Regimekritische Filme über die Machthaber im Iran gehören im Weltkino fast schon zur Tagesordnung. Manche – wie der Cannes-Sieger „Ein einfacher Unfall“ von Jafar Panahi – werden heimlich im eigenen Land gedreht, andere – aus Gründen der strengen Zensur im Iran – im sicheren Ausland fertiggestellt. In LOLITA LESEN IN TEHERAN erzählt der israelische Regisseur Eran Riklis („Die syrische Braut“) die wahre Geschichte der Literaturdozentin Azar Nafisi, die sich in einer Art stillen Widerstands gegen das verhasste Regime zur Wehr setzte und es austrickste.
Nachdem Azar Nafisi (Golshifteh Farahani) in Oklahoma englische und amerikanische Literatur studiert und einen Bachelor- und Masterabschluss gemacht hat, kehrt sie im Sommer 1979 gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann, dem Bauingenieur Bijan Naderi (Arash Marandi), kurz vor Beginn der Islamischen Revolution zurück in den Iran. Sie hatte sich in den USA in der iranischen Studentenbewegung engagiert und hofft nun, einen Beitrag zur Revolution leisten zu können, die immerhin den Schah gestürzt hatte. Azar entscheidet sich für eine Lehrtätigkeit an der Allameh-Tabataba‘i-Universität, weil sie glaubt, sich so den von Tag zu Tag härter werdenden Auflagen der Regierung widersetzen zu können.
Doch als eines Tages nach Studentenprotesten eine ihrer Studentinnen verhaftet, eingesperrt und anschließend hingerichtet wird, bricht ihr Weltbild zusammen. Weil sie sich standhaft weigert, das ihr vorgeschriebene Kopftuch, den Hijab, zu tragen, gibt Azar 1995 ihre Lehrtätigkeit auf und gründet mit sechs ihrer Studentinnen einen heimlichen Buchclub. Jeden Donnerstag lädt sie sie in ihr eigenes Haus ein, um mit ihnen westliche Klassiker, die vom Mullah-Regime verboten wurden, zu lesen und zu analysieren.
Und so stehen von nun an Romane wie „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald und „Daisy Miller“ von Henry James auf dem „Lehrplan“ – aber eben auch „Lolita“ von Vladimir Nabokov, sogar im Westen DAS Skandalbuch der 1950er-Jahre. Dieser Roman über den pädophilen Humbert Humbert, der seine minderjährige Stieftochter verführt und im Knast seine selbstgefälligen Memoiren schreibt, ist auch heute noch eine monströse literarische Zumutung, weil es dem US-amerikanisch-russischen Autor gelingt, dass wir diesen Humbert Humbert nicht abgrundtief hassen. Formvollendet und stilistisch makellos geschrieben, ist „Lolita“ immer noch einer der größten Romane des 20. Jahrhunderts. Aber auch für die sieben Frauen in Teheran ein harter Brocken…
Innere Emigration mit verbotenen Büchern – das kennen wir Deutschen aus dem Dritten Reich. Damals musste jeder, der mitmachte, damit rechnen, verhaftet und hingerichtet zu werden. Und irgendwann wird auch Azar der Boden unter den Füßen zu heiß: 1997 verlässt sie den Iran und kehrt in die USA zurück. Über ihre Erlebnisse schreibt sie dann den autobiografischen Roman „Lolita lesen in Teheran“ (2003), der ein Bestseller wurde.
Golshifteh Farahani spielt diese mutige Frau mit all ihrem schauspielerischen Können. 2017 hatte sie zum ersten Mal in einem Film von Regisseur Eran Riklis mitgewirkt – und zwar im Politkrimi „Aus nächster Distanz“ („Shelter“), das zum größten Teil in der Hamburger Isestraße gedreht wurde. Inzwischen ist Golshifteh Farahani ein Superstar. Demnächst dürfen wir sie in einem der Kracher der kommenden Jahres bewundern: in „Alpha“ von Julia Ducournau. Wie berühmt sie jetzt schon ist, beweist der Abspann von LOLITA LESEN IN TEHERAN: Hier singt sie gemeinsam mit „Coldplay“. Wow!
Reading Lolita in Teheran (Italien / Israel 2025)
108 Minuten
Drama
Eran Riklis
Marjorie David, basierend auf dem Roman von Azar Nafisi
Hélène Louvart
Golshifteh Farahani, Zar Ami, Mina Kavani, Bahar Beihaghi, Isabella Nefar, Raha Rahbari, Lara Wolf, Arash Marandi, Shahbaz Noshir, Catayoune Ahmadi
Weltkino Filmverleih GmbH