Manche Filme erzählen von Magie, andere lassen sie auf der Leinwand entstehen. WILDWOOD gehört für mich zu jener seltenen zweiten Kategorie: Mit seinem neuen Stop-Motion-Abenteuer erschafft das Animationsstudio Laika eine fantastische Welt, deren handwerkliche Schönheit ebenso überwältigt wie ihre emotionale Tiefe. Was als Rettungsmission eines jungen Mädchens beginnt, entfaltet sich zu einem düsteren Märchen über Schuld, Zugehörigkeit und die schmerzhafte Kunst des Loslassens.
Ein kleines bisschen ist die 12-jährige Prue McKeel von ihren Eltern genervt. Die sind Kunsthandwerker und müssen für einen Tag die Stadt verlassen, um ihre Waren auf einem Kunsthandwerkermarkt zu verkaufen. Also muss Prue wieder einmal auf ihren kleinen Bruder Mac aufpassen. Dass sie mit ihm auf gar keinen Fall das Haus verlassen soll, ignoriert Prue in ihrem kindlichen Leichtsinn, bis es zur Katastrophe kommt: Plötzlich sind die beiden von einem riesigen Schwarm Krähen umgeben, die den kleinen Mac an sich reißen und mit ihm verschwinden.
Ohne zu zögern, begibt sich Prue auf eine abenteuerliche Rettungsmission in die „Undurchdringliche Wildnis“ – einen verzauberten Wald, der sich am Rande von Portland im US-Bundesstaat Oregon verbirgt und vor dem ihre Eltern sie immer wieder gewarnt haben. Gemeinsam mit ihrem etwas tollpatschigen Mitschüler Curtis entdeckt sie dort eine magische Welt voller sprechender Tiere und uralter Mächte. Doch die Suche nach Mac führt die beiden mitten in einen Konflikt, der das Gleichgewicht des Waldes bedroht. Schon bald muss Prue erkennen, dass sie nicht nur herausfinden muss, wo ihr Bruder ist, sondern auch, wem sie in dieser fremden Welt überhaupt vertrauen kann.
Stop-Motion-Filme haben mich schon immer begeistert. Von den kinderfreundlichen Aardman-Filmen aus Großbritannien mit Wallace, Gromit und dem kleinen Schaf namens Shaun bis hin zu den eher an Erwachsene gerichteten Werken des Animationsstudios Laika aus Portland, Oregon, wie beispielsweise „Coraline“: Der schiere Aufwand, solche Filme Bild für Bild entstehen zu lassen, macht mich immer wieder sprachlos. Doch was Laika mit WILDWOOD auf die Beine gestellt hat, beeindruckt mich nicht allein durch seine schiere Größe. Entscheidend ist, wie selbstverständlich diese aufwendig gebaute Welt zum Schauplatz einer Geschichte wird, deren Figuren bei all dem visuellen Detailreichtum nie aus dem Blick geraten.
Was WILDWOOD erzählerisch von typischen Animationsfilmen abhebt, ist die emotionale Reife seiner Charaktere. Prues Reise beginnt nicht mit einem klassischen Heldenruf, sondern mit einem fatalen Fehler. Sie hat das Verbot ihrer Eltern ignoriert, und nun muss ihr kleiner Bruder die Folgen tragen. Gerade dieses Missverhältnis zwischen einer unbedachten Entscheidung und ihren verheerenden Konsequenzen macht Prues Lage so beklemmend. Sie zieht nicht los, weil sie sich nach einem Abenteuer sehnt, sondern weil sie die Verantwortung für etwas übernehmen muss, dessen Tragweite sie vorher nicht begriffen hat.
Regisseur Travis Knight balanciert dieses Drama meisterhaft: Während Prue verzweifelt versucht, ihren Fehler wiedergutzumachen, enthüllt der Film nach und nach ein düsteres Geheimnis. Das ist kein schlichtes Gut-gegen-Böse-Szenario, sondern ein hochkomplexes Familiendrama im Gewand eines Fantasy-Epos.
Wie eng WILDWOOD seine fantastische Welt mit den Bedürfnissen seiner Figuren verknüpft, zeigt sich besonders an Curtis. Als Prues nerdiger, eher unauffälliger Mitschüler stolpert er unfreiwillig in dieses Abenteuer hinein. Während Prue vor allem nach einem Weg zurück zu ihrer Familie sucht, entdeckt Curtis einen Ort, an dem er erstmals das Gefühl hat, dazuzugehören. Die Banditen um ihren charismatischen Anführer Brendan bieten ihm damit mehr als Schutz: die Möglichkeit, sich jenseits seiner bisherigen Außenseiterrolle neu zu entdecken. Die Trennung der beiden Hauptfiguren über weite Teile des Films sorgt für zwei packende, parallel verlaufende Handlungsstränge, die den Blick auf diese Welt weiten und die politische Zerrissenheit von Wildwood greifbar machen.
Man spürt in jeder einzelnen Sekunde die unglaubliche, 16-jährige Entwicklungszeit und die über 1.100 Tage reiner Produktionsarbeit. WILDWOOD sprengt die Grenzen dessen, was man im Stop-Motion-Bereich bisher für möglich gehalten hat. Jedes der über 100 Sets wurde physisch erbaut, jede Jacke gestrickt und über 100.000 Gesichter für eine beispiellos nuancierte Mimik im 3D-Druckverfahren hergestellt.
Ob es die intimen, emotionalen Momente sind, in denen sich die Trauer auf Prues Gesicht abzeichnet, oder die monumentalen Massenschlachten, die in ihrer epischen Wucht fast an „Der Herr der Ringe“ erinnern: WILDWOOD bewahrt auch in seinen größten Bildern jene greifbare Körperlichkeit, die für mich den besonderen Reiz der Stop-Motion-Technik ausmacht. Gerade während der Schlachtszenen habe ich mich immer wieder gefragt: „Wie haben die das bloß gemacht?“ Dabei reißt mich dieses Staunen nie aus der Geschichte – es macht das Erlebnis nur noch überwältigender. Das Spektakel verdrängt die Figuren nicht, sondern lässt ihre Verletzlichkeit umso deutlicher hervortreten. Dario Marianellis Musik verbindet die leisen und die monumentalen Momente zu einem mitreißenden Ganzen.
Besonders stark ist, dass der Film sein Publikum ernst nimmt. Trotz einer jungen Protagonistin ist WILDWOOD kein weichgespülter Familienfilm, sondern orientiert sich an der Grausamkeit und Düsternis klassischer Märchen. Schuld und Verlust sind hier keine bloßen Stichworte, die zwischen zwei Actionszenen kurz aufgerufen werden. Sie bestimmen, weshalb die Figuren handeln und was für sie auf dem Spiel steht. Auch die fantastischen Gefahren des Waldes erhalten dadurch ein anderes Gewicht: Für Prue geht es nicht darum, ein Abenteuer zu bestehen, sondern einen geliebten Menschen zurückzubringen.
Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Jugendroman von Colin Meloy. Oberflächlich mag man WILDWOOD als Fantasy-Epos bezeichnen, doch seine eigentlichen Themen sind zutiefst menschlich: Trauer und Liebe, Festhalten und Loslassen sowie die Erkenntnis, dass die Welt so viel größer, komplizierter und schöner ist, als wir es uns jemals vorgestellt haben. WILDWOOD erzählt von Hoffnung, Mut und Angst und den unmöglichen Entscheidungen, zu denen uns das Leben manchmal zwingt.
Einen kleinen Warnhinweis muss ich allerdings noch loswerden: Curtis erinnert mich irgendwie ein wenig an Jens Spahn. Und wer diesen Vergleich einmal gehört hat, wird das Bild vermutlich nicht mehr los. Entschuldigung dafür.
Die bloße Existenz von WILDWOOD in unserer computergenerierten, schnelllebigen Bilderwelt grenzt an ein kleines Wunder. Laika liefert nicht weniger als einen Meilenstein der Animationsgeschichte ab, der für mich schon jetzt den Oscar für den besten Animationsfilm verdient hätte. Wer wissen möchte, wie echte, greifbare Kinomagie aussieht, muss diesen Film auf der größten Leinwand sehen. Für mich der beste Stop-Motion-Film überhaupt – ein absolut makelloses 5-Sterne-Meisterwerk!
Wildwood (USA 2026)
131 Minuten
Animation / Fantasy
Travis Knight
Chris Butler, nach den Büchern von Colin Meloy
Caleb Deschanel
Peyton Elizabeth Lee, Jacob Tremblay, Carey Mulligan, Mahershala Ali, Angela Bassett, Jake Johnson, Maya Erskine, Arthur Knight, Awkwafina, Jemaine Clement, Amandla Stenberg, Charlie Day, Tantoo Cardinal, Tom Waits, Richard E. Grant
Capelight Pictures Gerlach Selms GbR