Drei Kameradinnen

05.11.2026

Nach ihrem vielbeachteten und feinfühligen Debüt „Elaha“ kehrt Regisseurin Milena Aboyan mit einer ungeduldig erwarteten Romanadaption auf die Leinwände zurück. In DREI KAMERADINNEN widmet sie sich erneut komplexen Frauenbiografien, gesellschaftlichen Bruchlinien und der unerschütterlichen, aber permanent bedrohten Solidarität unter Freundinnen. Das Ergebnis ist ein hochemotionales, provokantes Stück Kino, das vor allem durch seine formale Radikalität im Gedächtnis bleibt.

Hani (Brikena Ray), Kasih (Bayan Layla) und Saya (Manal Raga a Sabit) sind seit Kindheitstagen beste Freundinnen. Nach Jahren treffen sie sich in ihrer einstigen Siedlung wieder. Eine gemeinsame Freundin heiratet. Doch am Abend der Hochzeit brennt ein Mehrfamilienhaus: ein Anschlag mit mehreren Toten und zahlreichen Verletzten. Saya wird als Hauptverdächtigte verhaftet. Linksextrem? Islamistisch? Die Akte ist dünn, die Fragen der Öffentlichkeit umso lauter. Was ist passiert und wer erzählt es wie?

Kasih versucht verzweifelt, ihrer Freundin zu helfen. Für eine TV-Reportage rekonstruiert sie ihre gemeinsame Geschichte mit Saya und sucht mit einer Journalistin (Meret Becker) den roten Faden in Erinnerungen, Fragmenten und Widersprüchen einer Geschichte dreier junger Frauen, die durch Ausgrenzung, Hass und rechten Terror zu drei Kameradinnen im permanenten Ausnahmezustand wurden.

Milena Aboyans Inszenierung wirft das Publikum mitten in die Lebenswelt dreier junger Frauen, deren Alltag von tiefen Bindungen, aber auch von den Traumata alltäglicher und struktureller Ausgrenzung einer postmigrantischen Realität geprägt ist. Aboyan wählt hierbei eine Herangehensweise, die sich wohltuend vom klassischen deutschen Betroffenheitskino abhebt. Die Dynamik zwischen den Protagonistinnen besitzt eine spürbare, fast physische Dringlichkeit. Sie fesselt emotional und reißt mit – selbst wenn das Drehbuch in einigen Passagen des Mittelteils erzählerisch etwas uneben wirkt.

Trotzdem hat mich DREI KAMERADINNEN beim Filmfest München in diesem Jahr
überzeugt, denn die kleinen dramaturgischen Hänger im Mittelteil verblassen vor dem, was Aboyan für das Finale vorbereitet hat. Das letzte Drittel entpuppt sich als filmischer Paukenschlag, der mit den Sehgewohnheiten des Publikums bricht und es kompromisslos aus seiner moralischen Komfortzone reißt. Ohne die entscheidende Wendung zu verraten: Ein einziger, perfekt platzierter filmischer Kniff demontiert die zuvor mühsam aufgebaute narrative Illusion. Er entlässt die Zuschauenden nicht mit wohlfeilen Antworten, sondern mit einem flauen Gefühl im Magen und der unbequemen Aufforderung zur kritischen Selbstreflexion.

Interessanterweise bot das Filmfest München in diesem Jahr noch eine weitere Facette von Aboyans Schaffen: In der TV-Sektion lief ihr berührendes Mutter-Tochter-Drama „Mimi und ich“. Im direkten Vergleich zeigt sich dort eine Regisseurin, die im klassischen, psychologischen Drama erzählerisch noch präziser arbeitet und emotional feingliedriger agiert. Während „Mimi und ich“ auf leisen Realismus setzt, ist DREI KAMERADINNEN das lautere, explosive formale Experiment.

DREI KAMERADINNEN ist kein perfekter Film, aber ein ungemein mutiges und konsequentes Werk. Milena Aboyan verweigert sich einfachen narrativen Mustern und liefert einen der diskussionswürdigsten Beiträge des deutschen Kinojahres. Eine nachdrückliche Empfehlung für alle, die Kino als Reibungsfläche verstehen.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

Drei Kameradinnen (Deutschland 2026)

Länge

93 Minuten

Genre

Drama

Regie

Milena Aboyan

Drehbuch

Milena Aboyan, nach dem Roman von Shida Bazyar

Kamera / Bildgestaltung

Mortimer Hochberg

Darsteller

Bayan Layla, Manal Raga a Sabit, Brikena Ray, Meret Becker, Eugene Boateng, Hadnet Tesfai, Jasmin Shakeri, David Richter

Verleih

DCM Film Distribution GmbH

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