschiedene Elemente integrieren ließen – einschließlich eines Zugangs zum Wasser mit funktionsfähigen Bootsanlegern. In der Bibliothek kommen in der Tanzsequenz „Dancing Through Life“/„Tanz durch die Welt“ zudem rotierende Bücherregale zum Einsatz, in denen sich die Tänzer eindrucksvoll bewegen – als wären sie schwerelos.
Auch die Smaragdstadt, in der der Zauberer von Oz in seinem Palast lebt, ist ein mehr als eindrucksvolles Set. Ob die Halle der Großartigkeit, der Thronsaal des Zauberers oder der Kartenraum – als Zuschauer kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Direkt nach der Ankunft in der Smaragdstadt werden Glinda und Elphaba zudem mit dem Spektakel „Abracadabaret“ begrüßt, bei dem ein rotierender Brunnen den Mittelpunkt bildet. Und wer genau hinschaut, der entdeckt bei der dortigen Theateraufführung zwei ganz besondere Menschen, die eine tiefe Verbundenheit zum Bühnen-Muscial WICKED haben. Aber mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.
Den größten Respekt verdient jedoch die Kamerafrau Alice Brooks, die bereits an John M. Chus „In the Heights“ und Lin-Manuel Mirandas „Tick, Tick… Boom!“ gearbeitet hat. Ihr gelingt es auch hier, die Geschichte durch eine fesselnde Visualität zu unterstreichen und damit beim Zuschauer tiefe emotionale Reaktionen hervorzurufen. Ihr scharfes Auge für Details und das besondere Spiel mit dem Licht hebt WICKED noch mal auf ein gänzlich neues Level.
Sonnenauf- und -untergänge spielen bei WICKED ebenfalls eine große Rolle. Für Glinda geht die Sonne immer auf und für Elphaba unter. Wir begegnen Glinda, als die Sonne über Manschkinland aufgeht, und sie perfekt in ihrer sonnenbeschienenen Blase thront. Glinda trifft Fiyero am Morgen. „Popular“/„Populär“ ist ein einziger langer Sonnenaufgang, der vor der Morgendämmerung mit Elphaba und Glinda beginnt, die sich im Bett unterhalten. Am Ende der Nummer klettert Glinda im Lichte eines wunderschönen pinkfarbenen Sonnenaufgangs auf ihre Gepäckkisten. Für Elphaba spielen sich die wichtigsten Szenen bei Sonnenuntergang ab, wenn Oz im Schatten versinkt. Sie trifft Fiyero zum ersten Mal kurz nach Sonnenuntergang, es gibt einen langen Sonnenuntergang im Wald, der in „I’m Not That Girl“/„Ich bin es nicht“ mündet, und die letzten vierzig Minuten des Films sind ein einziger langer Sonnenuntergang, der durch Abracadabaret eingeläutet wird und bis zur letzten Einstellung andauert. Die Sonne versinkt für Elphaba, als sie in „Defying Gravity“/„Frei und schwerelos“ ihre Kraft findet.
Ich könnte hier noch auf so unfassbar viele Dinge eingehen, die WICKED so besonders machen, aber das würde den Rahmen sprengen. Lediglich die sensationelle Musik möchte ich nicht unerwähnt lassen. Das Musical enthält einige der schönsten Songs der Theaterwelt, wie beispielsweise „Popular“/„Populär“, der Glindas Selbstvertrauen und ihr überhöhtes Bild von sich selbst, der Welt und ihrem Platz darin unterstreicht. „Defying Gravity“/„Frei und schwerelos“ ist natürlich die zentrale Hymne von WICKED, die schon mehrfach von den besten Sänger*innen interpretiert wurde. Elphaba singt diesen Song, als sie sich ihrer eigenen Macht bewusst wird und dem Zauberer von Oz die Stirn bietet. Alle Songs stammen aus der Feder von Stephen Schwartz, der einst das Bühnenmusical entwickelt hatte.
Auf eine kleine Besonderheit werden die Zuschauer vermutlich verzichten müssen: Bei der Hamburger Pressevorführung hatte der Verleih diverse Musical- und Tanzschulen eingeladen. Während des Abspanns, als einige der Titelsongs noch einmal instrumental angestimmt wurden, erklang im ganzen Saal ein leises, aber äußerst stimmvolles „Popular“. Ein echter Gänsehautmoment.
Für alle, die Musicals mögen oder gar lieben ist WICKED sowieso Pflicht. Aber auch alle anderen sollten diesen Blick nach Oz wagen und sich einmal grundlegend verzaubern lassen. Den Skeptikern sei noch gesagt, dass 161 Minuten noch nie so schnell vergangenen sind. Was für ein unfassbarer Film!
Wicked (USA 2024)
161 Minuten
Fantasy / Muscial
John M. Chu
Winnie Holzman, Dana Fox, basierend auf dem Musical „Wicked – Die Hexen von Oz“ von Stephen Schwartz
Alice Brooks
Ariana Grande, Cynthia Erivo, Jonathan Bailey, Ethan Slater, Bowen Yang, Marissa Bode, Peter Dinklage, Michelle Yeoh, Jeff Goldblum
Universal Pictures International Germany GmbH