Titane

Kinostart: 07.10.2021

ab16 OT: Titane (Frankreich 2021)
Länge: 108 Minuten
Genre: Horror / Thriller / Drama
Regie: Julia Ducournau
Drehbuch: Julia Ducournau
Darsteller: Vincent Lindon, Agathe Rousselle, Garance Marillier, Lais Salameh
Verleih: Koch Films GmbH

Als Jury-Präsident Spike Lee bei der Abschlussveranstaltung des Cannes-Festivals die Goldene Palme bekanntgab, waren nicht wenige im Saal geschockt. Mit TITANE von Julia Ducournau gewann ein mehr als bizarrer Horror-Thriller den Hauptpreis. Nur langsam wich das Entsetzen der Erkenntnis, hier ganz großes, ungewöhnliches Kino gesehen zu haben. TITANE, erst der zweite Spielfilm der Französin Ducournau, lässt niemanden kalt – diese 108 Minuten sind (im positiven Sinn) eine Zumutung, hier liegen bei jedem Zuschauer die Nerven blank. Um mich nicht falsch zu verstehen: Dies ist kein widerliches Folter-Spektakel à la „Saw“, sondern intellektuelles, aufrüttelndes Kino der Zukunft. Film-Experten sehen natürlich sofort die Nähe zu David Cronenbergs „Crash“ von 1996: die Verzahnung von Sex, Autos und der Lust zur Selbstaufgabe. Dadurch erhält man wenigstens ein Gefühl von cineastischer Bodenhaftung – ehe man sich in den Abgründen dieses Albtraums verliert.

Als Kind lenkt Alexia ihren Vater am Steuer derart ab, dass dieser einen Unfall baut. Mit schweren Kopfverletzungen überlebt das Mädchen nur knapp. Ihr Vater, ein Chirurg, setzt seiner Tochter höchstpersönlich eine Schädelplatte aus Titan (!) ein – mit weitreichenden Folgen. Jahre später arbeitet die erwachsene Alexia (Agathe Rousselle) als laszive Tänzerin auf Automessen, wobei sie sich leicht bekleidet zu heißer Musik auf den Kühlern der Luxuslimousinen räkelt. Doch sobald ein Mann oder eine Frau zudringlich wird, rammt sie ihm oder ihr ihre Haarnadel brutal ins Ohr – mit tödlichen Konsequenzen. Zu guter Letzt hat sie Bondage-Sex mit einem Luxusauto, wobei uns die Regisseurin die anatomischen Details erspart. Wir müssen dies einfach glauben!

Als das Phantombild der Mehrfach-Mörderin die Runde macht, wechselt Alexia kurzerhand ihre Identität. Mit kurzgeschnittenen Haaren gibt sie vor, der vor zehn Jahren spurlos verschwundene Sohn des Feuerwehrmannes Vincent (Vincent Lindon) zu sein. Dieser akzeptiert dessen Wiederauftauchen – wobei bis zum Schluss unklar bleibt, ob er dies glaubt oder nur glauben will. Alexia wird als junger Mann in Vincents Brigade aufgenommen – sehr zum Unwillen der Kollegen. Als sie merkt, dass sie schwanger ist, muss sie jeden Morgen ihren Brüste und ihren Bauch umständlich abschnüren, was jeden Tag schwieriger wird. Sie hilft „ihrem“ Vater, der sich jeden Morgen Hormone in den Allerwertesten spritzt, um als alternder Mann trotzdem fit zu bleiben. Diese merkwürdige Symbiose der beiden Menschen prägt die zweite Hälfte des Films – bis zur Geburt, die wohl für alle ein Schock sein wird.

Niemand, der nach TITANE aus dem Kinosaal ins Tageslicht oder in den Abendhimmel zurückkehrt, wird danach der Gleiche sein. Diese extreme Grenzerfahrung hinterlässt bei jedem von uns Spuren. Hier beweist eine mutige Französin, was in der Kinokunst heutzutage möglich ist. Dabei bietet uns Julia Ducournau keine einfachen Lösungen an. Ihr Film ist mehrdeutig und kaum entschlüsselbar. Jede große Kunst will das Chaos der Welt abbilden – und TITANE schafft genau das. Dass Vincent Lindon ein grandioser Schauspieler ist, wissen wir seit Jahren. An seiner Seite erleben wir das Debüt von Agathe Rousselle: Sie ist sensationell! Ein Film des Jahres!

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