Außerhalb Hamburgs können wohl nur wenige mit dem Phänomen „Sternbrücke“ etwas anfangen, doch in der Hansestadt ist der Begriff Kult. Unter der viergleisigen Eisenbahnbrücke, die in den Hamburger Stadtteilen Altona-Altstadt und Sternschanze diagonal eine vielbefahrene Straßenkreuzung überquert, hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten eine eigenständige Stadtteilkultur entwickelt. Jetzt wurde diese Brücke abgerissen. Der Dokumentarfilm STERNBRÜCKE FOREVER von Christian Hornung zeigt dieses Ende einer Ära.
Dies ist keine klassische Doku, in der alles aus objektiver Sicht haarklein erklärt wird. Regisseur Christian Hornung stellt sich ganz auf die Seite der Einwohner, die jahrelang versucht hatten, diesen Abriss zu verhindern. STERNBRÜCKE FOREVER ist eher eine melancholisch-poetische Meditation über Widerstand und kulturelle Identität – ein Abgesang auf einen Mikrokosmos aus Clubs, Kiosken, Werkstätten und nachbarschaftlichem Zusammenhalt.
Nach der ersten Brücke von 1893 wurde die zweite Sternbrücke in den Jahren 1925/26 gebaut und hielt tatsächlich rund 100 Jahre. Die Brücke über die Straßenkreuzung Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße mit ihren jeweils zwei Fernbahn- und S-Bahn-Gleisen führte so dicht an den Häusern vorbei, dass man als Fahrgast direkt in die Wohnzimmer blicken konnte. Die vielen, teilweise maroden Stützpfeiler, die vor allem für Fußgänger und Radfahrer immer schon ein Ärgernis waren, hätten ersetzt werden müssen. Die Deutsche Bahn entschied sich stattdessen für einen Totalabriss und den Bau einer dritten Brücke.
Die Widerlager, Brückengewölbe und Kasematten der Sternbrücke gehörten zu den Liegenschaften der Deutschen Bahn und wurden von jeher gewerblich genutzt. Seit Jahrzehnten befand sich im südwestlichen Widerlager ein Ladengeschäft für Tabakwaren und Zeitschriften. Insgesamt gruppierten sich an der Kreuzung rund zwanzig Läden und Geschäfte; neben den Kneipen waren dies hauptsächlich Kioske und Imbisse. Seit Ende der 1990er-Jahre etablierten sich hier außerdem Szeneclubs wie Astra-Stube, Fundbureau und Waagenbau.
Die Menschen, die diese Geschäfte betreiben bzw. betrieben, macht Christian Hornung zu seinen Filmhelden: Mehmet verkauft Falafel, Martina kümmert sich um ihren Kiosk, Stefan repariert Autos. Und jedes Wochenende strömen junge Menschen in die Musikclubs, die Juri, Daniel und Ute unter der Sternbrücke betreiben. Immer wieder gibt es kleine Demos und Open-Air-Benefizkonzerte, die am Ende doch nichts bringen. Dann kommt der Abschied: Alle Läden werden leergeräumt und die Vorderfronten mit Brettern vernagelt. Eine kulturelle Gemeinschaft sagt tschüs!
STERNBRÜCKE FOREVER ist eine warmherzige und wehmütige Trauerarbeit.
P.S. Seit wenigen Wochen steht hier eine protzige Bogenbrücke, die so gar nicht in die Gegend passt.
Sternbrücke Forever (Deutschland 2026)
104 Minuten
Dokumentation
Christian Hornung
Christian Hornung
Marvin Hesse
jip film & verleih GbR