Minotaurus

05.11.2026

Wie verändert ein Land im Kriegszustand auch das Leben eines Geschäftsmannes fern abseits der Front? Meisterregisseur Andrey Zvyagintsev („Leviathan“) analysiert in MINOTAURUS mit schonungsloser Schärfe die enge Verzahnung von Politik und privatem Drama. Inspiriert wurde er hier von Claude Chabrols Klassiker „Die untreue Frau“. Kenner des Films von 1969 sind im Kino im Vorteil.

Russland, 2022: Provinz-Oligarch Gleb (Dmitriy Mazurov) lebt mit seiner jungen, schönen Frau Galina (Iris Lebedeva) und gemeinsamem Sohn in einem traumhaft an einem See gelegenen, modern eingerichteten Haus. Doch der äußere Schein von Reichtum und Eheglück trügt. Galina ist es leid, die perfekte Ehefrau zu spielen und sucht sich einen Liebhaber.

Auch in seiner Spedition steht Firmenchef Gleb vor großen Problemen. Seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine haben sich etliche Mitarbeiter ins Ausland abgesetzt, und die örtlichen Behörden verlangen aufgrund eines Beschlusses der Regierung, dass Gleb ihnen eine Liste mit 14 seiner Beschäftigten für eine „Spezialoperation“ übergibt – was heißt: Diese Männer müssen an die Front und werden den Krieg wohl nicht überleben.

Um nicht noch mehr dringend benötigte Angestellte zu verlieren, kommt Gleb – ein Mann ohne Gewissen – auf eine geniale, wahrlich zynische Idee: Zum Schein stellt er 14 Arbeitslose als „Fahrer“ ein, die aber statt auf dem Sitz hinterm Steuer im hinteren Teil eines Lastwagens landen – Richtung Westen…

Da Galina immer öfter zu spät nach Hause kommt, wird Gleb misstrauisch und engagiert einen Privatdetektiv. Der findet schnell heraus, dass Galina ihren Mann mit einem jungen Fotografen betrügt. Kurze Zeit später steht Gleb vor dessen Tür…

Regisseur Andrey Zvyagintsev und sein Kameramann Michail Kritschman zeigen mit inszenatorischer Brillanz den langsamen Verfall eines skrupellosen, aber letztendlich überforderten Mannes. Putins Angriffskrieg hat die hemmungslose Gewaltbereitschaft dieses vermeintlich angepassten Bürgers erst ermöglicht.

Hinter der langen Wartezeit auf einen neuen Film (neun Jahre nach „Loveless“) verbirgt sich eine persönliche Tragödie. Zvyagintsev: „Im Sommer 2021 erfasste mich die Pandemie, und ich kam mit einer zu 90 Prozent geschädigten Lunge auf die Intensivstation. Ich wurde umgehend in eine Klinik in Hannover gebracht und in ein künstliches Koma versetzt. Nach vierzig Tagen erwachte ich daraus, blieb aber noch mehrere Monate zur Rehabilitation in der Klinik. Ich konnte mich überhaupt nicht bewegen und spürte meine Gliedmaßen nicht. In diesem Zustand erfuhr ich vom Beginn des Krieges in der Ukraine.“

MINOTAURUS wurde aus gutem Grund nicht in Russland, sondern in Lettland gedreht. Inzwischen lebt Andrey Zvyagintsev im Exil in Frankreich.

MINOTAURUS ist 142 Minuten lang – und es passiert nicht viel. Doch man möchte keine Sekunde missen. Ein langer, böser Film!

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

Minotaur (Frankreich /Deutschland / Lettland 2026)

Länge

142 Minuten

Genre

Drama

Regie

Andrey Zvyagintsev

Drehbuch

Simon Lyashenko, Andrey Zvyagintsev, nach dem von Claude Chabrol geschriebenen und inszenierten Film "Die untreue Frau"

Kamera / Bildgestaltung

Mikhail Krichman

Darsteller

Dmitriy Mazurov, Iris Lebedeva, Boris Kudrin, Yuriy Zavalnyouk, Varvara Shmykova, Vladimir Friedman, Anatoliy Beliy, Artur Smolyaninov

Verleih

MUBI

Filmwebsite

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