Der Film der Woche

Sorry, Baby

18.12.2025

Mit einem äußerst feinsinnigen Gespür für die zwischenmenschlichen Töne zeigt uns die Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin Eva Victor mit SORRY, BABY einen ehrlichen Blick auf den Heilungsprozess nach einem Trauma.

Im beschaulichen Neuengland hat es Agnes (Eva Victor) von der Literaturstudentin zur Jung-Professorin gebracht, wenn auch nur mit einer befristeten Stelle. Allerdings lebt sie immer noch im selben Zuhause, das sie aber inzwischen nur noch mit ihrer Katze teilt. Als sie Besuch von ihrer alten Freundin Lydie (Naomie Ackie) erhält, ist die Freude groß, schließlich offenbart ihr Lydie, dass sie endlich schwanger ist. Nach einiger Zeit beginnt Agnes‘ Fassade jedoch Risse zu zeigen, u.a. durch die merkwürdige Beziehung zu ihrem Nachbarn Gavin (Lucas Hedges), bei der keiner so recht zu wissen scheint, ob es sich überhaupt um eine Beziehung handelt. Immer mehr drängt sich der Verdacht auf, dass Agnes etwas Schlimmes zugestoßen ist. Hat etwa ihr Doktorvater Professor Decker (Louis Cancelmi) etwas damit zu tun?

Dem aufmerksamen Zuschauer dürfte sehr schnell klar werden, dass es in SORRY, BABY um die Nachwirkungen einer Vergewaltigung geht. So viel darf an dieser Stelle verraten werden, ohne den Film zu spoilern. Doch die Drehbuchautorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin Eva Victor wählt einen gänzlich anderen Ansatz: Sie entschließt sich, ihre Figur nicht zum Opfer zu machen. Sie redet sich selbst immer wieder ein, dass doch alles in Ordnung sei und sie das Geschehene nicht beeinträchtigen würde.

Doch Agnes kann sich glücklich schätzen, eine Freundin wie Lydie zu haben, denn die sieht durch die bröckelnde Fassade ihrer Freundin hindurch. Sie hört zu, fragt nach und sieht, dass ihre Freundin Hilfe benötigt. Auch wenn diese das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zugeben mag. Eva Victor ist es in SORRY, BABY gelungen, uns Zuschauern ins Schaudern zu versetzen, ohne die schreckliche Tat zu zeigen. Der starre, unbewegliche Blick der Kamera auf das Haus des Professors ist allein dadurch bedrückend, dass viel zu viel Zeit vergeht, obwohl Agnes dort doch nur schnell etwas abholen wollte. Man möchte als Zuschauer gar nicht wissen, was gerade hinter diesen Fenstern vor sich geht.

Ja, SORRY, BABY ist anders als thematisch ähnlich gelagerte Filme. Manchmal spröde, manchmal herzlich, aber immer irgendwie ein wenig quirky. Das macht dann auch den Charme des Filmes aus, und je mehr man über Agnes erfährt, desto besser versteht man ihre Verhaltensmuster. Und umso mehr möchte man durch die Leinwand springen und ihr beim Verarbeiten des Geschehenen helfen.

„Ich schrieb den Film, den ich damals gebraucht hätte, als ich selbst eine ähnliche Krise wie Agnes durchlebte“, so Victor über die Entstehung von SORRY, BABY. Es ging ihr überhaupt nicht darum, den Übergriff zu schildern oder Gewalt zu zeigen, sondern vielmehr den Heilungsprozess im Anschluss. Dabei legte sie den Fokus auf das Steckenbleiben im Hier und Jetzt, während alle anderen weiterziehen und ihr Leben leben. Dass dieser Prozess der Befreiung nicht von heute auf morgen geschieht, dürfte jedem klar sein. Daher erstreckt sich die Handlung auch über mehrere Jahre, in denen wir immer wieder kleine Fortschritte sehen.

Wie Eva Victor ihre Geschichte mit Humor paart, ist nicht minder bemerkenswert. Denn Agnes ist selbst im tiefsten Chaos noch witzig. Aber nicht auf Kosten ihrer Figur, sondern als kluger Schutz und vorgehaltener Spiegel. Das verleiht ihrer Figur Größe und hilft ihr, die Macht über ihr eigenes Leben zurückzugewinnen.

SORRY, BABY ist aber auch ein Film über Freundschaft. Vielleicht hätte Agnes gar nicht selbst erkannt, in welchem Dilemma sie überhaupt steckt. Doch ihre Freundin Lydie war an ihrer Seite. Nicht immer physisch, aber immer zumindest in Gedanken und am Telefon. Zwar lebt auch sie ihr Leben weiter, wird Mutter, aber die Unterstützung ihrer Freundin hat sie zu keinem Zeitpunkt vernachlässigt.

Als SORRY, BABY beim Sundance Filmfestival Premiere feierte, waren Publikum und Kritiker gleichermaßen begeistert. Ein ähnliches Bild zeichnete sich auf weiteren Festivals, u.a. beim Filmfest Hamburg. Dass der Film jetzt in unsere Kinos kommt, ist ein ganz großes Glück – am meisten für uns Zuschauer.

Trailer

Im Rahmen der Berichterstattung
ab12

Originaltitel

Sorry, Baby (USA 2025)

Länge

104 Minuten

Genre

Drama

Regie

Eva Victor

Drehbuch

Eva Victor

Kamera / Bildgestaltung

Mia Cioffi Henry

Darsteller

Eva Victor, Naomi Ackie, Louis Cancelmi, John Carroll Lynch

Verleih

DCM Film Distribution GmbH

Filmwebsite

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