Dass Kristen Stewart größere künstlerische Ambitionen hat, als nur Schauspielerin zu sein, war eigentlich klar. Nach jahrelanger Vorbereitung kommt nun endlich ihr Regiedebüt THE CHRONOLOGY OF WATER auch in unsere Kinos. Unbequem und fragmentarisch mutet die filmische Umsetzung der Memoiren von Schwimmerin und Autorin Lidia Yuknavitch an. Imogen Poots verkörpert die Hauptfigur grandios!
„Im Wasser, wie in Büchern, kann man sein Leben hinter sich lassen.“ sagt die britische Schauspielerin Imogen Poots („Vivarium – Das Haus ihrer (Alp)Träume“) in THE CHRONOLOGY OF WATER. Im Oregon der 1970er Jahre trainiert die Schwimmerin und Olympiahoffnung Lidia Yuknavitch (Imogen Poots) fleißig, um ihrem gewalttätigen Vater (Michael Epp) und ihrer alkoholkranken, selbstmordgefährdeten Mutter (Susannah Flood) zu entkommen. Schließlich ergattert sie ein Schwimmstipendium für ein College in Texas. Auch ihre ältere Schwester Claudia (Thora Birch) hat die Familie schon vor Jahren verlassen.
Es geht in Lidia Yuknavitchs „In Wasser geschrieben“ (so der deutsche Titel) um das Streben nach Schönheit, Selbstdarstellung, Begehren und das berauschende Gefühl des Schwimmens. Vor allem konzentriert sich die Autorin in dem Buch auf die Entwicklung eines Selbstbewusstseins als bisexuelle Frau. All das hat natürlich die mehrfach ausgezeichnete US-amerikanische Schauspielerin Kristen Stewart („Personal Shopper“) angesprochen. Das Drehbuch verfasste sie zusammen mit Andy Mingo und der Autorin Yuknavitch. In der filmischen Umsetzung THE CHRONOLOGY OF WATER erleben wir in grobkörnigen 16-mm-Bildern eine nicht-lineare Geschichte.
Töne, Bilder und Sprachfetzen prasseln auf uns ein. Immer im Zentrum des Geschehens: Imogen Poots („28 Weeks Later“, „The Look of Love“), die sich wirklich reinhängt. Das ist Wahnsinn möchte man sagen, die Frau ist eine Naturgewalt. Poots spielt Lidia als 17-jährige Teenagerin genauso überzeugend wie als fast 40-jährige Frau. Und wir nehmen ihre Perspektive ein. Das macht nicht unbedingt Spaß, denn Drogen und Alkohol spielen eine große Rolle. Auch Sex! Lidia probiert sich halt aus. Sie hat schließlich ein Trauma zu verarbeiten.
Ihr Stipendium verliert Lidia zwar, doch eine andere Tür öffnet sich: Sie zieht nach Eugene und schreibt sich an der Universität von Oregon ein. Dort wird sie von Ken Kesey (unfassbar gut: Jim Belushi) als eine von dreizehn Doktorandinnen angenommen. Gemeinsam schreiben sie den Roman „Caverns“. Kesey ist übrigens der Autor von „Einer flog über das Kuckucksnest“, 1975 kongenial verfilmt mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Auch in THE CHRONOLOGY OF WATER geht es um Außenseiter. Ein Thema, das die 1963 geborene Lidia Yuknavitch umtreibt, schließlich ist die Schriftstellerin und frühere Schwimmerin auch bekannt für ihren TED-Talk „The Beauty of Being a Misfit“, der über 4,5 Millionen Mal angesehen wurde.
Wir merken also schon: Das hier ist kein Mainstream. Fans, die Kristen Stewart nur als Bella Swan aus der „Twilight“-Saga kennen, sparen sich bitte THE CHRONOLOGY OF WATER. Das hier ist artsy-fartsy, wie man früher so schön sagte. Prätentiös umschreibt es als Adjektiv auch ganz akkurat. Stewart („Die Wolken von Sils Maria“) hat übrigens viel mehr Material gedreht, als sie schließlich verwendet hat. Die losen Fetzen des Gezeigten müssen wir als Transferleistung zusammensetzen. Es sind vor allem auch weibliche Themen: Es wird blutig, doch zumeist ist es nur der Menstruation der Frau geschuldet, dass es fließt.
Der Drogen- und Alkoholkonsum von Lidia ist immens. Die Entdeckung von S&M hilft der angehenden Schriftstellerin, ihre Dämonen zu bekämpfen. THE CHRONOLOGY OF WATER ist ein Rausch aus Bildern und Tönen. Wenn wir es zulassen, dann geht das unter die Haut. Das Elternhaus war die Hölle. Die Erinnerung funktioniert sprunghaft und assoziativ, das wollte Stewart erreichen. Lidias Mutter schaute konsequent weg. Die Disziplin beim Schwimmen war ein erster Ausweg, dann findet Lidia ihre Stimme im Schreiben. Sie kann ihre Verletzung und ihre anderen Erfahrungen in Sprache verwandeln.
Die Autorenfilmerin Stewart („Love Lies Bleeding“) sagt dazu: „Was mich faszinierte, war die Fragmentierung: Yuknavitch liefert keine geordnete Erzählung, sondern präsentiert dir die Bruchstücke eines Lebens und fordert dich auf, sie selbst zusammenzusetzen. Dieser Akt der Rekonstruktion – zuzusehen, wie eine Geschichte zerbricht, und sie dann wieder zusammenzufügen – wurde zum Antrieb meiner Überzeugung, dass dies mein erster Film sein müsste.“
Und sie ergänzt: „Kunst sollte Vielfalt bewirken. Und dieses Werk befasst sich auf eine Weise mit Perspektive und Körper, die sich so persönlich und physisch anfühlt. Es ist wirklich eine Reise, bei der du dein eigenes Abenteuer wählen kannst.“
Kristen Stewart („Spencer“) zwingt uns, „Hässliches mitanzusehen, sich mit Scham auseinanderzusetzen“. THE CHRONOLOGY OF WATER ist eine unmittelbare Erfahrung: Die Schnitte sind schnell, der Sound ist immersiv – und all das spiegelt wider, wie Erinnerung wirklich funktioniert. Und nochmal: Dies ist das komplette Gegenteil von einem klassischen Biopic. Es ist eine Zumutung, die die Zuschauenden aber positiv für sich nutzen können. „Sorry, Baby“ von der vielfach ausgezeichneten Filmemacherin Eva Victor hat das Missbrauchs-Sujet komödiantisch verarbeitet, und in „Smalltown Girl“ hat die Kieler Regisseurin Hille Norden das Thema auf ihre ganz eigene Art aufgearbeitet. Stewart setzt diese Reihe fort.
THE CHRONOLOGY OF WATER ist außerdem wirklich exquisit besetzt: Earl Cave (der Sohn des australischen Popstars Nick Cave) spielt Phillip, den ersten Ehemann von Lidia, der einfach zu nett ist (und hier auch musikalisch in die Fußstapfen seines Vaters tritt). Und Riot-Girl-Ikone Kim Gordon ist als Fotografin am Start. Zugegeben, die 133 Minuten sind schon etwas zäh. Ja, es ist eine Tortur. Und verstörend obendrein. Doch die Prosa von Lidia Yuknavitch findet hier ihr filmisches Äquivalent. Auch Stewart hat eine Transferleistung erbracht. Chapeau! Diese Selbstermächtung ist im doppelten Sinne gelungen. Das eigenwillige Debüt war definitiv eine der Entdeckungen in Cannes 2025.
The Chronology of Water (USA / Frankreich / Lettland 2025)
133 Minuten
Drama
Kristen Stewart
Kristen Stewart, nach den Memoiren von Lidia Yuknavitch
Corey C. Waters
Imogen Poots, Thora Birch, Susannah Flood, Tom Sturridge, Kim Gordon, Michael Epp, Earl Cave, Charlie Carrick, Esmé Creed, Miles, Jim Belushi
eksystent Filmverleih Kijas