Hinterland

Kinostart: 07.10.2021

ab16 OT: Hinterland (Österreich / Luxemburg / Belgien 2021)
Länge: 99 Minuten
Genre: Thriller
Regie: Stefan Ruzowitzky
Drehbuch: Robert Buchschwenter, Hanno Pinter, Stefan Ruzowitzky
Darsteller: Murathan Muslu, Liv Lisa Fries, Maximilian von der Groeben, Marc Limpach, Matthias Schweighöfer
Verleih: SquareOne Entertainment GmbH

Der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky ist nun wirklich kein Unbekannter. Für sein KZ-Drama „Die Fälscher“ erhielt er 2008 den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film. Sein neuestes Werk HINTERLAND ist wohl das Merkwürdigste, was man in diesem Jahr auf der großen Leinwand zu sehen bekommt. Der erste Eindruck: Alles ist schief! Als Vorbild diente dem Regisseur einer der berühmtesten Stummfilme: „Das Kabinett des Dr. Caligari“ (1920) von Robert Wiene, der Deutschland auf einen Schlag im Weltkino platzierte. Dieses expressionistische Drama mit Werner Krauß und Conrad Veidt spielt komplett in gemalten schiefen Kulissen – damals eine Sensation. Die psychologischen Befindlichkeiten der Personen rein visuell durch nicht realistische Gebäude darzustellen, war damals ein Geniestreich. Kann man das wiederholen?

Wien, 1920: Der Kriminalkommissar Peter Perg (Murathan Muslu) kommt nach jahrelanger russischer Kriegsgefangenschaft zurück in seine Heimatstadt. Er bringt seine verarmten Kriegskameraden in einem Obdachlosenasyl unter und findet seine Villa verlassen vor – seine Frau ist mit dem gemeinsamen Kind aufs Land gezogen. Bei der Polizei wird er von seinem arroganten Chef und dem jungen selbstherrlichen Kommissar Paul Severin (Max von der Groeben) eher unwillig aufgenommen. Ganz Wien sucht nach einem Serienmörder – und Peter Perg stört da nur. Allein die resolute Gerichtsmedizinerin Theresa Körner (wieder mal grandios: Liv Lisa Fries) glaubt daran, dass nur Perg den Fall lösen kann. Denn die Opfer sind seine Kriegskameraden – und der Schlüssel liegt im fernen Kriegsgefangenenlager. Was für eine Rolle spielt die Zahl 19?

Wer den Vorspann sorgfältig studiert hat, wird ahnen, wer der Mörder ist – da hat uns Stefan Ruzowitzky völlig unnötig einen Überraschungsgag geklaut. Doch das ist nicht das einzige Problem des extrem düsteren Thrillers in gedeckten Farben. Der Regisseur hat den Film komplett (!) vor der Green Screen gedreht und die windschiefen Gebäude später im Computer einkopiert. Dabei wird wohl jedem Zuschauer mit der Zeit schwindlig. Zu welchem Preis?

In „Der dritte Mann“ (mit dem unvergessenen Orson Welles) zeigte uns Carol Reed das zerstörte Wien nach dem Zweiten Weltkrieg, hier ist es das symbolisch „schiefe“ Wien nach dem Ersten Weltkrieg – einer Stadt voller kaputter Gestalten. Das hätte ein gelungener Film über das kranke Europa werden können – doch HINTERLAND ist nur manieriert und prätentiös. Schade!

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