Filme über den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sind immer erschütternd. Doch mit einer so schonungslosen Radikalität hat selten ein Regisseur dieses schreckliche Thema filmisch so umgesetzt wie jetzt Timo Jacobs in TOD MEINER JUGEND. Er erzählt hier den unvorstellbaren, aber wahren (!) Leidensweg von Kai Peter, der in den 1980er-Jahren durch die Hölle ging. Dabei hilft es uns Zuschauern nur wenig, dass wir keine der monströsen Taten zu Gesicht bekommen – denn unsere Fantasie „sitzt“ mit im Kinosaal.
Das Radikale an TOD MEINER JUGEND ist, dass Timo Jacobs diese Leidenspassion indirekt mit fragmentarischen Rückblenden inszeniert – als Puzzle einer jahrelangen, nie enden wollenden Tortur einer geschundenen Kreatur. Der erwachsene Kai Peter hatte das damalige Geschehen – typisch für Traumatisierte – verdrängt. Erst bei der Rückkehr in seine Heimatstadt bricht alles aus ihm heraus.
2024 zieht Kai (Regisseur Timo Jacobs in der Hauptrolle) mit seiner Frau Meli (Nadeshda Brennicke) und dem 15-jährigen Sohn Silas (Silas Peter spielt sich selbst) in das leerstehende alte Haus seiner Großeltern. Er übernimmt die Hausmeisterstelle seiner alten Schule, in die jetzt Silas geht. Kais erster Schritt führt ihn zum örtlichen Baumarkt, wo er einen der Kunden als einen der vielen Peiniger von einst erkennt. Er beleidigt ihn und greift ihn tätlich an. Doch gegenüber seiner Frau und seinem Sohn will er sein scheinbar unerklärliches Verhalten nicht offenbaren.
Als er wegen Schmerzen im Anus-Bereich einen Arzt (Detlev Buck) aufsucht und der ihm am nackten Hintern leicht berührt, rastet Kai völlig aus. (Zugegeben: Diese Szene ist symbolisch allzu plakativ überzogen.) Immerhin: Dieser Ausraster setzt einen Erinnerungsprozess in Gang – und die Rückblenden beginnen…
Der neunjährige Kai (Milo Eisenblätter) wird von seiner Mutter Jessica (Sarah Bauerett) liebevoll gebadet. Doch der Schein trügt: Man sieht deutlich große Hämatome auf seinem Rücken. Wenig später fasst Kai den Mut und beichtet einer Jugendamtsmitarbeiterin das unvorstellbare Geschehen im nächtlichen Wohnzimmer seiner Mutter. Was wirklich geschah, erfahren wir Zuschauer erst gegen Ende des Films.
Kai landet im Kinderheim – und wird gleich am ersten Abend von seinen deutlich älteren Zimmergenossen brutal vermöbelt. Und auch der Heimleiter führt Böses im Schilde. Jahre später knüpft Kai (Kadri Roshi) als schüchterner Teenager zarte Bande zum Heimmädchen Martina (Ninel Geiger) – doch die junge Liebe wird jäh zerstört, als der Azubi Kai von seinem Chef Klaus (Joscha Baltha) mit K.o.-Tropfen betäubt und vergewaltigt wird. Und diesen Klaus trifft er Jahrzehnte später wieder – im Baumarkt.
Eine Nebenhandlung erscheint auf den ersten Blick ziemlich bizarr: Meli schlägt ihrem Mann vor, neben dem ungeliebten Beruf des Hausmeisters es doch mal als Stand-up-Comedian zu versuchen – „du hast Potenzial“. Und so nimmt sich Kai einen Coach (Sascha Alexander Geršak) und legt los. Doch schon sein erster Satz entlockt dem Gegenüber nur ein müdes Grinsen: „Mein Name ist Kai wie Ei und Peter wie Petersilie.“ Aua! Doch Kai nutzt die Sitzungen als Therapie, und sein erster öffentlicher Auftritt wird zur verblüffenden Katharsis…
Der Regisseur, der mit Daniel Jaro und Sophie Reyer auch das Drehbuch verfasst hatte, verweigert sich jeglicher Fernsehdramaturgie und -ästhetik. TOD MEINER JUGEND ist ein kleiner Film im Schmuddel-Look und dabei formal extrem ambitioniert. Arthouse-Unerfahrene werden wohl ihre Probleme bekommen – alle anderen werden nach diesem filmischen Martyrium begeistert und erschöpft den Saal verlassen. Wie hat Kai Peter, den wir am Ende zu Gesicht bekommen, das alles überlebt?
Tod meiner Jugend (Deutschland 2025)
90 Minuten
Drama
Timo Jacobs
Timo Jacobs, Daniel Jaro, Sophie Reyer
Manuel Ruge
Nadeshda Brennicke, Timo Jacobs, Silas Peter, Sarah Bauerett, Sascha Geršak, Milo Eisenblätter, Oliver Szerkus, Ninel Geiger, Detlev Buck, Barbara Philipp, Susanne Wuest, Natalia Avelon, Katy Karrenbauer, Julius Feldmeier, Daniel Sellier, Rebecca Pap, Burak Yigit, Carsten Stahl, Dominic John Brandl, Lisa Katrina Mayer, Joscha Baltha, Attila Georg Borlan, Cynthia Buchheim, Ruby Commey, Romy Sukiennik, Oskar Weiß, Oskar Altschiller, Florian Kleine, Daniel Luis, Lionel Hesse, Nicolai Tegeler
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