DER SALZPFAD beruht auf einer wahren Geschichte, die gerade jetzt zum Kinostart in Deutschland in Teilen öffentlich angezweifelt wird. Wir erleben Gillian Anderson und Jason Isaacs als Raynor und Moth Winn, ein Ehepaar in den Fünfzigern, das alles verliert und aus der Not heraus über 1.000 Kilometer entlang der wunderschönen, aber rauen Küste Südwestenglands wandert.
Filme über das Wandern gibt es zur Genüge: „Picknick mit Bären“ (2014), „Der große Trip – Wild“ (2014), „Ich bin dann mal weg“ (2015), „Edie“ (2017), „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ (2023), „Auf dem Weg“ (2023), „Mein Weg – 780 km zu mir“ (2024). Der Ansatz ist hier mal ein etwas anderer: Völlig unvorbereitet beginnt das Ehepaar aus einer Notlage heraus seine Wanderung. Der Hof der beiden ist zwangsgeräumt worden und sie sind nun quasi obdachlos. Mit einer Campingausrüstung und dem letzten Geld in der Tasche machen sie sich auf den Weg.
In einer Rückblende teilt ein Arzt ihnen mit, dass Moth an einer seltenen Krankheit namens CBD (Kortikobasale Degeneration) leide. Er erklärt, dass die Krankheit nicht operabel sei und man ihnen lediglich Palliativversorgung anbieten könne. Trotzdem quält Moth sich durch die ersten Etappen des South West Coast Path. DER SALZPFAD wird also beschritten und macht landschaftlich ordentlich was her: sumpfiges Gelände, Wald, Strand, Flüsse, Berge und Felsformationen.
DER SALZPFAD ist nicht nur ein Film übers Wandern, sondern vor allem ein Beitrag zum Thema Resilienz, das seit der Pandemie an Relevanz gewonnen hat. Das Ehepaar Winn verliert das Dach über dem Kopf – und macht einfach weiter! Der Weg ist das Ziel. Anfangs begehen die beiden natürlich typische Fehler (falsches Schuhwerk, zuviel Gewicht im Rucksack), aber bald werden sie eins mit der Natur. Sie trotzen Regen, Wind und auch der Flut. Moth setzt seine Tabletten ab, was tatsächlich seinen Zustand verbessert.
Das Geld geht zur Neige, der Hunger nagt an ihnen. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Inspiriert von Simon Armitages Buch „Zu Fuß vom Minehead nach Lands‘ End“, das er in einer Schaufensterauslage sieht, stellt sich Moth auf einen Dorfplatz im Hafen und liest aus „Beowulf“ vor (das er als Lektüre mit auf die Wanderung genommen hat) – Ehefrau Ray geht mit dem Hut herum und sammelt Geld. Sie kümmern sich um eine Landstreicherin, werden zeitweilig von einer Kommune aufgenommen und kommen dabei ihrem Ziel so immer näher.
Regisseurin Marianne Elliott liefert in ihrem Kinodebüt fast zu schöne Postkartenansichten, doch Hollywoodstar Gillian Anderson („Akte X“) und Jason Isaacs (überzeugte fünfmal als Lucius Malfoy in der „Harry Potter“-Filmreihe) spielen erfrischend uneitel: Wir nehmen ihnen ab, dass sie gemeinsam durch dick und dünn gehen. Die renommierte britische Drehbuchautorin Rebecca Lenkiewicz („She Said“, „Colette“), die zuletzt ihr Regiedebüt „Hot Milk“ ablieferte, versteht es geschickt, den Erfahrungsbericht-Bestseller DER SALZPFAD von Raynor Winn filmisch zu gestalten. Und die Bilder von Hélène Louvart verfehlen ihre Wirkung nicht.
Was die Betrugsvorwürfe gegen die Autorin angeht: Recherchen von The Observer (UK) zeigen, Winns angeblich wahre Geschichte könnte teilweise erfunden sein. Das wäre zwar schade, doch der Filmgenuss von DER SALZPFAD wird dadurch in seiner Qualität nicht geschmälert.
The Saltpath (Großbritannien 2023)
116 Minuten
Drama
Marianne Elliott
Rebecca Lenkiewicz
Hélène Louvart, AFC
Gillian Anderson, Jason Isaacs, Rebecca Ineson, Tucker St Ivan,y Angus Wright, Hermione Norris, Gwen Currant
DCM Film Distribution GmbH