Wenn ein Meister der visuellen Reduktion auf das Vermächtnis einer der düstersten Ikonen der Kriminalliteratur trifft, darf man mit Recht Großes erwarten. Mit EIN TALENT FÜRS MORDEN bringt Regisseur Anton Corbijn das psychologische Tauziehen um die legendäre Autorin Patricia Highsmith auf die Leinwand. Entstanden ist ein unterkühltes, atmosphärisches Kammerspiel, das die Grenzen zwischen literarischer Fiktion und persönlicher Realität auf faszinierende Weise verschwimmen lässt.
Seine Deutschlandpremiere feierte Anton Corbijns Psychothriller EIN TALENT FÜRS MORDEN beim herbstlichen FilmFest Hamburg, das sich in diesem Jahr von seiner sonnigen Seite zeigte. Der Abend stand dabei ganz im Zeichen eines waschechten Weltstars: Hauptdarstellerin Helen Mirren wurde hier mit dem renommierten Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet. Seit 1995 ehrt das Festival damit Persönlichkeiten, die sich in besonderem Maße um die Filmkultur verdient gemacht haben – eine Würdigung von Mirrens Lebenswerk, das sie hier um eine weitere eindrucksvolle Darstellung bereichert.
EIN TALENT FÜRS MORDEN konzentriert sich ganz auf die Spätphase im Leben der sichtlich gealterten und verbitterten Kriminalautorin Patricia Highsmith (Helen Mirren). Zurückgezogen in ihrem Schweizer Exil, geplagt von schwindender Gesundheit und einer tiefen Menschenfeindlichkeit, wird sie von ihrem New Yorker Verlag gedrängt, ein letztes großes Buch zu liefern. Doch statt einfach nur auf das überfällige Manuskript zu warten, schickt der Verlag ihr einen ehrgeizigen jungen Lektor: Edward (Alden Ehrenreich).
Was als geschäftlicher Besuch beginnt, entwickelt sich rasch zu einem packenden psychologischen Schachspiel. Edward versucht nicht nur, der kratzbürstigen Autorin ihr finales Werk zu entlocken, sondern dringt tief in die dunklen Ecken ihrer Biografie vor. Zwischen den beiden ungleichen Charakteren entbrennt ein messerscharfer verbaler Schlagabtausch, in dem zunehmend unklar wird, wer hier eigentlich die Fäden zieht.
Anton Corbijn („Control“, „The American“) setzt dabei ganz auf die Ausdruckskraft seiner Bilder. Gemeinsam mit Kameramann Robbie Ryan verwandelt er das isolierte Anwesen der Autorin in eine eigene, fast schon klaustrophobische Welt. Jede Einstellung in EIN TALENT FÜRS MORDEN ist streng komponiert, die Licht- und Schattenspiele spiegeln die moralische Zerrissenheit der Figuren wider. Corbijns charakteristisch reduzierte Bildsprache hält die bedrohliche Grundstimmung des Films durchgehend aufrecht.
Getragen wird dieses Kammerspiel von der grandiosen Chemie seiner beiden Hauptdarsteller. Helen Mirren spielt Highsmith mit einer faszinierenden Mischung aus scharfzüngiger Boshaftigkeit und spürbarer altersbedingter Fragilität. Ihr gegenüber gelingt es Alden Ehrenreich mühelos, sich zu behaupten. Sein Edward ist kein leichtes Opfer, sondern ein ebenbürtiger, manipulativer Gegenspieler. Wenn die beiden Generationen aufeinanderprallen, sprühen die intellektuellen Funken.
Trotz der starken schauspielerischen Leistungen verliert EIN TALENT FÜRS MORDEN im Mittelteil gelegentlich an Dynamik. Da die Inszenierung fast ausschließlich auf Dialoge und das räumliche Kräftemessen der Figuren setzt, drehen sich manche Argumente und Provokationen im Kreis. Das Drehbuch verlässt sich hier und da etwas zu sehr auf literarische Meta-Anspielungen, anstatt die Daumenschrauben des Thrillers noch enger anzuziehen. Eine straffere Erzählweise hätte die Spannung vor dem finalen Akt erhöht.
EIN TALENT FÜRS MORDEN ist ein hochkarätig besetztes, visuell makelloses Psycho-Duell, das vor allem vom brillanten Zusammenspiel Helen Mirrens und Alden Ehrenreichs lebt. Anton Corbijn liefert ein atmosphärisch dichtes Kammerspiel für Liebhaber gepflegter psychologischer Thriller. Auch wenn die Story zwischendurch etwas ins Stocken gerät, bleibt der Film bis zum Schluss ein cleveres Vergnügen.
A Talent For Murder (Italien / Großbritannien / Schweiz 2026)
106 Minuten
Drama / Krimi
Anton Corbijn
Joanna Murray-Smith, basierend auf ihrem Bühnenstück
Robbie Ryan
Helen Mirren, Alden Ehrenreich, Olivia Cooke, Juliet Stevenson, Bríd Brennon, James Faulkner
Tobis Film GmbH & Co. KG