Winter in Sokcho

05.02.2026

Aus ganz persönlichen Gründen erzählt der französisch-japanische Regisseur Koya Kamura von einer Begegnung im WINTER IN SOKCHO, einer kleinen Stadt am Meer in Südkorea.

Das kleine Städtchen Sokcho im Nordosten von Südkorea am Japanischen Meer ist vor allem bei Touristen als Ausgangspunkt zum nahegelegenen Seoraksan-Nationalpark beliebt. Im Winter hingegen sind die Einheimischen so gut wie unter sich. Kein Wunder also, dass der Franzose Yan Kerrand (Roschdy Zem) in der Pension der 23-jährigen Soo-Ha (Bella Kim) für Aufmerksamkeit sorgt. Der verschlossene Comiczeichner hat sich nach Sokcho zurückgezogen, um an seinem neuen Werk zu arbeiten. Wie gut, dass Soo-Ha fließend Französisch spricht, so ist sie geradezu auserkoren, sich um den Fremden zu kümmern.

Für Soo-Ha ist der neue Gast eine willkommene Abwechslung zu ihrem Leben, dass sich eigentlich nur zwischen der Pension, ihrer Mutter, die als Fischhändlerin arbeitet und ihrem Freund Jun-oh (Doyu Gong) abspielt. Doch Yan Kerrand scheint in Soo-Ha noch mehr zu wecken als reine Gastfreundschaft. Sie beginnt, ihn zu beobachten und ganz langsam knüpfen die beiden eine fragile Verbindung…

2016 erschien der Roman WINTER IN SOKCHO Elisa Shua Dusapin, der mit dem Robert-Walser-Preis und dem Prix Régine Déforges ausgezeichnet wurde. „Als ich das Buch las, spürte ich eine tiefe und nuancierte Verbindung zur Hauptfigur und zur Welt der Autorin. Diese Chemie verstärkte sich noch, als ich Elisa kennenlernte, während ich die Geschichte in ein intimes Werk umsetzte, das mein eigenes Leben widerspiegelte“, so der Regisseur Koya Kamura, der in Paris geboren und aufgewachsen ist. Seine Mutter ist Französin, sein Vater Japaner, was dazu führte, dass er sich zu keiner der beiden Kulturen je zugehörig fand und seine eigene Identität um diese „Originalität“ herum aufgebaut hat.

In WINTER IN SOKCHO geht es in erster Linie um das Finden der eigenen Identität. Auch die Protagonistin steht diesbezüglich zwischen den Stühlen. Ihr französischer Vater blieb für sie immer ein Geheimnis, eine quälende Abwesenheit. Der Besuch des französischen Gastes erweckt in ihr eine Art Bedürfnis, dieser unbekannten Seite ihres Wesen endlich nachzugehen.

Während in den ersten Momenten ihrer Begegnung irgendwie die Vermutung im Kinosaal hängt, wir hätten es erneut mit einem Film zu tun, in dem sich eine junge Frau in einen mindestens doppelt so alten Mann verliebt, löst sich dieser Gedanke zum Glück sehr schnell in Luft auf – auch wenn sich vielleicht trotzdem eine winzig kleine Verliebtheit in der Raumlauft verfängt. Doch der Regisseur, der zusammen mit Stéphane Ly-Cuong auch das Drehbuch geschrieben hat, thematisiert das nicht. Im Gegenteil, er konzentriert sich voll und ganz auf seine Figuren und ihre Suche nach der eigenen Identität.

Auf diesem Weg lässt Kamura seine Figuren immer wieder aufeinander stoßen, aber meist genau so schnell wieder voneinander entfernen. In zarten, äußerst feinen Dialogen finden die beiden geschundenen Seelen langsam zueinander. das still und leise mitzuverfolgen, ist ein großes Geschenk für die Zuschauer. Die wunderschönen Bilder der Kamerafrau Élodie Tahtane des verschneiten und leeren Sokchos unterstreichen das auf ganz wundersame Art und Weise.

Kamura widmet sich in WINTER IN SOKCHO aber noch einem weiteren Thema, der Schönheitschirurgie, die in Südkorea ein echtes Phänomen ist. Soo-Has Freund, der als Model tätig ist und vom Umzug in die große Stadt Seoul träumt, verlangt von seiner Freundin, dass sie sich letztendlich operieren lassen müsse, sollte sie ihm folgen wollen, um den Schönheitsidealen zu entsprechen. Doch in Soo-Ha wachsen Zweifel, dass das ihrer Suche nach ihrem wahren Ich behilflich sein würde.

Mit WINTER IN SOKCHO ist Koya Kamura ein ruhiger, fast schon elegischer Film gelungen, der das Gefühl der fehlenden Zugehörigkeit in traumhafte Bilder taucht und den Zuschauer mit auf eine unvergessliche Reise nimmt.

Trailer

ab12

Originaltitel

Hiver à Sokcho (Frankreich 2024)

Länge

105 Minuten

Genre

Drama

Regie

Koya Kamura

Drehbuch

Koya Kamura, Stéphane Ly-Cuong, nach dem Roman von Elisa Shua Dusapin

Kamera / Bildgestaltung

Élodie Tahtane

Darsteller

Bella Kim, Roschdy Zem, Mi-Hyeon Park, Tae-Ho Ryu, Doyu Gong, Kyung-Soon Jung

Verleih

Film Kino Text – Jürgen Lütz eK

Filmwebsite

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