Um die volle kreative Kontrolle über sein Tourette-Drama VERFLUCHT NORMAL zu behalten, hat der Autor und Regisseur Kirk Jones sein Haus verkauft – und das hat sich gelohnt…
In den frühen 1980er-Jahren wächst der junge John Davidson (Scott Ellis Watson) in der schottischen Kleinstadt Galashiels auf. Im Alter von zwölf Jahren entwickelt er plötzlich seltsame Tics, die immer heftiger ausfallen. Doch zu diesem Zeitpunkt ist über das Tourette-Syndrom nur wenig bis gar nichts bekannt – schließlich wird die Krankheit bei John erst drei Jahre später diagnostiziert.
Mit Mitte 20 lebt John (jetzt: Robert Aramayo) immer noch bei seiner Mutter, denn die starken Nebenwirkungen der Medikamente, auf die er angewiesen ist, machen ein normales Leben fast unmöglich. Als er zufällig seinem ehemaligen Schulfreund Murray (Francesco Piacentini-Smith) begegnet, verändert sich sein Leben grundlegend. Denn Murrays Mutter Dottie (Maxine Peake) ist Krankenschwester und die erste Person, die John so akzeptiert, wie er ist. Sie nimmt ihn in ihre Familie auf und bringt ihm bei, mit der Krankheit zu leben. Doch nicht nur das: Sie beschafft ihm auch einen Job im Gemeindezentrum, wo er den Hausmeister Tommy (Peter Mullan) unterstützen soll. Auch wenn das Vorstellungsgespräch anders verläuft, als John es sich ausgemalt hatte, findet John hier nicht nur einen Job, sondern so etwas wie Freundschaft und Anerkennung. Und plötzlich ist die Vorstellung, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, gar nicht mehr so weit entfernt. John erkennt aber auch, wie wichtig seine Erfahrungen für andere sind…
Es gibt eine goldene Regel für Filmemacher, die man nicht brechen sollte: Niemals das eigene Geld in einen Film investieren. Doch der Drehbuchautor und Regisseur Kirk Jones („Lang lebe Ned Devine“, „My Big Fat Greek Wedding 2“, „Eine zauberhafte Nanny“) hat genau damit gebrochen. Zusammen mit seiner Frau verkaufte er ihr gemeinsames Haus, um die volle kreative Kontrolle zu behalten. Ansonsten wird eine solche Geschichte im Laufe der Zeit immer weiter verwässert, wie mir Jones im Interview verriet, das ich mit ihm im Rahmen der Kinotour zum Kinostart in Hamburg führen durfte.
Auf die wahre Geschichte von John Davidson stieß Jones bereits 1989 über die Dokumentation „John‘s Not Mad“. Über Jahrzehnte verfolgte er dessen Geschichte weiter, bis er ihn vor vier Jahren fragte, ob John es sich vorstellen könnte, sein Leben zu verfilmen. John zögerte, schließlich war er es gewohnt, dass Filmemacher mit dem Thema Tourette anders umgingen, als es ihm lieb war. Meistens ging es nur darum, die Tics für ein paar Lacher zu nutzen und sich über die Tourette-Betroffenen lustig zu machen. Kirk Jones hingegen verfolgte ein anderes Ziel: Er wollte Johns Geschichte ehrlich erzählen, anstatt ihn durch eine Manege zu zerren. Also versprach er ihm, alle 20 Seiten seine Drehbuchversionen zu schicken und auf seine Einwände einzugehen. Außerdem machte er ihn zum Produzenten, sodass John immer ein Mitspracherecht hatte.
Ich hatte John versprochen, dass er den Film als Erster sehen würde. Und sollte ihm irgendetwas daran nicht gefallen, würde ich alles in meiner Macht tun, um das zu ändern.
Kirk Jones im Interview mit nochnfilm.de
Johns Vertrauen in Kirk Jones sollte sich auszahlen: Herausgekommen ist ein beeindruckender, zutiefst menschlicher, aber auch lustiger Film. Zu keinem Zeitpunkt – nicht einmal ansatzweise – lacht VERFLUCHT NORMAL über seinen Protagonisten, sondern immer nur mit ihm.
In einer kleinen Nebenrolle ist der wunderbare Peter Mullan als Hausmeister des Gemeindezentrums zu sehen. Eine absolute Idealbesetzung, schließlich verkörpert Mullan für mich genau das, was ich bei meinen vielen Schottland-Besuchen immer wieder selbst erleben durfte: die raue Herzlichkeit der Schotten, verbunden mit einer unbändigen Loyalität. In seiner Karriere hat Mullan viele solcher Figuren gespielt, u. a. im Film „Hector“ der es leider von der Insel niemals zu uns geschafft hat. Auch wenn Peter Mullan nur für drei Drehtage zur Verfügung stand – und dabei auch noch auf einen Großteil seiner Gage verzichtet hat –, ist seine Figur ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt in Johns Leben. Davon zeugt auch eine der schönsten Szenen im Film, in der Mullan vor Gericht eine Aussage zugunsten von John macht und dem Gericht deutlich macht, warum Johns Tics nur echt sein können.
Dass Johns Reise ihn irgendwann sogar bis zur Queen führen würde, die ihn für seine Verdienste zum „Member of the Order of the British Empire“ (MBE) ernannte, klingt fast zu filmreif, um wahr zu sein. Aufgrund seiner neurologisch bedingten, unkontrollierbaren Tics rief er während der Zeremonie laut „F*** the Queen“. Die Queen reagierte gelassen, lächelte und signalisierte volles Verständnis für seine Erkrankung.
VERFLUCHT NORMAL hebt sich deutlich von anderen Filmen zum Thema Tourette ab, das hatte ich bereits eingangs erwähnt. Größtenteils dürfte sich das mit der Arbeits- und Herangehensweise von Kirk Jones begründen. Nicht auszudenken, welchen Film wir zu sehen bekommen hätten, wenn sich Studio-Bosse und andere Geldgeber in den Entstehungsprozess eingemischt hätten. Schließlich bekommen wir viel zu selten ein solch geerdetes, menschliches und herzliches Werk zu sehen.
Für Jones und sein Team hat sich die ganze Mühe bereits ausgezahlt. Bei den diesjährigen BAFTAs (British Academy Film & Television Awards“ wurde VERFLUCHT NORMAL gleich mit drei Preisen bedacht. Hauptdarsteller Robert Aramayo erhielt die Auszeichnung als bester Hauptdarsteller und gleichzeitig den EE Rising Star Award, während Lauren Evans für das beste Casting geehrt wurde. Auch bei Vorabvorführungen zeigte sich das Publikum in Deutschland mehr als begeistert. So erhielt VERFLUCHT NORMAL beispielsweise von den Besuchern der „Sneak Preview“ im Hamburger Passage-Kino die beste Wertung seit Jahren.
Dass VERFLUCHT NORMAL seine Produktionskosten in Großbritannien und Irland bereits wieder eingespielt hat, dürfte viele Menschen freuen, am meisten aber mit Sicherheit Kirk Jones und seine Frau. Und wir freuen uns einfach über einen der schönsten Filme, die in diesem Jahr in unsere Kinos kommen.
Im Rahmen der Kinotour durfte ich in Hamburg mit dem britischen Regisseur Kirk Jones über seinen neuen Film VERFLUCHT NORMAL (I SWEAR) sprechen.
I Swear (Großbritannien 2026)
121 Minuten
Biographie / Drama
Kirk Jones
Kirk Jones
James Blann
Robert Aramayo, Maxine Peake, Peter Mullan, Shirley Henderson, Scott Ellis Watson, Francesco Piacentini-Smith, Steven Cree
Wild Bunch Germany GmbH