Einige werden sich jetzt fragen: Ein Film über Ping Pong! Muss das sein? Die Antwort lautet eindeutig: Ja! MARTY SUPREME von Josh Safdie ist viel mehr als das: Eine weltumspannende Abenteuerkomödie, die mit Liebes- und Gangster-Dramen gespickt ist. Und Hollywood-Jungstar Timothée Chalamet, der für die Darstellung von Marty Mauser bereits einen Golden Globe in der Tasche hat, gilt auch als heißer Oscar-Anwärter.
Marty Mauser (Timothée Chalamet) ist ein Schlawiner, das bemerken wir bereits zu Beginn der hyperaktiven Geschichte von MARTY SUPREME: Als jüdischer New Yorker hat Marty natürlich Geschäftssinn. In der Lower East Side des Jahres 1952 arbeitet er als gewiefter Verkäufer im Schuhgeschäft seines Onkels Murray (Autor Larry „Ratso“ Sloman). Dort schneit auch seine Jugendliebe Rachel Mizler (Odessa A’zion) für eine schnelle Nummer im Hinterzimmer rein. Die hat aber einen eifersüchtigen Ehemann Ira (Emory Cohen). Im nun folgenden Vorspann sehen wir Spermien, die sich auf den Weg machen, untermalt mit dem Song „Forever Young“ von Alphaville. Genial!
Onkel Murray will unterdessen das natürliche Verkaufstalent Marty zum Filialleiter machen, doch der sehnt sich nach Ruhm und Anerkennung – und träumt davon, Weltmeister im Tischtennis zu werden. „Dieses Spiel füllt in Übersee große Arenen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch in den USA Stadien füllt und ich euch von einer Frühstücksflockenschachtel anschaue. Ich werde das Gesicht dieses Sports in den USA sein“, verkündet Marty großspurig. Neben der heimlichen Affäre mit Rachel ist er auch zusammen mit seinem besten Freund, dem bodenständigen und warmherzigen Wally (der US-amerikanische Rap-Superstar Tyler, the Creator, der eigentlich berüchtigt ist für seine Provokationen) in den dunklen Spielhallen der Stadt unterwegs, wo er bei Tischtennis-Wettkämpfen hohe Geldsummen gewinnt. Marty möchte an einem Turnier in London teilnehmen, daher bringt er seinen Arbeitskollegen Lloyd (Ralph Colucci) dazu, ihm das Geld aus dem Tresor seines Onkels zu überlassen.
Marty reist als Mitglied des US-amerikanischen Teams ins Vereinigte Königreich. Im Luxus-Hotel The Ritz (er wohnt dort übrigens als einziger Teilnehmer der Wettkämpfe) erspäht der Hochstapler, während er selber gerade arrogant ein Interview gibt, die einst gefeierte Filmdiva Kay Stone (Gwyneth Paltrow). Er ist sofort Feuer und Flamme! Und auch die verheiratete, ältere Frau erliegt seinem jugendlichen Charme. Die beiden haben natürlich eine heimliche Affäre. Der schwerreiche Unternehmer Milton Rockwell (gespielt vom kanadischen Unternehmer Kevin O’Leary) ist Kays Ehemann, das hat Marty blitzschnell erkannt. Neben der Liebelei erhofft er sich also durch Rockwell auch die Finanzierung seiner Reisen. In London erreicht der Ping-Pong-Crack zwar das Finale, verliert aber gegen den Japaner Endo (Koto Kawaguchi, japanischer Tischtennisspieler und nationaler Meister im Gehörlosentischtennis), einem Nationalhelden, der sein Gehör bei einem amerikanischen Luftangriff verloren hat.
Eigentlich wollte Marty ja als Champion in die Vereinigten Staaten zurückkehren, um Geschäfte mit einem orange-farbigen Tischtennisball mit der Aufschrift MARTY SUPREME zu machen. Doch nun ist er zunächst pleite und zieht vorübergehend wieder bei seiner ziemlich dominanten Mutter Rebecca (Fran Drescher, bekannt durch ihre Rolle in der 1990er-Jahre-Sitcom „Die Nanny“) ein. Doch sein Selbstvertrauen leidet nicht. So werden wir Zeuge einer ziemlich schrägen Hunde-Entführungsgeschichte, die Marty mit Unterstützung der mittlerweile hoch schwangeren Rachel durchzieht. Doch er hat wohl den Gangster Ezra Mishkin (die New Yorker Indie-Regie-Legende Abel Ferrara, stets provokant und oft kontrovers) unterschätzt.
Marty trifft nicht nur die Filmdiva Kay Stone immer wieder, auch ihr Ehemann Milton Rockwell (der ihr ein Theaterstück finanziert) kreuzt nochmal seinen Weg. Dieser möchte Martys Showtalent zur Vermarktung seiner Produkte in Japan einsetzen. Dort soll er erneut gegen Endo antreten – und: verlieren! Auch das ist von Josh Safdie (der das Drehbuch gemeinsam mit Ronald Bronstein verfasste) wirklich aberwitzig in Szene gesetzt, wie so vieles in MARTY SUPREME. Eine Kuss-Szene mit einem Schwein dürftet ihr bisher eher selten gesehen haben! In Vorbereitung auf das Schreiben des Drehbuchs recherchierte der Regisseur intensiv die reale Tischtennisszene der 1940er und 1950er. In Geschichten seines Onkels hörte er erstmals vom Lawrence’s Table Tennis Club, der als fast mythisches Zentrum der New Yorker Ping-Pong-Underground-Szene gilt – und im Film eine Schlüsselrolle spielt.
MARTY SUPREME ist lose vom Leben des amerikanischen Tischtennisspielers Marty Reisman inspiriert, die in den 1950er-Jahren spielende Geschichte ist jedoch fiktiv. Marty Reisman war in den 1950er Jahren für seine Eskapaden à la Bobby Riggs bekannt. Als junger, etwa 20-jähriger „Hai“ lockte Reisman ahnungslose Amateurspieler an und schloss hohe Wetten auf sich selbst bei Spielen im Lawrence‘s Broadway Table Tennis Club ab. Aufgrund seiner schlagfertigen Art und seiner schlanken Statur wurde er „The Needle“ (engl. für „Die Nadel“) genannt.
Der US-amerikanische Regisseur Josh Safdie, der mit MARTY SUPREME den ersten Film nach Beendigung der kreativen Zusammenarbeit mit seinem Bruder Benny abliefert (ihr letzter gemeinsamer Film war „Der schwarze Diamant“), übertrug die Hauptrolle dem US-amerikanisch-französischen Schauspieler Timothée Chalamet (der auch als Produzent eingestiegen ist). Safdie soll Chalamet bereits im Jahr 2018 auf Marty Reismans Autobiografie „The Money Player“ aufmerksam gemacht haben. Verblüfft von der äußerlichen Ähnlichkeit zwischen dem Tischtennisspieler und ihm, habe Chalamet noch im selben Jahr mit dem Sport angefangen. Insgesamt spielte der Jungstar über einen Zeitraum von sechs Jahren intensiv Tischtennis. Später ermutigte Safdie seinen Hauptdarsteller bei den Dreharbeiten dazu, einige seiner Stunts selbst zu machen. Für die Tischtennis-Szenen trainierte Chalamet monatelang mit Diego Schaaf und dem ehemaligen US-amerikanischen Olympiateilnehmer Wei Wang.
Die Besetzung von MARTY SUPREME ist wirklich hochkarätig. Neben Oscar-Anwärter Timothée Chalamet als impulsiver John McEnroe-Wiedergänger (nur halt im Tischtennis-Sport), überzeugt vor allem die Oscar-, Golden-Globe- und Emmy-Preisträgerin Gwyneth Paltrow („Shakespeare in Love“, „Die Royal Tenenbaums“) als alternde Filmdiva. Schön sie mal wieder auf der großen Leinwand zu sehen. Zuletzt haben wir sie vor allem als Hausmütterchen auf Social Media wahrgenommen, während Ex-Mann Chris Martin auf Stadion-Tour mit Coldplay unterwegs war – und Töchterchen Apple als Model Karriere macht. Dies ist ihre erste Kinorolle seit „Avengers: Endgame“ (2019).
Die US-amerikanisch-deutsche Schauspielerin Odessa A’zion (“Until Dawn“, „Hellraiser – Das Schloss zur Hölle“) ist wirklich grandios als Martys Freundin Rachel. Ihre Großeltern väterlicherseits sind übrigens der Film- und Fernsehregisseur Percy Adlon und die Produzentin Eleonore Adlon, mütterlicherseits ist ihr Großvater der Drehbuchautor, Produzent und Schauspieler Don Segall. Sie hat das Talent also bereits in die Wiege gelegt bekommen. Nachdem A’zion bisher vor allem in TV-Serien („Nashville“, „Fam“, „Ghosts“) glänzte oder sich als Synchronstimme in der Animationsserie „The Tiny Chef Show“ etwas Geld dazu verdiente, gilt sie jetzt als angesagte Newcomerin in Hollywood. Dass ausgerechnet Tyler, the Creator (im Abspann mit seinem bürgerlichen Namen Tyler Okonma gelistet) als ruhender Gegenpol zur unbändigen Energie der Titelfigur agiert, ist wirklich erstaunlich. Doch der HipHop-Star macht das gut.
Der vielseitige Timothée Chalamet („Call Me by Your Name“, „Dune“) ist als Marty Hauser beileibe kein Sympathieträger in MARTY SUPREME, doch gerade das macht diese Rolle so spannend. So muss sich der Holocaust-Überlebende und frühere Weltmeister Béla Kletzki (Géza Röhrig), den Marty bei den Tischtennisturnieren kennenlernt, zunächst so manchen Spruch des jüdischstämmigen Psychopathen anhören. Doch dann entsteht ein freundschaftliches Band zwischen den beiden, die schließlich bei der Showtruppe Harlem Globetrotters anheuern. Die deutsche Tischtennislegende Timo Boll hat übrigens in der Rolle von Vladimir Sebek einen Cameo-Auftritt.
Die Filmmusik für MARTY SUPREME komponierte Daniel Lopatin (wie bereits für „Good Time“ und „Der schwarze Diamant“ von den Safdie-Brüdern). Lopatin, auch bekannt als Oneohtrix Point Never, verschmilzt dabei eine neoklassische Orchestrierung und Chöre mit flirrenden Flötenmotiven sowie Synthie-Pop der 1980er-Jahre. „Zuerst war da das Geräusch der Ping-Pong-Bälle“, erzählt Lopatin. „Sie klangen wie kleine Schlegel, die fröhliche, polyrhythmische Melodien erzeugen. Dann kam die Idee, eine Musik zu schreiben, die Martys Herzschlag spürbar macht – die Energie eines Traums, der noch nicht erfüllt ist.“ Neben Musik, die die Atmosphäre der 1950er Jahre unterstützt, verwendet der Film genialerweise auch anachronistische Musik wie etwa „Everybody Wants To Rule The World“ von Tears For Fears, „I Have The Touch“ von Peter Gabriel oder „Bizarre Love Triangle“ von New Order. Die zwei LPs umfassende Veröffentlichung des Soundtracks auf Vinyl ist für den 13. März 2026 geplant.
Einem Bericht des amerikanischen Branchendienstes Variety zufolge betrugen die Produktionskosten von MARTY SUPREME 60 bis 70 Millionen US-Dollar. Dies würde den Film zur bis dahin teuersten Produktion von A24 machen. Doch: Das atemberaubende Tischtennis-Epos hat schon vor dem deutschen Kinostart mehr als 150 Millionen Dollar an den Kinokassen eingespielt. Nach Einnahmen ist es also auch der bisher erfolgreichste Film von A24. Das Werk wurde Anfang Oktober 2025 im Rahmen des New York Film Festivals uraufgeführt. Und zwar als unangekündigte Sondervorführung im Beisein von Josh Safdie und Timothée Chalamet in der Alice Tully Hall. Genauso überraschend wie der Film selber also!
MARTY SUPREME ist ein hoch gehandelter Oscar-Kandidat 2026 mit Nominierungen in neun Kategorien: Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, Bestes Drehbuch, Beste Kamera, Bester Schnitt, Beste Kostüme, Bestes Szenenbild und Bestes Casting. David Ehrlich vom Online-Branchendienst IndieWire stellte das Ping-Pong-Drama auf eine Stufe mit Paul Thomas Andersons Kritiker-Erfolg „One Battle After Another“ – und nannte ihn in Anlehnung daran „One Paddle After Another“. Ein ähnlich wilder Ritt ist Safdies Werk allemal. Außerordentlich mitreißend trotz 150 Minuten Spiellänge. Und für Chalamet („Bones And All“) ist dies der bisherige Karriere-Höhepunkt – sein erster Oscar scheint programmiert zu sein!
Der Ton, die pulsierende Musik und der Schnitt (Ronald Bronstein, Josh Safdie) sind state-of-the-art. Und die Kamera des legendären Franzosen Darius Khondji („Delicatessen“, „Sieben“, „Evita“, „Der schwarze Diamant“) fängt viril die schräge Odyssee des Marty Mauser ein. Gedreht wurde auf 35mm-Film mit Arriflex-Kameras und Vintage-Anamorphoten. MARTY SUPREME ist eine nahezu körperliche Erfahrung, die in den Bann zieht. Die geradezu manische Hektik fesselt. „Immer in Bewegung bleiben“ könnte ein Lebensmotto von Marty sein. Cineasten werden sogar Parallelen zu Ken Jacobs’ Doku-Kurzfilm „Orchard Street“ von 1955 entdecken: Die erste filmische Arbeit des Avantgarde-Regisseurs ist ein Dokument der pulsierenden jüdischen Nachbarschaft Manhattans, in der Jacobs aufwuchs. Auch Josh Safdie wuchs in New York auf und ist Jude. Timothée Chalamet ist ebenso gebürtiger New Yorker.
Der etwas andere Sportfilm MARTY SUPREME ist wahnsinnig aufregend, aber strapaziert auch die Geduld der Zuschauenden mit seiner inhärenten Stakkato-Hektik. Der Sprachrhythmus von Chalamet („Like A Complete Unknown“) ist ebenso hyperaktiv. Er zeigt auch vollen körperlichen Einsatz. Das kann schon hart nerven! Doch der Stilwille von Safdie ist absolut bemerkenswert – und seine Inszenierung strotzt nur so vor Selbstsicherheit. Genauso wie der schamlose Marty Hauser, der mit einer an Penetranz grenzenden Beharrlichkeit allen beweisen will, dass er der beste Tischtennisspieler der Welt ist. Der notorische Lügner sieht sich selbst als „das ultimative Produkt von Hitlers Niederlage“. Wird er in dieser aberwitzigen Groteske voller schräger Wendungen eine Läuterung erfahren?
Marty Supreme (USA 2025)
150 Minuten
Biographie / Drama
Josh Safdie
Josh Safdie, Ronald Bronstein
Darius Khondji, AFC, ASC
Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A'Zion, Tyler Okonma, Fran Drescher, Kevin O'Leary, Abel Ferrara, Koto Kawaguchi
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